Morgenpost Online: Herr Mittermeier, glauben Sie noch an den Weihnachtsmann?
Michael Mittermeier: Ich würde gerne an ihn glauben. Dass er einfach so hereinkommt, und wenn ich brav bin, gibt er mir Geschenke.
Morgenpost Online: Sie feiern nächsten Dienstag auf Pro Sieben ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum. In Ihrem Job kann es vermutlich nicht schaden, wenn man sich ein kindliches Gemüt bewahrt.
Mittermeier: Stimmt, das Kind darf nie ganz weggehen. Kindsein setze ich immer gleich mit Neugier. Ich bin immer noch dabei, Dinge zu entdecken. Das ist auch der Grund, warum meine Programme frisch bleiben..
Morgenpost Online: Sie selber haben mal gesagt, das wichtigste in Ihrem Job sei ein satter Dachschaden. Regnet es bei Ihnen schon durch – oder fehlen nur einige Pfannen?
Mittermeier: Man muss schon einen kleinen Hau haben. Am Anfang habe ich mal vor zehn, mal vor zwanzig Leuten gespielt. Und jahrelang in schlechten Hotels geschlafen – wenn ich überhaupt ein Hotel bekommen habe.
Morgenpost Online: Angeblich soll Bono von U2 schuld daran sein, dass es Sie zur Bühne gezogen hat.
Mittermeier: Ganz so war es nicht. Ich habe schon Sketche geschrieben, seit ich zehn Jahre alt bin. Er hat mich aber darin bestätigt, dass es zu dem, was ich tue, keine Alternative gibt. Entweder du bist Künstler – oder du lässt es sein.
Morgenpost Online: Was ist passiert?
Mittermeier: Es war bei einem U2-Konzert in der Olympiahalle in München, am 21. Juli 1987. Ich stand in der 1. Reihe, und irgendwann hat mich Bono auf die Bühne gezogen. Ich durfte für ihn Gitarre spielen.
Morgenpost Online: Zehn Jahre später haben Sie ihm bei der Echo-Verleihung als Laudator einen Preis für sein globales Engagement überreicht. Ein Zufall?
Mittermeier: Kismet. Bei der Echo-Verleihung haben wir uns noch mal über unsere erste Begegnung unterhalten. Bono fand es auch ziemlich „strange“. Dass man sich dann Jahre später auf Augenhöhe wieder begegnet.
Morgenpost Online: Was hat Sie an Bono beeindruckt?
Mittermeier: Ich war schon immer der größte U2-Fan der Welt, und wenn du dann dein Idol triffst, dann explodierst du. U2 eine der besten Bands, die es je gegeben hat auf Gottes Erden. Es sind vier Jungs, die nach 25 Jahren immer noch gute Musik machen.
Morgenpost Online: Bono ist ein gläubiger Mensch. Bei Ihnen dagegen hätte man immer gedacht, wenn Michael Mittermeier an irgendetwas glaubt, dann an die Macht des Grases.
Mittermeier: Bono ist einer, der was reißen will. Ich bin eigentlich auch ein Idealist. Ich engagiere mich auch politisch – zum Beispiel für Afrika. Ich glaube, wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt, können wir die Welt wenigstens bisschen verändern. Eines Tages wird mich mein Kind fragen, Papa, was hast du denn so gemacht. Du warst doch bekannt. Und dann sagst du: „Keine Ahnung. Ich saß in der Sauna.“
Morgenpost Online: Und wie steht nun es mit der Macht des Grases?
Mittermeier: Ich glaube nicht an die Macht des Grases, die Macht trägst du selber in Dir. Gras kann dich höchstens zerstören. Ich weigere mich aber, Kiffer zu Aussätzigen zu erklären, solange man an jeder Tankstelle Alkopops kaufen kann.
Morgenpost Online:
Aber kiffen macht das Leben schon angenehmer, oder?
Mittermeier:
Nee, kann ich nicht sagen. Ich bin auch keiner, der zum Kiffen aufruft. Natürlich erzähle ich mal Geschichten darüber, einige sind ja auch ganz lustig. Aber die gibt es auch zum Alkohol. Nur fragt keiner danach.
Morgenpost Online:
Aber geben Sie mir Recht, wenn ich sage, keiner kann so schön bekifft aus der Wäsche gucken wie Michael Mittermeier?
Mittermeier:
Ich würde nie vor einem Auftritt auch nur ein Tausendstel Gramm rauchen. Ich würde auch nie davor ein Glas Alkohol trinken. Ich will auf der Bühne hundertprozentig genießen, was da abläuft. Da ist genügend Energie und Adrenalin im Raum.
Morgenpost Online: Und statt in die Kirche gehen Sie lieber in ein Rockkonzert?
Mittermeier: Mei, wenn man sieht, wie Led Zeppelin ihr Konzert zelebrieren – wenn man da im Publikum steht, braucht man anschließend keine Messe mehr.
Morgenpost Online: Spricht so der Fan?
Mittermeier: Ich habe diese Band geliebt – schon als Jugendlicher. Ende der siebziger Jahre habe ich mir meine ersten Platten gekauft. Damals kam man um Led Zeppelin nicht herum. Es ist eine der geilsten Bands, die es je gegeben hat.
Morgenpost Online: Aber die Idole scheinen bei Ihnen zu wechseln. Lassen Sie uns raten: Davor hießen sie Flipper oder Mac Gyver?
Mittermeier:
Sie haben „Bonanza“ vergessen. Die Cartwrights waren die prügelfestesten Dreckskerle im ganzen Wilden Westen. Die haben noch jeden erschossen, mit dem sie Probleme hatten. Die waren wie George Bush auf Ecstasy.
Morgenpost Online:
In „Zapped“ musste das Fernsehen noch als Inspirationsquelle herhalten, in „Paranoid“ haben sie 2004 schon gefordert, die Genfer Menschenrechtskonvention auf die Unterhaltungsindustrie auszuweiten.
Mittermeier:
Na ja, wenn man heute das Fernsehen einschaltet, quillt einem der ganze Doku-Reality-Kram entgegen. Bauer sucht Frau, mei ...
Morgenpost Online:
...guckt sich Ihre Frau doch bestimmt gerne an, oder?
Mittermeier:
Nee, also. Dann hätte ich die falsche geheiratet.
Morgenpost Online:
Würden Sie sich immer noch als TV-Junkie bezeichnen?
Mittermeier: Ein Teil von mir wird immer TV-Junkie bleiben. Allerdings schaue ich mir TV-Serien mittlerweile auf DVD an. „24“. Oder im Moment „Prison Break“. Die Amerikaner machen Serien auf Kinoniveau. Und wir? Haben „Bauer sucht Frau“ und „Die Autobahnpolizei“. Wir sind auf einem Level wie Polen 1952.
Morgenpost Online: Wer bringt Sie zum Lachen?
Mittermeier: Ganz großartig finde ich Rainald Grebe. Ich bin froh, dass der wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist. Er war Anfang der neunziger Jahre bei den ersten Talentwettbewerben im Quatsch Comedy Club dabei.
Morgenpost Online: Sie hatten Ihren Durchbruch 1996 mit Ihrem Programm „Zapped“. Inwiefern hat sich die Comedy-Landschaft seither verändert?
Mittermeier: Als es mit der Comedy richtig losging, Mitte der neunziger Jahre, haben wir uns noch alle gekannt. Rüdiger, Atze. Wir waren ja nur 20. Heute sind es 200.
Morgenpost Online: Woran liegt es dann, dass man im Fernsehen trotzdem immer nur die üblichen Verdächtigen sieht?
Mittermeier: Das müssen Sie die Sender fragen. Es gibt ja auch Comedians, die bewusst nicht in Serie gehen. Ich selber habe auch nie gewollt, dass mir Redakteure reinreden. Ich habe entweder Kurzauftritte im Fernsehen gehabt oder Specials – und die auch noch selber produziert. Wer sein eigenes Ding dreht, wird sich auch behaupten.
Morgenpost Online: Ist es inzwischen nicht so, dass Fernsehen nur noch in der Parodie zu ertragen ist – wie bei „Switch Reloaded“?
Mittermeier: Die Sendung kann man sich gut anschauen, die Florian-Silbereisen-Parodie ist sensationell. Ich bin aber kein Kulturpessimist. Ich sage den Leuten immer: Wenn Euch das Programm ankäst, dann schaltet doch aus. Es gibt aber viele schöne Sachen- wenn auch nicht immer in der Prime Time bei RTL. Rainald Grebe zum Beispiel habe ich neulich bei 3sat gesehen. Oder Kurt Krömer nachts in der ARD. Wunderbar. Auch in den dritten Programmen sieht man immer mal wieder Sendungen wie „Ottis Schlachthof“, in denen gute Leute auftreten. Und wenn gar nichts läuft, guckt man sich eine Sendung an, in der Eva Herman auftritt. Das ist Realsatire.
Morgenpost Online: Der Akzent in Ihren Programmen hat sich verschoben: weg vom Klamauk, hin zur Politik. Schauen Sie sich selber auch den guten, alten „Scheibenwischer“ in der ARD an?
Mittermeier: Natürlich, ich komme ja vom Kabarett. Nur gibt es in Deutschland die alte Frage: Was ist E- und was ist U-Kultur? Ich bezeichne mich genauso als Kabarettisten wie als Stand-up Comedian.
Morgenpost Online: Was Sie machen, ist also Stand-up-Kabarett?
Mittermeier: So würde ich es nicht nennen. Die deutsche Übersetzung von Stand-up-Comedy ist Kabarett. Es gibt da also ein großes Missverständnis. Wenn die Leute hierzulande von Kabarett reden, meinen sie Dieter Hildebrandt. Dabei haben wir bloß ein anderes Wort gewählt. Ich gehöre eben zu einer Generation, die mit MTV aufgewachsen ist. Ich stehe anders auf der Bühne als jemand, der seit 60 Jahren Kabarett macht.
Morgenpost Online: In Ihrem letzten Programm „Paranoid“ haben Sie ihr Publikum zum Putsch gegen die Große Koalition aufgefordert. Dabei haben Sie Angela Merkel die schönste Liebeserklärung gemacht, die sie je bekommen hat.
Mittermeier: Echt? Habe ich das gemacht?
Morgenpost Online: Ja, sie haben von der wundersamen Verwandlung des hässlichen Entleins in einen Schwan gesprochen. Aus Angela wurde Schwangela.
Das war keine Vision – das war ein Albtraum.
Morgenpost Online: Wäre Ihr persönlicher Favorit, Oliver Kahn, tatsächlich die bessere Alternative als Bundeskanzler?
Mittermeier: Jaaaa, Oliver Kahn wäre insofern besser, als er das sagt, was er denkt. Bei Frau Merkel vermisse ich das. Dieses ewige Taktieren geht mir auf den Sack.
Morgenpost Online: Aber Kahn benimmt sich doch wie ein Autist.
Mittermeier: Aber er macht das Maul auf. Wenn ich mir dagegen Frau Merkel anschaue. Dagegen ist ein Autist ein Animateur auf Mallorca.
Morgenpost Online: Kann wenigstens Comedy die Welt retten?
Mittermeier: Natürlich, irgendwann wird es keine Politiker mehr geben, sondern nur noch Comedians. Wir werden Spaßparteien gründen, und wer den größten Lacher erntet, wird Kanzler.
Morgenpost Online:
Und was kann jeder einzelne tun. Ist wählen eine Alternative?
Mittermeier:
Ich wähle selber grün. Es ist immer noch das geringste Übel in der Parteiendemokratie.
Morgenpost Online:
Ebenso gut könnte man dem Weihnachtsmann einen Wunschzettel schicken.
Mittermeier: Wer weiß, vielleicht ist der Weihnachtsmann ein Grüner. Gut, er trägt zwar einen roten Mantel. Aber das heißt ja heutzutage nichts mehr.





