Westerwald-Urteil

Detlef S. schuf abscheuliches "Gebäude aus Angst"

Im Prozess wegen 350-fachen Missbrauchs wurde Detlef S. zu 14 Jahren Haft verurteilt. Bei der Urteilsverkündigung brandete Beifall im Gerichtssaal auf.

Es ist eigentlich ganz simpel: Ein Strafprozesses soll die Schuld oder Unschuld des Angeklagten feststellen und den Verurteilten eine der Schwere der Tat entsprechende Strafe auferlegen. Doch es gibt da noch eine andere Aufgabe des Prozesses, die nicht so juristisch einwandfrei formuliert ist, eine Aufgabe, die ihm nicht von Juristen, sondern von Laien, vom Volk also, in dessen Namen die Richter Recht sprechen, auferlegt wird. Und sie ist auch der Grund dafür, warum am Ende eines Strafprozesses selten alle zufrieden sind, warum ein Strafprozess meistens als unzureichend empfunden wird: Ein Strafprozess soll heilen.

Bei vielen Menschen ist da dieses vage Gefühl, dass ein Prozess, eine Beweisaufnahme, ein gerechtes Urteil den Opfern ihren Frieden, vielleicht sogar Genugtuung bringen soll, und – als ob das nicht schon schwer genug wäre – ebenso der Gesellschaft, die bei besonders abscheulichen Verbrechen natürlich verstört, aufgebracht, empört ist.

Die Verbrechen von Detlef S. waren besonders abscheulich. So abscheulich, dass eigentlich schon am ersten Prozesstag, nach Verlesung der Anklageschrift klar war, dass dieser Prozess nicht würde heilen können. Als Beobachter konnte man nur hoffen, dass das Ganze sich als ein großer Irrtum herausstellt, dass am Ende Detlef S. als Unschuldiger den Gerichtssaal verlässt, als Opfer der Ermittlungsbehörden, so furchtbar waren die Details.

Mit Peitsche, Teppichklopfer und Faust geschlagen

Ihm wurde mindestens 350-facher Missbrauch seiner leiblichen Tochter Jasmin, seiner Stieftochter Natascha und seines Stiefsohnes Björn zur Last gelegt. Detlef S. hat seine Kinder aber nicht nur selbst missbraucht, er hat sie außerdem von anderen Männern missbrauchen lassen und dafür Geld kassiert. Er schlug sie mit einem Gürtel, mit einer selbstgemachten Peitsche, mit dem Teppichklopfer und der Faust.

Nun wurde Detlef S. vom Landgericht Koblenz für seine Verbrechen zu vierzehneinhalb Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Rund 160 Fälle von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung sowie Beihilfe zu diesen Taten sah das Gericht schließlich als erwiesen an. „Diese wiegen jedoch schwer“, sagte der Vorsitzende Richter. Das Gericht folgte mit dem Urteil der Forderung der Staatsanwalt und den Nebenklägern. Detlef S. habe ein Gebäude aus Angst und massiver Einschüchterung aufgebaut, sagte der Richter. „Er hatte die Familie so sehr im Griff, dass er niemanden einsperren musste.“ Die Kinder seien so verängstigt gewesen, dass sie sich nicht einmal ihr Leid gegenseitig anvertrauten. Vielleicht muss Detlef S. sein Leben lang im Gefängnis bleiben.

Bei der Urteilsverkündigung brandete Beifall im Gerichtssaal auf. Das mag vor allem daran gelegen haben, dass die Richter nicht dem Antrag der Verteidigung gefolgt sind, die auf neuneinhalb Jahre Gefängnis plädiert hatte. Ohne Sicherungsverwahrung, da ausgeschlossen sei, dass Detlef S. zu seiner Familie zurückkehre oder nach der Haftstrafe eine neue Familie gründe. Eine Gefahr für die Allgemeinheit bestehe daher nicht.

Der Antrag hatte drohend in der Luft des Saals 128 gelegen, seitdem Detlef S. unter Heulkrämpfen die Taten gestanden hatte. Nachdem er zuvor geleugnet, Teilgeständnisse abgelegt, sie widerrufen hatte und vor allen Dingen mit seinem Verhalten, seine Opfer zu Aussagen gezwungen hatte, während derer Detlef S. meist stoisch schwieg oder den Kopf schüttelte. Oder schlicht log: Natascha habe immer Sex mit ihm gewollt und sich freiwillig prostituiert.

"Ich will mich entschuldigen. Es tut mir wirklich leid“, hieß es zuletzt.

"Mir ist ein ganzer Mount Everest vom Herzen gefallen“

Reue sollte das gewesen sein, interpretierte sein Anwalt Thomas Düber dieses späte Geständnis. Der Staatsanwalt hingegen sagte: "Das ist der klassische Fall eines taktischen Geständnisses in letzter Minute.“ Und auch der Gutachter, der Detlef S. Psyche beurteilt hatte, nachdem dieser sich zunächst geweigert und dann doch zugestimmt hatte, konnte der Verteidigung nicht folgen. Die Anwältin einer Nebenklägerin hatte gar "eine große schauspielerische Leistung“ gesehen.

Den meisten Menschen im Saal wird es wohl egal gewesen sein, ob die Reue nun gespielt oder echt war, sie wollten S. für den Rest seines Lebens hinter Gittern sehen. Selbst wenn er auch keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr darstellen sollte, wenn er also keine "intensive Neigung zu sexuellen Übergriffen auf Kindern“ hätte, womit die Staatsanwaltschaft den Antrag auf Sicherungsverwahrung begründete.

"So etwas gehört einfach für immer weggesperrt“, sagte ein Zuschauer schon zum Prozessauftakt. Das Gericht sah auch keinen Grund zur Strafmilderung in den Haftumständen von S. "Mir ist ein ganzer Mount Everest vom Herzen gefallen“, sagte Stiefsohn Björn L. nach dem Urteil. An ihm soll der Stiefvater das erste Mal 1997 sexuelle Handlungen vorgenommen haben. Zudem soll Detlef S. ihn regelmäßig mit Gegenständen verprügelt haben.

"Es ist eine unglaubliche Erleichterung für meine Mandantin“, sagte die Anwältin von Natascha, mit der Detlef S. acht Kinder gezeugt hat, die er als Vierjährige bereits missbrauchte. Vor allem die Sicherungsverwahrung schaffe nun "viel Zeit, um das Leben neu zu gestalten.“

Ermittelt wird noch gegen das Jugendamt des Kreises Altenkirchen, das im Prozess hart von den Beteiligten kritisiert worden war. So gibt es in den Akten zum Fall zwischen 2004 und 2007 keinen einzigen Eintrag, obwohl Detlef S. mehrmals wegen Kindesmisshandlung angezeigt worden war und jeder hätte wissen müssen, dass er die Kinder misshandelte.