Tausende Trauern

Bewegendes Gedenken ein Jahr nach der Loveparade

Ein Jahr nach der Loveparade-Massenpanik haben sich in einer bewegenden Gedenkfeier mehrere tausend Menschen an die 21 Toten erinnert.

Sie hießen Marina, Dennis, Clancie und Giulia. Sie waren Anfang 20, einige etwas jünger, andere etwas älter. Sie kamen aus Deutschland, Italien, Australien und China nach Duisburg, um fröhlich mit tausenden anderen Techno-Fans die Loveparade zu feiern.

Doch in der Ruhrgebietsstadt fanden sie den Tod. Vor einem Jahr starben 21 junge Menschen qualvoll in dem tödlichen Massengedränge. Am Jahrestag haben sich Eltern, Angehörige, Retter und Freunde im Duisburger MSV-Stadion zu einer bewegenden Gedenkfeier versammelt.

Hunderte Menschen sind trotz strömenden Regens und kaltem Wetter zusammengekommen. „From a distance“ singt ein Chor mit der stimmgewaltigen US-Sängerin Richetta Manager.

Und es kommt die Erinnerung an jenen heißen Sommertag hoch, der unfassbares Leid brachte. „Ihr fehlt uns“, das ist die Botschaft, die an diesem regenverhangenen Tag durch das Stadion zieht. „Jede Frage nach dem Warum verhallt“, sagt der katholische Weihbischof Franz Grave.

Die Katastrophe von Duisburg hat das Leben der Menschen, die die Massenpanik hautnah erlebten, verändert. Der Schreiner Wolfgang Locke (53) hat das Gedränge überlebt. Er ist am Abend vor der Gedenkfeier wie viele andere auch zum Unglücksort im Karl-Lehr-Tunnel gekommen. Seit der Loveparade kann er nicht mehr arbeiten. „Nicht nur körperlich und seelisch kam der Abstieg“, sagt er. „Auch finanziell bin ich kaputt.“

21 Kreuze säumen die schmale steile Treppe, an der sich die Menschen in Todesangst hoch hangelten, um dem stickigen Tunnel zu entkommen. Blumenkränze, Grablichter und Fotos der Opfer sind unterhalb der Treppe abgelegt. Trauernde schrieben Wünsche und Gedanke mit Filzstiften auf Steine und legen sie auf den „Steinhaufen der Erinnerung“.

„Ich habe mich geschämt für meine Stadt“, sagt Kerstin Mückshoff (42), die mit ihrer Tochter Mandy das Massengedränge nur knapp überlebt hat. Bei aller Trauer werden auch Vorwürfe bei der Feier laut. „Wir spüren Wut, dass das Ganze passiert ist, wie es passiert ist, warum es passiert ist“, sagt Nadia Zanacchi, die Mutter eine der Todesopfer in einer öffentlichen Ansprache. „Es war eine Tragödie, die mit Sicherheit vermeidbar gewesen wäre.“

Der heftig kritisierte Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU), der einen Rücktritt ablehnt und sich vor zwei Wochen erstmals öffentlich entschuldigte, kann diese Worte im Stadion nicht hören. Die Angehörigen wollten ihn nicht bei ihrer Trauerfeier dabei haben - ebenso wenig wie den Veranstalter Rainer Schaller.

Joachim Müller-Lange ist ein Mann der leisen Töne. Der Notfallseelsorger hat die Opfer und Angehörigen durch das vergangenen Jahr begleitet. „Der Schmerz der Erinnerung kommt heute hochgeflutet und es fließen Tränen“, sagte er am Rande der Veranstaltung. Die gemeinsame Gedenkfeier sei ein wichtiges Zeichen für die Angehörigen: die Gesellschaft habe die Loveparade-Katastrophe nicht vergessen.