Eurovision Song Contest

Lena Meyer-Landrut hat jetzt schon verloren

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Harald Peters

Weniger wäre mehr gewesen: Mit ihrer Titelverteidigung tut sich Lena Meyer-Landrut keinen Gefallen. Und Stefan Raab erst recht nicht.

Man muss Stefan Raab nicht unbedingt schätzen, aber bislang konnte man ihm stets zugute halten, dass er von den Dingen, mit denen er sich beschäftigt, zumindest etwas versteht. Er hat Prominente in asiatisches Kochgeschirr gesetzt und sie Rodelbahnen herunterschlittern lassen, er hat Leute zur allgemeinen Belustigung des Publikums dazu gebracht, vom Zehn-Meter-Turm zu springen, er hat sich eine Castingshow für die Grand-Prix-Teilnahme ausgedacht, aus der auch eine linkische und nur eingeschränkt gesangsbegabte Abiturientin wie Lena Meyer-Landrut als Gewinnerin hervorgehen konnte – alles erfrischend abwegige Ideen, die gerade durch ihre Abwegigkeit zu großen Erfolgen wurden.

Doch als Lena den Grand Prix dann tatsächlich gewann und Stefan Raab noch am gleichen Abend verkündete, sie würde beim nächsten Grand Prix ihren Titel verteidigen, war die Idee leider nicht abwegig, sondern schlicht und ergreifend dumm. Sie zählte zu der Sorte Einfall, die einem vielleicht im Überschwang des Gefühls kommt, die sich aber spätestens, wenn man eine Nacht darüber geschlafen hat, als vollkommen falsch und unangemessen erweist.

Weil sie nämlich mitnichten originell ist, sondern naheliegend und von einem völlig falsch verstandenen Wettbewerbsgedanken ausgeht. Der Grand Prix ist schließlich kein Sportfest, da treten keine Mannschaften gegeneinander an, der Grand Prix ist eine Show. Die Titelverteidigerin ein zweites Mal antreten zu lassen, ist ungefähr so passend, wie die aktuelle Miss World im kommenden Jahr wieder ins Rennen zu schicken – oder in jedem neuen Durchgang von „Deutschland sucht den Superstar“ stets Alexander Klaws aufzustellen.

Wie sich beim ersten Halbfinale von „Unser Song für Deutschland“ am Montag herausstellte, war der Versuch, die letztjährige Lena-Begeisterung in die Gegenwart hinüberzuretten, von durchaus überschaubarem Erfolg. Der Zauber war fort, weil sie nicht mehr die Außenseiterin ist, die sie einmal war. Dank ihrer besonderen Art des Nichttanzenkönnens, des kieksigen Singens und charmanten Nebensichstehens wirkte sie plötzlich wie eine Sängerin mit wenig Stimme und noch weniger Bühnenpräsenz. Ein Klavier mit nur sehr wenigen Tasten. Sie sang sechs Songs, von denen einer möglicherweise im Mai in Düsseldorf beim Grand Prix zum Vortrag kommen soll. Jeder davon wirkte geradezu bestürzend fad, doch noch schlimmer war, dass man das Gefühl hatte, das schon alles schon einmal gesehen zu haben – und zwar deutlich besser.

Lena Meyer-Landrut kann im Grunde nichts dafür. Das Problem ist Raab, der sich offenbar vorgenommen hat, der Öffentlichkeit einzureden, sein Schützling sei ein Star von mindestens internationalem Rang. Die Verliererin steht jetzt schon fest. Wenn es Lena nicht einmal schafft, die deutschen Zuschauer zu begeistern, wieso sollte es ihr dann mit Menschen aus Dänemark, Montenegro oder Lettland gelingen? Wieso sollte man überhaupt für die Vorjahressiegerin stimmen? Wäre das nicht unglaublich langweilig, fühlte sich das nicht irgendwie ungerecht an, selbst wenn der Song unglaublich gut wäre, wovon nach bisherigem Kenntnisstand allerdings nicht die Rede sein kann?

Und war es nicht sowieso eine dumme Idee, ausgerechnet Raab wieder die musikalische Direktion zu übertragen? Erfrischend abwegig war sie jedenfalls nicht.