Aus Protest

Zwei nervenstarke Nonnen besetzen ihr Kloster

Vor sechs Jahren sollte das Kloster Maria Königin auf Weisung des Vatikans aufgelöst werden. Doch zwei Nonnen weigern sich auszuziehen.

Foto: picture-alliance/ dpa / picture-alliance/ dpa/dpa

Zu zweit sind sie noch, und das reiche ja auch, sagt Schwester Regina. Schließlich habe Christus gesagt, wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Und wenn Jesus Christus das sagt, wie wenig wiegt dann das Wort des Bischofs?

Oder das der römischen Ordenskongregation, der ordentlichen Gerichte? Oder das der anderen Karmelitinnen, die es auch am liebsten sähen, wenn Schwester Regina und Schwester Katharina ihr Kloster aufgäben. „Ich verlasse das Kloster nur im Sarg“, sagt Schwester Regina.

In anderen Fällen würde man wohl beschwichtigen, man würde nicht unbedingt davon ausgehen, dass jemand, der solch einen Satz sagt, ihn auch ernst meint, dass es noch möglich wäre, ihn umzustimmen, ihm gut zuzureden, doch Schwester Regina ist eine Frau, die sich vor mehr als 40 Jahren dazu berufen fühlte, ihr Leben in Klausur zu verbringen, für das Seelenheil der Welt zu beten, die auf Partnerschaft, Familie verzichtet hat. So jemand sagt einen solchen Satz nicht einfach dahin.

Steil ist der Weg zum besetzten Kloster Maria Königin, das, umgeben von Wald und Wiesen, seit 1955 auf der Höhe über dem Eifeldorf Zweifall liegt. Im Krieg hatten Karmelitinnen, die von den Nazis aus ihrem Kloster vertrieben wurden, in Zweifall Zuflucht gefunden, danach wollten die Bewohner die Nonnen nicht mehr missen, und man schenkte ihnen ein großes Grundstück.

Die Schwestern sollen einem Wellnesscenter weichen

Die Dorfgemeinschaft half beim Bau des Klosters, das schließlich 30 Schwestern bezogen. Verändert hat sich seitdem nicht viel. Immer noch gibt es einen kleinen Laden, in dem Honig, Heiligenbildchen, Rosenkränze und Töpferwaren verkauft werden, immer noch backen die Nonnen im Keller des Klosters Hostien und verdienen damit ihren Unterhalt.

Allerdings wurden mit den Jahren die Nonnen immer älter. Sie starben nach und nach, und Nachwuchs gab es nicht.

Als ihr Kampf gegen die Auflösung vor sechs Jahren schließlich doch noch begann, hatten sie ihn eigentlich schon verloren: Sie waren nur noch zu viert, lebten auf knapp 4000 Quadratmetern, drei von ihnen waren über 80 Jahre alt. Schwester Regina, die 1978 nach Zweifall gekommen war, war bei weitem die Jüngste, heute ist sie 60.

„Von Seiten des Ordens befürchtete man, dass ein geregeltes klösterliches Leben nicht mehr möglich war“, fasst ein Sprecher des Bistums Aachen die Anfänge zusammen, „Pflicht zur Fürsorge“ sei das Motiv gewesen. Nach dem Besuch einer Abordnung, nach vielen Gesprächen und dem Versuch eine gütliche Lösung für die verbliebenen Schwestern zu finden, habe der Bischof in die Auflösung der Gemeinschaft beantragt, was die zuständige Ordenskongregation in Rom schließlich bewilligte. Seitdem existiert das Kloster offiziell nicht mehr.

Nun muss man kurz unterbrechen. Es gibt nämlich auch noch eine andere Sicht der Dinge, die man sich in Zweifall erzählt, und das ist auch die Geschichte, die Schwester Regina erzählt, wenn sie jemanden durch das leere Kloster führt, wenn sie den mit Holz zu befeuernden Ofen zeigt, „der uns unabhängig von Strom oder Gas macht“, wenn sie die Tür zu einer der mit Schrank, Bett und Waschbecken kärglich ausgestatteten Zellen öffnet, wenn sie im Kellergeschoß den Trockenraum für die Hostien präsentiert, die für Kunden in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden herstellen, „auch für evangelische Gemeinden“, wie sie betont.

Die andere Seite der Geschichte

Hier also geht die Geschichte so: Wegen knapper Kassen soll das Bistum die Schwestern unter Druck gesetzt haben, ihr Kloster aufzugeben, weil im Falle einer Auflösung Grundstück und Gebäude an das Bistum gefallen wäre. Die Schwestern aber hätten sich gewehrt, darauf verwiesen, dass sie weder vom Bischof noch vom Mutterorden finanzielle Unterstützung bekämen.

In den Gesprächen seien die alten Schwestern schließlich bearbeitet worden, der Auflösung ihres Klosters zuzustimmen, so sehr, dass die damalige Priorin einen Herzanfall erlitten habe, an dem sie schließlich gestorben sei. Im Dorf wissen Leute sogar zu berichten, dass Vertreter des Bischofs noch auf der Intensivstation des Krankenhauses auf die alte Frau eingeredet hätten, was allerdings auch Dorfklatsch sein kann, zumindest mag Schwester Regina das nicht bestätigen.

Ebenso wenig kann sie zu dem Gerücht etwas sagen, dass es einen Plan und einen Investor gegeben habe, der aus dem Kloster ein Wellnesszentrum machen wollte und das Bistum es deshalb so eilig hatte.

Irgendwann aber, während eines dieser stundenlangen Gespräche machten sie schließlich von ihrem Hausrecht Gebrauch und riefen die Polizei, die die Vertreter des Bistums aus dem Kloster hinausführten. Danach habe der Bischof über die Köpfe der Nonnen hinweg die Auflösung in Rom beantragt, obwohl es dafür die Zustimmung der Schwesterngemeinschaft gebraucht hätte, sagt Schwester Regina.

Als sie selbst nach Rom gereist sei, um ihren Standpunkt vorzutragen, hätte man sie einfach abgekanzelt, fügt sie hinzu. Schwester Katharina, 40 Jahre alt, die damals nach Zweifall gekommen war, um die Nonnen in ihrem Kampf zu unterstützen, ergänzt, bei ihnen habe es sich ja nur um ein paar schäbige, kleinen Nonnen gehandelt, wofür sie sich allerdings einen bösen Blick ihrer Mitschwester einhandelt.

Das Kloster bleibt besetzt

Seitdem also ist das Kloster besetzt, was im klösterlichen Leben allerdings keinen Unterschied macht, sagt Schwester Regina. Es gibt einen Freundeskreis des Klosters, der dabei hilft, das Gelände in Ordnung zu halten.

Es finden Ausstellungen befreundeter Künstler statt und die Schwestern versuchen so gut es geht, ihren vom Orden vorgegebenen Tagensablauf einzuhalten: Um 5.15 Uhr stehen sie auf, um 20 Uhr ist die Komplet, dazwischen wird gebetet, gearbeitet und gegessen.

Ab und an allerdings bekommen die Nonnen Post vom Gericht und Schwester Regina muss sich mit einem Bekannten aus ihrer vorklösterlichen Zeit auseinander setzten, ein Rechtsanwalt in Halle, der das Kloster juristisch unterstützt. Denn auch wenn die Mühlen der Justiz mahlen immer noch. Langsam halt.

In der vergangenen Woche kam wieder so ein Brief. Diesmal vom Amtsgericht in Aachen, das einen neuen, einen „Notvorstand“ für den das Kloster tragenden Verein einsetzte. „Abgeordnete des Bischofs“, nennt Schwester Regina die zwei Karmelitinnen, die nun über den Trägerverein des Klosters bestimmen dürfen.

„Wir wollen, dass alles im mitschwesterlichen Sinne geregelt wird“, sagt allerdings Notvorstandsmitglied Schwester Hildegard, die auch Vorsitzende der Förderation der Karmelitinnenklöster in Deutschland ist. In dieser Woche wolle man sich zunächst einen Überblick über die Finanzlage des Klosters verschaffen, was danach komme, wisse sie noch nicht, aber klar sei, dass niemand beabsichtige die Besetzung des Klosters mit Gewalt zu beenden. Allerdings könnten sie das nun. Schwester Regina erwägt nun den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anzurufen. Mehr bleibt ihr nicht.

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