Nach Zugunglück

Pekings Führer verbeugen sich vor Wut der Chinesen

Chinas Premier Wen reagiert auf die empörten Internetnutzer, die den Umgang mit dem Zugunglück kritisieren. Der Unmut über den Fortschrittswahn Chinas wächst.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Premier Wen Jiabao findet eine verblüffende Erklärung, als er sich vor Journalisten und Angehörigen der Opfer des Eisenbahnunglücks in Wenzhou für seine Verspätung entschuldigt: "Heute ist der sechste Tag nach dem Unfall. Ich lag elf Tage krank im Bett. Jetzt erst hat mir der Arzt erlaubt, hierher zu fahren", sagt Chinas zweitmächtigster Mann bei der Ankunft am Unglücksort.

Chinas Regierungschef gibt ad hoc eine Pressekonferenz unter der Brücke, auf der vergangenes Wochenende ein Hochgeschwindigkeitszug auf einen anderen auffuhr, der im Gewitter zum Stehen gekommen war. Vier Waggons stürzten 20 Meter tief, 39 Reisende starben, darunter zwei US-Bürger und eine Italienerin.

192 Passagiere wurden verletzt. Sechs Tage lang reagierten Pekings Führer bis auf eine schriftliche Weisung nicht öffentlich auf den Unfall, der auch zum Rückschlag für eines ihrer wichtigsten Prestigeprojekte wurde – und sehen sich dafür nun im Internet einer Massenkritik an ihrem "Modernisierungswahn um jeden Preis" ausgesetzt.

Pekings Führer brauchen sich vor ihrem Volk nicht rechtfertigen

In Mikroblogs wird der verschlossene Führungsstil der Regierung kritisiert und dem Eisenbahnministerium Inkompetenz und Korruption vorgeworfen. Auch wenn er es nicht zugibt: Der einstündige Auftritt Wens ist eine Reaktion darauf, ein Versuch, die erregten Gemüter zu besänftigen. Die Pressekonferenz ist ein Novum, aber nur Hongkongs Kabelsender "Phönix" darf sie live übertragen.

Chinesische TV-Sender bekamen von den Propagandabehörden keine Erlaubnis. Das wirft ein merkwürdiges Licht auf den Auftritt des Premiers, der in Wenzhou politisch die Notbremse ziehen will. Es scheint, als ob nicht alle in der Pekinger Inneren Führung seine Aktion für eine gute Idee halten. Der Premier ist früher schon, wenn er im Ausland über die Notwendigkeit von politischen Reformen sprach, daheim von Betonköpfen im Politbüro ausgebremst worden.

So wirkt es auch diesmal. Die Nachricht über seinen Besuch senden die Abendnachrichten des staatlichen Fernsehens erst an zweiter Stelle, nach einem nichtssagenden Beitrag über die Reisernte. Über die Entschuldigungen Wens wird nicht berichtet. Deutlicher kann man es kaum zeigen: Pekings Führer brauchen sich vor ihrem Volk nicht zu rechtfertigen.

Das weltweite Netz wird in China zur mächtigen Gegenöffentlichkeit

In Wenzhou aber sagt Wen etwas anderes: "Wir wollen vor dem Volk Rechenschaft ablegen." Er nennt den Unfall eine bittere Lehre: Sicherheit müsse immer an erster Stelle stehen. Wen verspricht, dass "unabhängige Untersucher den Unfall rasch, offen, transparent und unter öffentlicher Kontrolle aufklären. Falls wir auf Korruption stoßen, werden wir mit harter Hand reagieren". Wens Kalkül geht auf. Sein Besuch kann die tobende Internetgemeinde besänftigen, zumindest vorerst.

Fast eine halbe Milliarde Menschen können heute in China online kommunizieren , 195 Millionen haben eigene Mikroblog-Accounts. Sie sind eine neue virtuelle Macht und lassen es Peking spüren. Das Internet wird zur Gegenöffentlichkeit. Blogger berichten über Demonstrationen von 120 Angehörigen der Toten, die den Bahnbehörden Versagen und Verschleiern vorwerfen.

Millionen kommentieren wütend, wie die Bahn schon nach dem ersten Tag des Unglücks einen von der Brücke gestürzten Waggon vergraben lässt. Sie widersprechen der Bahn, die erklärt hatte, damit sollte nur der morastige Untergrund unter der Brücke stabilisiert werden. Auf den Internetdruck hin muss die Bahn den Waggon zur Untersuchung wieder ausgraben lassen.

Die Wut der Chinesen drückt sich in den Internet-Blogs aus

Blogger verspotten Techniker, die ihnen weismachen wollen, Chinas modernstes Bahnsystem, für das Peking die Technologien von Siemens' ICE und Japans Shinkansen zusammenkaufte, habe keine funktionierenden Blitzableiter. Sie verlangen den Rücktritt des neuen Eisenbahnministers, der als Bauernopfer drei Schanghaier Bahnfunktionäre absetzen ließ.

Die größte virtuelle Wut, die dann auch auf die Zeitungen überschlägt, hat die Nachricht von einem Befehl an die Helfer ausgelöst, ihre Suche nach Überlebenden zu beenden. Sie sollten einen zertrümmerten Waggon über die Brücke kippen, um die Strecke schnell wieder freizumachen.

Ein Bergungsleiter weigerte sich, durchsuchte weiter das Abteil und entdeckte ein schwerverletztes, zweieinhalbjähriges Mädchen, dessen Eltern tot sind. Das Überleben von "Jimi" wird in den Blogs zur Anklage gegen die "neue Große Sprung-Mentalität, die uns alle ins Unglück stürzt". Peking halte sich nicht an seine Lippenbekenntnisse, China nachhaltiger und sozial gerechter zu entwickeln. In Wirklichkeit "wollt ihr alles schneller, höher, weiter und immer tiefer", wie es ein Blogger ausdrückt.

Rufe nach "neuen Ai Weiweis" werden laut

Das Gewitter sei nicht Ursache, sondern Auslöser gewesen, bestätigt der neue Direktor des Schanghaier Bahn-Kontrollzentrums, An Lusheng. Pekinger Systemingenieure hätten die Signalsysteme fehlerhaft konstruiert. Diese hätten nach dem Blitzeinschlag und vor dem langsamer fahrenden Zug nicht auf Rot, sondern auf Grün geschaltet. Zu dem technischen Fehler kam menschliches Versagen beim Aufsichtspersonal in den Leitzentralen, dass für solche Situationen nicht ausgebildet war.

Die kritische Wochenzeitung "Nanfang Zhoumo" nennt das Unglück den Preis, den das von seinen rasenden Fortschritten überforderte China immer öfter zahle. Die konzertierte Internet-Opposition trifft Chinas Führung nach Ansicht der Zeitung unvorbereitet. Gerade noch hatte sie Millionen Bürger organisiert, "rote Revolutionslieder" auf 90 Jahre Parteigeburtstag zu singen.

Nun liest sie die Stimmen von Bloggern, die nach "neuen Ai Weiweis" rufen. So wie der von der Polizei zum Schweigen gebrachte Künstler einst die Namen der Opfer eingestürzter Schulen beim Sichuaner Erdbeben erfasste, sollen nun die Toten gezählt werden, die Chinas Modernisierungs- und Rekordwahn fordert.

Chinas Zensoren löschen regimekritische Internetseiten

Mutige Anwälte wie der Pekinger Liu Xiaoyuan veröffentlichen in ihren Mikroblogs, wie die Justiz Anwälte davor warnte, Mandate für die Familien der Zugopfer in ihren Klagen gegen das Eisenbahnministerium zu übernehmen.

Buchstäblich millionenfach wird ein Mikroblog verbreitet, der das weitverbreitete Unbehagen an Pekings Modernisierungskurs thematisiert, weil er die Bürger überfordere und auf Schritt und Tritt gefährde: "China: Bitte halte in Deinen fliegenden Schritten ein, Warte darauf, dass Dein Volk und Deine Seele Schritt halten, dass Deine Moral und Dein Gewissen mitkommen! Lass keine Züge mehr entgleisen, keine Brücken mehr einstürzen, keine Straßen mehr einbrechen, keine Häuser mehr baufällig werden. Mach langsamer China! Lass jedem Leben seine Freiheit und Würde. Lass nicht zu, dass Menschen von der Zeit überrollt werden. Sorge, dass jeder friedlich und sicher an seinem Ziel ankommt."

Der Blog stammt von dem Pekinger Autor Tong Dahuan, der ihn spontan am vergangenen Samstag um ein Uhr früh aufschrieb, vier Stunden nach dem Zusammenstoß. Der Spruch des 43-Jährigen wurde von seiner Seite 300.000fach abgerufen, bevor er von "Marsmenschen" gelöscht wurde, wie Tong schreibt. So werden im Internet Chinas Zensoren genannt.

Blogger: Die Führer Chinas leben geistig in Mao-Zeiten

Opfer der Zensur wird diesmal auch Chinas größter Spötter Hanhan, ein Shanghaier Autor und Rennfahrer. Er ist das Idol einer ganzen Generation, die seine Blogs bislang 490 Millionen Mal abgerufen hat. Den aktuellen hat Peking gelöscht. Hanhan hatte die Entfremdung zwischen Herrschern und Beherrschten aufgespießt, die einander nicht mehr verstünden, sichtbar gemacht durch den Bahnunfall.

In dem Blog ließ Hanhan die Regierenden die Undankbarkeit ihres Volkes beklagen, die nicht das Große sehen, sondern bei jedem nichtigen Vorfall nur kritisieren würden: "Warum seid ihr nicht dankbarer? Wir könnten doch – weil wir eine so große Armee haben – ganz anders mit Euch umspringen, so wie in Nordkorea oder unter den Roten Khmer. Aber das tun wir doch gar nicht."

Hanhan lässt das Volk antworten: "Dieser Staat macht keine Fortschritte, weil so viele seiner Führer sich noch immer daran messen, als ob sie zu Zeiten Mao Tsetungs oder Stalins lebten. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, weil sie von sich glauben, aufgeklärt, gerecht und herzensgut zu sein."