Narzisstische Störung

Der Amoklauf als ultimativer Machtbeweis

Amokläufer kommen selten aus offensichtlich kaputten Familienverhältnissen. Die Gefahr ihrer Wandlung lauert an ganz anderen Stellen im Alltag.

Fast alle Eltern haben ihn schon einmal erlebt: den Moment, in dem sie im eigenen Kind einen völlig Fremden entdecken. Meist ist er nur kurz und harmlos. Was aber, wenn dieser Fremde zum mehrfachen Mörder wird? Die Eltern der Columbine-Attentäter Eric Harris und Dylan Klebold, des Erfurter Amokläufers Robert Steinhäuser und von Tim K. in Winnenden haben diese Erfahrung gemacht.

Hätten die Eltern nicht etwas bemerken müssen? Es ist die Frage, die sich unabhängig von der strafrechtlichen Erwägung nach allen Amokläufen von Teenagern stellt. Neuere Untersuchungen zeigen, dass es bei jugendlichen Tätern tatsächlich viele Parallelen gibt. Praktisch alle litten unter einer narzisstischen Störung.

Während sie kleine alltägliche Kränkungen emotional aufbauschten, verstiegen sie sich in die Vorstellung von der eigenen Grandiosität. Der Columbine-Attentäter Eric Harris beschrieb in Aufsätzen, dass niemand auf der Welt das Computer-Spiel „Doom“ so gut beherrsche wie er. Im Alltag blieben viele den Beweis des Genialen schuldig. Mitschüler machten sich lustig über die Mischung aus Angeberei und Versagen.

Was nicht heißt, dass permanent Mobbing ausgeübt wurde. Viele Täter pflegten Freundschaften und gesellschaftliche Kontakte. So war Robert Steinhäuser im Handballverein aktiv. Nur Tim K. lebte am Ende sozial weitgehend isoliert.

Amoktäter kommen häufig aus Elternhäusern, die unauffällig wirken. „Es sind in keiner Weise ‚broken homes‘, sondern kleinbürgerliche Elternhäuser oder Mittelschichtfamilien, in denen ein gemeinsames Familienleben mit geregelten Mahlzeiten und Sorge um das Wohlergehen des Kindes festzustellen ist“, schreibt die Gießener Strafrechtlerin Britta Bannenberg im Buch „Amok“.

Eine weitere Gemeinsamkeit: Fast alle Amoktäter hatten erfolgreichere und sozial besser integrierte Geschwister. Und: Auffällig war das Verhältnis zum Vater. In einigen Familien wird er als eher abwesend beschrieben. Die Folge ist laut Psychologen ein gestörtes Männlichkeitsbild. Mit dem Amoklauf wollen sie ultimative Macht beweisen. Die Eltern spüren das, reagieren aber oft gedanken- oder hilflos.

Der Vater von Tim K., ein Unternehmer, versuchte, den schwierigen Kontakt zum Sohn durch die gemeinsame Waffenleidenschaft zu verbessern. Eltern fällt es nicht nur schwer, sich einzugestehen, dass ihr Kind Hilfe braucht, sondern auch, dass sie ihm diese nicht geben können.

Zehn Jahre nach dem Columbine-Attentat in den USA hat die Mutter von Dylan Klebold ihre Gefühle beschrieben: „Ich habe geglaubt, dass wenn man jemanden so tief liebt wie ich meinen Sohn, man weiß, wenn er in Schwierigkeiten steckt. Dass meine Mutterinstinkte ausreichen würden, um ihn zu beschützen. Ich hatte keine Ahnung.“