Missbrauchsprozess

Westerwald-Peiniger hielt Kinder von Schule fern

Sie träumen von einem Leben ohne Gewalt. Von Beruf und Liebe. Das sagen die Kinder des Angeklagten im Westerwald-Prozess. Im Gericht schildern sie ihr Leid.

Im Koblenzer Missbrauchsprozess ist der Stiefsohn des Angeklagten – eines der drei mutmaßlichen Opfer – als Zeuge gehört worden. Die Öffentlichkeit wurde vor der Befragung ausgeschlossen. Der Angeklagte aus Fluterschen im Westerwald soll den 28-jährigen Stiefsohn, dessen Zwillingsschwester und eine leibliche Tochter über Jahre hinweg missbraucht haben. Zum Prozessauftakt hatte der 48-Jährige zugegeben, sieben Kinder mit seiner Stieftochter gezeugt zu haben, die Missbrauchsvorwürfe bestritt er aber.

Die Tochter und die Stieftochter des Beschuldigten träumen von einem normalen Leben. Sie träume von einem Leben „ohne Gewalt. Ohne Schläge. Ohne Fremdbestimmung“, sagte die 28-jährige Stieftochter der Zeitschrift „Bunte“. „Vielleicht in einem kleinem Häuschen. Mit meinen Kindern und einem Mann, der mich liebt.“ Zudem wolle sie eine Friseurlehre machen.

Die 18-jährige leibliche Tochter des Mannes beginnt den Angaben zufolge im Sommer eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. „Papa wollte nicht, dass wir Mädchen zur Schule gehen. Dort hatte er ja keine Kontrolle über uns.“ Über ihren Vater sagt sie: „Wenn er aus dem Gefängnis freikommen würde, würde ich weglaufen.“

Beide Frauen haben inzwischen Freunde. Die 28-Jährige sagte, sie fange langsam zu verstehen an, „wie sich Liebe anfühlt“. Dem Radiosender SWR4 zufolge haben die Anwälte der mutmaßlichen Opfer diese wegen des enormen Medienaufkommens an einen sicheren Ort gebracht. Die Anwältin der 18-Jährigen, Sandra Buhr, bezweifelt demnach, dass die junge Frau je wieder ein normales Leben führen kann. „Ob sie gleich eine neue Identität braucht, kann ich nicht beurteilen, sie wird aber sicherlich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen müssen, um das Ganze zu verarbeiten. Wie es dann in zwei drei Jahren aussieht, mag ich heute nicht zu beurteilen.“

Mit dem Ausschluss der Öffentlichkeit von der Zeugenvernehmung des Stiefsohnes reagierten die Richter auf einen Antrag, den der Anwalt des 28-Jährigen gestellt hatte. Das Gericht begründete seine Entscheidung damit, dass dabei intime Details aus dem Sexualleben des Mannes zur Sprache kämen. Schon die Zwillingsschwester des 28-Jährigen hatte hinter verschlossenen Türen ausgesagt.

Beim Gang in den Gerichtssaal fixierte der sichtlich angespannte Stiefsohn kurz den Angeklagten. Dieser blieb wie bei Prozessbeginn am Vortag fast regungslos. Auch die 18-jährige Tochter sollte am Mittwoch aussagen. Sie wird nach Angaben ihrer Anwältin von Angst beherrscht: „Auf der einen Seite ist es ja ihr geliebter Vater, auf der anderen Seite auch ihr Peiniger, der ihr die Kindheit genommen hat.“

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