Unglück beim Pukkelpop

Wie aus einem belgischen Festival die Hölle wurde

Sonne, Musik, fast familiäre Atmosphäre: Ein Jahr nach dem Selbstmord eines Sängers wollte man auf dem Musikfestival Pukkelpop wieder feiern. Doch dann kam der Sturm.

Zehn Minuten. Nur zehn Minuten dauerte es, bis das Festivalgelände des Pukkelpop in Hasselt in Belgien im Chaos versinkt. Am frühen Abend wird der Himmel plötzlich schwarz, Sturmböen peitschen über die Kuhwiese, die sich jedes Jahr für drei Tage in eine riesige Zeltstadt verwandelt.

Auf einer der Hauptbühnen, auf der gerade die Band "Skunk Anansie" spielt, werden die großen Videoleinwände umgeworfen, Metallteile stürzen zu Boden. Die Band wird nach dem Unglück vom schlimmsten Tag in ihrer Karriere sprechen.

Am Rande des großzügigen Geländes steht eine Reihe von meterlangen Pappeln. Der Wind wirft einige von ihnen wie Spielzeug um. Dazu kommt ein Starkregen, der es teilweise unmöglich macht, die Hand vor Augen zu sehen. Blitze zucken, dicke Hagelkörner verletzen die Flüchtenden, die nicht wissen, wohin sie laufen sollen. 60.000 Menschen suchen Schutz. „Sie schauen verzweifelt nach einem Unterschlupf. Es regnet wie verrückt, man kann kaum etwas sehen. Dazu kommen dicke Hagelkörner und heftige Sturmböen“, sagt eine Reporter, der für einen lokalen Sender live vom Pukkelpop berichtet.

Ein unerwartetes Unwetter, für das es keinerlei Warnung im Vorfeld gegeben hatte, sucht das größte Musikfestival Belgiens heim.

Einige der Besucher flüchten in das Chateau-Zelt, in dem gerade die Band “Smith Westerns“ spielt. Doch auch das hält den Wetter-Extremen nicht stand, fällt zusammen und begräbt die jungen Leute unter sich. Mit Taschenmessern bahnen sie sich ihren Weg zurück ins Freie. Der Sänger der Band, Cullen Omori, liegt unter einem der Bildschirme, die umstürzen. Er kann später nur leicht verletzt gerettet werden, wie die meisten, die wie durch ein Wunder ohne Verletzungen davon kamen.

Besucher stehen unter Schock

Auch Frank H. (40) aus Aachen befindet sich mit seinen Freunden mitten im Durcheinander. „Wir saßen in der Sonne. Da hat nichts auf ein Unwetter hingewiesen. Plötzlich wurde es richtig dunkel, Sturm kam auf, dann der Regen und dann auch noch Hagelkörner in der Größe von Tischtennisbällen. Es war völlig irre. Innerhalb von Minuten hat sich das Gelände um unser Zelt in einen wadentiefen See verwandelt. Dann konnte ich aus der Ferne sehen, wie ein Baum auf den Campingplatz stürzte.“

Immer mehr Leute strömen auf den nahe gelegenen Zeltplatz. Sie stehen unter Schock. "Neben mir stand ein Junge, der hat völlig gezittert. Dem haben wir erstmal trockene Sachen gegeben und ihn zwischen uns gesetzt, damit er sich wieder beruhigt." Gerüchte über Tote machen die Runde. Die Freunde entscheiden, das Festival zu verlassen. Ihr Zelt lassen sie zurück. Eine weitere Augenzeugin sagt der belgischen Zeitung "De Standaard" : "Binnen Minuten hatte sich das Gebiet von einer lustigen Veranstaltung in ein Schlachtfeld wie beim Ersten Weltkrieg verwandelt".

Die Bilanz des schweren Sturms: Vier Menschen finden den Tod. Zwei sterben an der Hauptbühne, werden erschlagen, ein junger Mann kommt auf dem Campingplatz ums Leben, ein weiterer erliegt in der Nacht seinen Verletzungen. Das jüngste Opfer ist 15, das älteste 59 Jahre alt. Zehn Menschen werden schwer verletzt, drei von ihnen schweben immer noch in Lebensgefahr. Insgesamt müssen 140 Menschen behandelt werden.

Die Nacht verbringt eine Reihe der schockierten Besucher noch auf dem Campingplatz, der sich in einen Morast verwandelt hatte. Bewohner im angrenzenden Hasselt stellen ihre Wohnzimmer zur Verfügung, versorgen die verschreckten und durchnässten Menschen mit trockener Kleidung, Essen und Getränken. Viele übernachten in Turnhallen in der Umgebung. Die meisten Festival-Besucher verlassen das überflutete Gelände bis zum Morgen. Sie wollen nicht am Ort des Schreckens bleiben.

Das Sicherheitskonzept greift

Zumindest das Sicherheitskonzept beim Pukkelpop hat, anders als bei der Loveparade in Duisburg, einigermaßen funktioniert. Die Sanitäter und Hilfsdienste können ausschließen, dass es zu einer Massenpanik auf dem Gelände gekommen ist. Das könne man anhand der Verletzungen, die behandelt worden sind, sagen. Das bestätigte auch die Bürgermeisterin von Hasselt, Hilde Claes auf einer Pressekonferenz. „Nach Aussage der Ärzte haben die Todesopfer schwere Verletzungen am Kopf und an der Brust erlitten. Wäre es zu einer Massenpanik gekommen, hätten wie mehr Verletzungen, die durch Druck entstanden wären.“

Claes war auf dem Festivalgelände, als es losging. „Der Sturm kam schnell, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass Panik ausbrach. Trotzdem ist das Ergebnis die Hölle, ein Albtraum, der für uns nicht in Worte gefasst werden kann.“

Das Festival sei unerwartet von dem heftigen Sturm erfasst worden, sagte auch der Leiter der Feuerwehr in Hasselt, Bert Swijsen. Seine Männer hätten ständig in Kontakt mit den Wetterdiensten gestanden. Swijsen betonte, die Rettungskräfte hätten schnell und nach Plan reagiert.

Die Zukunft des Festivals ist ungewiss. Es wird von der Humanistischen Jugend von Leopoldsburg, einem kleinen Ort in der Nähe von Hasselt rund eine Autostunde von der deutschen Grenze entfernt, veranstaltet. Viele Mitarbeiter arbeiten freiwillig während der drei Tage.

Festival wird abgebrochen

Es ist allerdings nicht der erste schreckliche Unfall, der bei dem 1985 gegründeten Fest zu beklagen ist. Im vergangenen Jahr, dem Jubiläumsjahr zum 20-jährigen Bestehen, hatte sich der Sänger des Synthie-Band „Ou est le Swimming-Pool“, Charles Haddon, von einem Telefonmast auf dem Künstlerparkplatz in den Tod gestürzt. Angeblich hatte er sich zuvor mit einem Bandkollegen gestritten. Außerdem erlitt Michael Been, Tontechniker der Band „Black Rebel Motorcycle Club“ sowie Sänger von „The Call“, einen Herzinfarkt.

Damals wurde die Veranstaltung fortgesetzt. Nun reagierte man anders. Die Organisatoren verbreiteten über Twitter, Facebook und die Internetseite des Pukkelpop, dass nach reiflicher Überlegungen, sowohl intern als auch mit den zuständigen Behörden, abgebrochen wird. Veranstalter Chokri Mahassine erklärte: "Bitte geht nach Hause. Helft euch gegenseitig. Pukkelpop trauert.“