Murdoch-Blatt

Offenbar Familien toter Soldaten abgehört

Die Zeitung "News of the World" soll nicht nur das Handy von Opfern der Londoner U-Bahn-Anschläge und eines ermordeten Mädchens abgehört haben, sondern auch die Telefone von Angehörigen gefallener Soldaten. Insgesamt 4000 Menschen – vom Schauspieler bis zum Finanzminister – sollen betroffen sein.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Der Abhörskandal beim britischen Boulevard-Blatt „News of the World“ weitet sich aus: Nach einem Bericht des „Daily Telegraph“ sollen Journalisten aus der zum Medienimperium von Rupert Murdoch gehörenden Zeitung nicht nur Telefone von Prominenten, Verbrechensopfer und Angehörige der Opfer der Terroranschläge vom 7. Juli 2005 auf die Londoner U-Bahn angezapft haben, sondern auch von Witwen von im Irak-Krieg gefallenen Soldaten gehackt haben. In den Unterlagen eines 2007 wegen des Abhörens von Telefonaten verhafteten Rechercheurs von „News of the World“ seien Nummern von britischen Soldaten gefunden worden.

Nach Angaben der Londoner Polizei stehen inzwischen 4000 Namen auf der Liste mit Abhöropfern, mehrere hundert weitere könnten ebenfalls im Visier der Reporter gewesen sein. Für Rupert Murdoch, dem über seinen Konzern News Corp und dessen Holding News International die Zeitung gehört, wird die Luft dünner.

Der Verlag News International kündigte am Donnerstag an, mit dem Verteidigungsministerium bei der Untersuchung der Anschuldigungen zusammenzuarbeiten. „Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wäre das erschreckend und entsetzlich.“ Mit ähnlichen Formulierungen hatte der Verlag auch auf die bisherigen Vorwürfe reagiert, die sich für Murdoch zu einer schweren Affäre ausgewachsen haben und die geplante Milliardenübernahme des britischen Satellitensenders BSkyB durch seinen News-Corp-Konzern verzögern könnte. Die Regierung erklärte aber, zu einer Verschiebung werde es nicht kommen.

Angehörige und Veteranen äußerten sich schockiert. „Die Vorwürfe haben uns bis in Mark getroffen“, teilte der britische Veteranenverband mit und kündigte die Zusammenarbeit bei einer geplanten Kampagne mit dem Boulevardblatt auf. Mit dem Skandal bringt „News of the World“ nicht nur Anzeigenkunden, sondern zunehmend auch seine Kernleserschaft gegen sich auf.

Prominente Opfer

Im Visier der Reporter waren zudem der heutige britische Schatzkanzler (Finanzminister), George Osborne und Michael Mansfield, der die Familie von Lady Dianas Liebhaber Dodi al-Fayed in einem Untersuchungsschuss zum Tod des Paares vertreten hatte. Beiden wurde von der Polizei mitgeteilt, ihre Telefonnummern seien im Zuge des Ermittlungsverfahrens aufgetaucht. Zuvor waren bereits Prominente wie die Schauspieler Sienna Miller, Jude Law und Hugh Grant als Opfer der Abhöraffäre genannt worden.

Die britische Polizei will Grant daher auch in den Zeugenstand rufen. Das teilte der Schauspieler in London mit. Er soll mit einem Reporter der umstrittenen Zeitung telefoniert haben, der die Abhörmethoden eingeräumt hat.

Zuvor war bereits bekannt geworden, dass im Auftrag der Zeitung 2002 auch das Handy eines verschwundenen und später ermordeten Mädchens geknackt wurde. Journalisten des Blattes hörten die Mailbox der 13-jährigen Milly ab, auf der Eltern und Verwandte verzweifelt Nachrichten hinterließen.

Folgen an der Börse spürbar

Die wirtschaftlichen Folgen des Abhörskandals für „News of the World“ und die Holding News International zeichneten sich am Donnerstag immer deutlicher ab. Mehr und mehr Firmen zog ihre Anzeigenbuchungen nicht nur für „News of the World“, sondern für auch für andere Murdoch-Publikationen zurück. Darunter sind die Supermarktkette Sainsbury's, die Autohersteller Vauxhall (Opel) und Mitsubishi und der Reiseanbieter Virgin Holidays.

Der Kurs der Aktie von BSkyB brach seit Wochenbeginn um vier Prozent ein, was einen Wertverlust des Unternehmens von einer halben Milliarde Pfund bedeutet. Die Anleger befürchten, dass der Verkauf an Murdoch nicht zustande kommt.