Zugunglück mit 43 Toten

Unfallopfer schlagen Scheiben ein und stürzen ab

43 Tote und 211 Verletzte – so die Bilanz nach dem Aufprall zweier Schnellzüge in China. Verantwortlich soll die Bahn sein, die sich Sicherheit nichts kosten lassen will.

Als der Strom nach dem Aufprall der beiden chinesischen Züge ausfällt, versuchen in Panik geratene Passagiere verzweifelt, die Fensterscheiben mit Feuerlöschern zu zertrümmern. Einigen gelingt es, körpergroße Löcher in das Sicherheitsglas zu schlagen, durch die sie sich ins Freie zwängen.

Sie wissen nicht, dass sie über einer Brücke hängen und stürzen metertief hinab. So beschreiben Augenzeugen die dramatischen Ereignisse nach der ersten Bahnkatastrophe unter Chinas neuen Hochgeschwindigkeitszügen. 43 Tote werden bislang gezählt, darunter zwei ausländische Touristen. 211 Menschen sind verletzt.

Luftaufnahmen zeigen am Morgen das Ausmaß des Unglücks. Auf einer rund 20 Meter hohen Brücke in der Nähe von Ostchinas Stadt Wenzhou waren nach einem Aufprallunfall mehrere Waggons des von Peking nach Fuzhou fahrenden D-301entgleist und herabgestürzt.

Ein Waggon hing bis Sonntag früh vom Brückengeländer herunter. Nach einer dramatischen Bergung von eingequetschten Insassen, schweißen Helfer das Abteil frei und lassen es hinunterstürzen. In der Nacht zuvor ist der mit 500 Reisenden besetzte D-301 auf einen auf der Brücke stehenden D-3115 aufgeprallt. Der Zug war auf dem Weg von der Provinzhauptstadt Hangzhou nach Wenzhou. In ihm sitzen zum Zeitpunkt des Unfalls 900 Passagiere.

Den Aufprall erleben sie um 8.38 Uhr abends als einen „Knall“. Zuvor war ihr der bis zu 250 Stundenkilometer schnelle Zug in schweren Gewittern plötzlich zum Stehen gekommen. Eine Frau, die sich Zhou nennt und mit Schrammen am Arm im Wenzhouer Hospital behandelt wird, erzählt chinesischen Reportern, dass sie zuerst an ein Erdbeben glaubt.

Koffer fliegen durch die Gänge. Autofahrer Gu Xianwei verfolgt zur gleichen Zeit die gespenstische Szene von außen auf der Straße von seinem Wagen aus. Er sieht, wie die ersten vier Waggons des auffahrenden D-301 entgleisen und von der Brücke stürzten.

Die beiden Schlussabteile 15 und 16 des D-3115 springen zwar auch aus den Schienen, fallen aber nicht die Brücke herab. Die Wucht des Aufpralls zerstört vor allem den aus Peking kommenden Zug. Sein Lokführer Pan Yiheng muss noch versucht haben, eine Notbremsung einzuleiten, meldet die amtliche Nachrichtenagentur „Xinhua“. Er wurde im Moment des Zusammenpralls „regelrecht von der Bremsvorrichtung aufgespießt".

Die Katastrophe, in die sich sofort Pekings Parteichef Hu Jintao und Premier Wen Jiabao mit Anweisungen aus Peking einschalten, stellt Chinas seit 2007 ebenso ehrgeizig wie rasend ausgebautes und heute 9000 Kilometer langes Hochgeschwindigkeitsnetz auf den Prüfstand. „Haben wir wieder einmal Sicherheit für Tempo geopfert?“ fragen Blogger im Netz.

Sie verlangen den Rücktritt des neuen Eisenbahnministers Sheng Guangzu. Er hätte keine Lehren aus dem hochkochenden Korruptionsskandal um seinen Vorgänger, Eisenbahnminister Liu Zhijun, gezogen. Der wurde im Februar abgesetzt und festgenommen. Ihm und seinen Chefplanern wird vorgeworfen, sich auf Kosten von Sicherheit und Qualität beim Bau der Hochgeschwindigkeitsbahnen um Milliarden bereichert zu haben. Die Angst vor Baupfusch geht um.

Der Unfall ist ein schwerer Rückschlag für das Gesamtprogramm des Hochgeschwindigkeitsbaus. Nur wenige Tage zuvor hatte Eisenbahnsprecher Wang Yongping sich für Ausfälle und lange Verspätungen der im Juli eingeweihten neuen 1317 Kilometer langen High-Speed-Bahn von Peking nach Schanghai entschuldigt.

Gewitter hatten die Stromversorgung beeinträchtigt, die Züge zum Halten gebracht. Wang streitet aber ab, dass die neue Bahn ernste Sicherheitsprobleme aufweist, weil sie zu schnell gebaut wurde. Im Gegenteil: Die Sicherheitstechnik sei so sehr ausgefeilt, dass sie auf schwere Gewitter sofort reagiere. Doch im Fall des gestrigen Unglücks funktionierte die Sicherheit nicht.

Chinesische Experten diskutieren zwei Szenarien im Internet: Entweder hätten die Bahn-Leitstände aus technischen oder menschlichen Verschulden übersehen, dass einer der Züge mitten auf der Strecke zum Stillstand kam. Oder der Blitzeinschlag zerstörte die Gleis- und Signaltechnik beim D-3115, der dann seine Position nicht mehr weitermelden konnte. Aufklärung soll die Eisenbahn “Black Box“ bringen, die am Unglücksort gefunden wurde.