Verkleiden

Halloween 2009 – Gruselfest ist gut für Kinder

Das US-amerikanische Fest Halloween ist in Deutschland weiter auf dem Vormarsch. Fast jeder Dritte gab in einer Umfrage an, eine Halloween-Feier besuchen zu wollen. Vor allem bei Jugendlichen und Kindern ist das Fest beliebt. Sie können sogar ihr Selbstbewusstsein mit dem Fest steigern.

Das Halloween-Fest hat sich laut einer Umfrage mittlerweile auch in Deutschland etabliert. Ein Drittel der Bevölkerung findet die gruselige Feier am Vorabend von Allerheiligen „gut“, eben so viele wollen eine Halloween-Feier besuchen, wie das Hamburger Marktforschungsinstitut Resuma mitteilte.

Ein weiteres Fünftel könne sich noch spontan für eine Party entscheiden. Mit 85 Prozent ist das Fest den Angaben zufolge vor allem bei Jugendlichen populär, die bereits mit dem Brauch aufgewachsen sind.

Die meisten Anhänger hat Halloween der Umfrage zufolge im Rheinland. In den Karnevalshochburgen hätten zwei von drei Einwohnern eine gute Meinung von dem Fest. In Sachsen-Anhalt seien es lediglich 16 Prozent. Insgesamt halte jeder zwanzigste Deutsche Halloween für überflüssig. Zwei Drittel sähen in dem Fest eine „kommerzielle Erfindung des Handels“. Kindern ist dieser Aspekt egal.

Jonas (7) aus Köln zum Beispiel zählt die Tage bis Halloween. „Halloween finde ich klasse“, schwärmt er. Dieses Jahr geht er als Henker. Vor ein paar Tagen hat er das Kostüm schon mal angezogen und sich von seiner Mutter schminken lassen. Die Wirkung war enorm: Sein zwei Jahre alter Bruder bekam einen Schreianfall. „Der hat mich überhaupt nicht erkannt und hatte voll die Panik!“ Als die Kinder in der Schule ihr „schönstes Erlebnis vom Wochenende“ schildern sollten, erzählte Jonas genüsslich, wie er auf diese Weise seinen kleinen Bruder erschreckt hatte.

Erwachsene können sich oft nicht erklären, was Kinder nur daran finden, zu Halloween am Abend des 31. Oktober in die Rolle abscheulicher Monster, Gespenster oder Hexen zu schlüpfen und von Haustür zu Haustür zu ziehen. Manche fragen sich insgeheim: Ist mein Kind noch normal?

Sich zu verkleiden, sei immer ein schönes Erlebnis für Kinder, urteilt der Entwicklungs- und Kulturpsychologe Martin Schuster von der Uni Köln. Von Halloween gehe dabei ein besonderer Reiz aus: „Die Rollen sind einen Abend lang umgekehrt. Die kindliche Machtlosigkeit den Eltern gegenüber ist aufgehoben.“

Plötzlich sind die Kinder die Mächtigen, die die Erwachsenen erschrecken. Und sie setzen die Großen auch unter Druck. Denn an Halloween heißt es „Trick or treat“, Süßes oder Saures: Wer den an der Haustür klingelnden Gestalten nicht öffnet und sie mit Süßigkeiten versorgt, dem wird auch schon mal ein rohes Ei entgegengeschleudert.

„Machtfantasien können ein aufregendes Gegengift zu den Nöten des Alltags sein“, schreibt der US-amerikanische Autor Gerard Jones in seinem Buch „Kinder brauchen Monster“ (Ullstein Verlag): Die Unfähigkeit, sich selbst und seine Umwelt zu beherrschen, bringe Schmerz, Frustration, Verzagtheit und Angst mit sich. Verständlicherweise sei eine der tiefsten Sehnsüchte des heranwachsenden Kindes daher der Wunsch, sich stark zu fühlen, so Jones.

Der österreichisch-amerikanische Psychologe Bruno Bettelheim (1903-1990) mahnte Eltern, die Kinder darin nicht zu entmutigen: „Das Kind, das soviel unsicherer ist als der Erwachsene, braucht die Bestätigung, dass es kein Mangel und kein Versagen ist, wenn es danach verlangt, sich in Fantasien zu ergehen“, schrieb er schon Mitte der 70er Jahre in seinem Klassiker „Kinder brauchen Märchen“.

Die Fantasie habe oft einen therapeutischen Zweck, erläutert Psychologe Martin Schuster: „Sie hilft dabei, die Einschränkungen des Alltags zu erleichtern.“ Und Fantasie könne Kindern auch dabei helfen, Ängste abzubauen. Aus bedrohlichen Figuren wie Gespenstern oder Vampiren könne „die Luft rausgelassen werden“, indem man sie selbst spiele und auf diese Weise beherrsche: „Dann merkt man plötzlich, dass das Gespenst gar nicht so schrecklich ist.“

Schuster warnt allerdings auch vor den Schattenseiten Halloweens: „Es geht sehr viel anonymer zu als etwa an Karneval. Denn im Karneval sind die Leute in der Regel noch zu erkennen, es gibt anders als an Halloween keine Ganzmaskierung.“ Die Hexen, Vampire und Monster in der Halloween-Nacht seien dagegen oft geradezu vermummt. Dies berge vor allem bei Jugendlichen Gefahren: „Hier ist die Hemmschwelle zu aggressivem und möglicherweise sogar kriminellem Verhalten sehr viel niedriger.“

Halloween könne für das Kind gut sein, um sich auszuleben und Selbstbewusstsein zu tanken, meint Schuster. Allerdings sollte sich das Kind nicht zu stark mit bösen Figuren identifizieren. „Denn auch eine nur zeitweilige Assoziierung mit dem Bösen kann durchaus Räume in der Psyche schaffen.“ Ihm persönlich gefällt Karneval besser: „Für Kinder sind Fantasiefiguren angemessener, die auch eine positive Bedeutung haben: Einen Indianer oder einen Cowboy verbindet man durchaus auch mit positiven Eigenschaften.“

Eine andere Haltung vertritt hier US-Autor Gerard Jones: Kinder sollten in Gedanken so böse auf jemanden sein dürfen, wie sie nur wollten, sollten ihn in der Vorstellung sogar erschießen oder mit einer Dampfwalze überfahren können, schreibt er: „Sie dürfen es nur nicht tun.“

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