Allein steht Toni Kurz völlig erschöpft auf einer Felsleiste. Drei seiner Bergsteigerkollegen sind nach einem Wettersturz gestorben, nur er hat überlebt. Zusammen hatten sie vergeblich versucht, als Erste die knapp 1800 Meter hohe Wand zu durchsteigen.

Schweizer Bergführer steigen zu Kurz auf, müssen aber – seine verzweifelten Rufe im Genick – wegen Lawinengefahr umkehren. Als sie am nächsten Morgen zurückkehren, ist Toni Kurz entgegen allen Erwartungen am Leben. Bis auf 40 Meter kommen sie an ihn heran, dann stoppt sie ein Überhang. Es gelingt Kurz, sich ein Seil der Schweizer zu greifen. Er kann sich abseilen, doch nur drei Meter von den Bergführern entfernt verklemmt sich ein Knoten im Karabiner. Sonst hätte der durchtrainierte Kurz den Knoten hindurchbekommen, nun ist er völlig ausgezehrt, ein Arm ist erfroren und steht steif vom Körper ab.

Toni Kurz murmelt noch "Ich kann nicht mehr" und sackt tot in sich zusammen. Die Fotos von dem tot im Seil hängenden Toni Kurz gehören zu den traurigsten der Bergsteiger-Geschichte. Der Berliner Regisseur Philipp Stölzl verfilmte das Drama, das in dieser Woche in den Kinos startete. Der Schweizer Bergsteiger Stephan Siegrist doubelte Benno Fürmann, der Toni Kurz spielt.

Morgenpost Online: Herr Siegrist, Toni Kurz starb kläglich im Seil hängend. Wie war es für Sie, diese Szene zu spielen?

Stephan Siegrist: Kalt war's. Meine Kleidung hat durch die Feuchtigkeit zehn Kilo gewogen. Ich konnte mich kaum bewegen, so hart war sie gefroren, wie Gips. Ich dachte: Was für ein armes Schwein! Seine Retter waren so nah und konnten ihn doch nicht erreichen.

Morgenpost Online: Haben Sie seit den Dreharbeiten mehr Respekt vor den Bergen?

Siegrist: Nein, den hatte ich ohnehin. Aber ich erahne seitdem, was Toni Kurz durchstehen musste.

Morgenpost Online: Das Unheil begann, als ein Begleiter von einem Stein getroffen wurde. War es dumm von Toni Kurz, sein Leben für ihn aufs Spiel zu setzen?

Siegrist: Es ist Ehrensache, dass man anderen hilft bis zum Letzten. Das ist im Bergsteigen verankert.

Morgenpost Online: Ist so ein Drama heute vorstellbar?

Siegrist: Toni Kurz wäre mit dem Know-how und Material von heute sicher zu retten. Aber die Wand ist riesig: An einer anderen, schwer zugänglichen Stelle bei extremem Wetter ist Ähnliches vorstellbar.

Morgenpost Online: Vor sechs Jahren haben Sie für ein Film- und Fotoprojekt die Nordwand mit der Ausrüstung der 30er-Jahre durchstiegen ...

Siegrist: Ja, die Steigeisen und Schuhe haben die größten Probleme bereitet. In den 30er-Jahren gab es noch keine Gummisohlen, damals wurden die Ledersohlen mit Nägeln beschlagen. Damit bist du aber nie sicher, ob es hält, du musst sehr vorsichtig klettern. Auch die Schuhe sind heute viel leichter. An den Füßen macht sich jedes Gramm siebenmal stärker bemerkbar als auf dem Rücken.

Morgenpost Online: Und Hose, Jacke, Helm?

Siegrist: Helme gab es nicht, die haben sich höchstens ein paar Taschentücher unter die Mütze gestopft. Heute bist du besser gegen Regen, Schnee und Kälte geschützt, und das bedeutet mehr Sicherheit.

Morgenpost Online: Wie schwierig ist die Eigernordwand mit Hightech-Ausrüstung?

Siegrist: Ein guter Alpinist, der regelmäßig in die Berge geht, kann diese Wand besteigen.

Morgenpost Online: Was ist ein guter Alpinist?

Siegrist: Er hat sehr gute Kondition, sehr gute Kletter- und Eistechniken und Wetterkenntnisse. Auch die Coolness, in einer solch großen Wand unterwegs zu sein. Die Dimension kann bedrückend sein.

Morgenpost Online: Sie sind mehr als zwanzigmal durch die Eigernordwand über verschiedene Routen. Ist es der Mythos dieser Wand, der so reizt?

Siegrist: Nein, für mich ist sie eher eine Spielwiese. Ich habe dort selber drei neue Routen eröffnet. Berühmt ist die Wand auch nur, weil dort früher so viele Menschen gestorben sind. Aber so ist es meist: Über Bergsteigen wird nur berichtet, wenn es Tote gibt. Schade. Wir machen es ja nicht, um zu sterben.

Morgenpost Online: Wurden Sie auch mal gerettet?

Siegrist: Ja, ich wurde mal mit dem Helikopter ausgeflogen. Ich hatte meine Partnerin gesichert, als sie mit einer riesigen Felsschuppe aus der Wand flog. Zum Glück ist die Platte über mir an einem Felsvorsprung zerborsten, aber einer der Brocken traf mein Bein, das rechte Sprunggelenk brach mehrfach.

Morgenpost Online: Profi-Bergsteiger gelten oft als Haudegen ...

Siegrist: Es mag Ausnahmen geben, die meisten aber sind allerdings vorsichtig.

Morgenpost Online: Waren Sie selbst schon in Gefahr in der Eigernordwand?

Siegrist: Klar, zum Beispiel als Ueli Steck und ich die Route "Young Spider" eröffnet haben. Ueli ist damals mit Steigklemmen direkt an dem Seil nachgestiegen, das an mir befestigt war - und ich hatte noch keinen Stand gebaut. Ich musste ihn allein mit meiner Kraft halten. Es war die Hölle: 40 Meter ist er hoch, und das mit Rucksack voller Material. Ich dachte: Ich kann nicht mehr, jetzt ist es vorbei! Zwischendurch sah ich uns abstürzen.

Morgenpost Online: Können Sie solche Erlebnisse problemlos abstreifen?

Siegrist: Natürlich nicht. Wochenlang verfolgten mich Albträume, ich bin immer wieder schweißgebadet aufgewacht. Aber letztlich bist du jedes Jahr in ein, zwei Situationen, in denen du Glück brauchst.

Morgenpost Online: Warum gehen Sie dann in die Berge?

Siegrist: Weil ich dem Himmel näher bin, weil es ein Lustgefühl ist.

Morgenpost Online: Und riskieren dabei Ihr Leben?

Siegrist: Ich denke nicht, dass ich mein Leben riskiere. Ich versuche, es zu erhalten. Aber wenn es schiefgeht und ich früher sterben müsste, hätte ich ein schönes, erlebnisreiches Leben geführt. Denn die intensive Zeit, die du in Bergen verbringst, gibt dir unglaublich viel.