Nach Freispruch

Kachelmann und Gericht rechnen mit Medien ab

Nach seinem Freispruch meldete sich Jörg Kachelmann am Dienstag via Twitter zu Wort. Dort attackiert der Wettermoderator Medienverlage und deren Berichterstattung während seines Prozesses. Zeitgleich nimmt das Landgericht Mannheim Stellung zu der an ihm geäußerten Kritik.

Kaum ist er freigesprochen, steigt Kachelmann schon wieder in den Ring. Diesmal aber nicht gegen die Staatsanwaltschaft, sondern gegen den Burda-Verlag. Auf Twitter nennt er die "Super Illu" kurz nach der Urteilsverkündung „eines der traurigen Gewächse aus den Elendsvierteln des deutschen Journalismus von Hubert Burda“.

In der aktuellen Ausgabe der "Super Illu" thematisiert der Artikel „Die Stunde der Wahrheit“ die anstehende Urteilsverkündung im Kachelmann-Prozess. Auch gegen andere Burda-Blätter zwitschert der Moderator in bösen Tönen. „Focus luegt, bunte luegt“, schreibt er über den Kurznachrichtendienst.

Neben "Hubert Burdas Schergen" stört ihn aber auch die Berichterstattung in "Bild" – auf seinem Twitter-Account verlinkt Kachelmann auf eine Gegendarstellung der Boulevard-Zeitung .

Wenn er nicht gerade die Medien kritisiert, macht Kachelmann über Twitter normalerweise Werbung für seinen Wetterdienst meteomedia. Dort will er jetzt wieder arbeiten, nachdem er vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden ist.

"Freispruch zweiter Klasse"

Das Landgericht Mannheim entschied nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten). Dies wurde von Beobachtern als „Freispruch zweiter Klasse“ gewertet. Die Staatsanwaltschaft will prüfen, ob sie Revision einlegt. Opferschutzorganisationen kritisierten das Urteil. Kachelmann will jetzt wieder für den von ihm gegründeten Wetterdienst Meteomedia arbeiten.

Die Anklage hatte Kachelmann besonders schwere Vergewaltigung seiner damaligen Freundin vorgeworfen und eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten gefordert. Die 38-jährige Radiomoderatorin beschuldigte den Wettermoderator, sie am 9. Februar 2010 nach einem Streit in ihrer Wohnung mit einem Küchenmesser bedroht und vergewaltigt zu haben. Kachelmann bestritt das.

Seine Verteidiger hatten deshalb Freispruch beantragt. Die Staatsanwaltschaft kündigte nach der Urteilsverkündung an, sie prüfe, ob sie Revision einlege. Dazu hat sie eine Woche Zeit.

Das Urteil war von Zuschauern im Gerichtssaal mit Jubel und einem Aufschrei aufgenommen worden. Kachelmann und die Nebenklägerin hatten den Freispruch mit unbewegten Gesichtern verfolgt.

Richter Seidling sagte: „Wir entlassen den Angeklagten und die Nebenklägerin mit einem möglicherweise nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht – ihn als potenziellen Vergewaltiger, sie als potenzielle, rachsüchtige Lügnerin.“ Aber ein Urteil könne nicht aufgrund einer bloßen Verdachtslage gesprochen werden.

Scharfe Kritik an Verteidiger Schwenn und Medien

Scharf kritisierte der Vorsitzende Richter den Verteidiger Johann Schwenn. Dieser habe mehrfach in seinem Verhalten vor der Strafkammer Anstand und Respekt vermissen lassen. Darüber hinaus kritisierte Seidling Medien und die Blogs im Internet. Sowohl die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten als auch die der Nebenklägerin seien „mit Füßen getreten“ worden.

Auch Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) kritisierte das Verhalten der Medien. „Die Unschuldsvermutung ist in Gefahr, wenn Medien ihr Urteil fällen, lange bevor Richter gesprochen haben“, sagte die Ministerin der „Passauer Neuen Presse“.

Kachelmanns Verteidiger Schwenn warf dagegen der Staatsanwaltschaft vor, Kachelmann sei „aufs Schäbigste“ behandelt worden. Das Urteil sei „nicht anders zu erwarten“ gewesen. Der auch schon mal als „Pitbull“ titulierte Anwalt aus Hamburg kommentierte am Dienstagabend in der Talkshow von Markus Lanz bissig und knallhart den Freispruch seines Mandanten.

Die Argumentation der Richter, nach der sie Kachelmann aus Mangel an Beweisen freigesprochen haben, aber den Tatverdacht für nicht grundsätzlich unbegründet hielten, zerriss er in der Luft: „So redet ein Gericht, das seine Pflicht nicht getan hat“. Aus seiner Sicht habe es keinerlei Beweise für eine Schuld seines Mandanten gegeben, die überwiegende Mehrheit der Gutachten habe den Moderator entlastet.

Darüber hinaus bezichtigte er die Richter, das Verfahren voreingenommen durchgeführt zu haben. „Das Gericht hätte Kachelmann verurteilt, wenn ihnen nicht die Fakten und die Öffentlichkeit in den Weg gekommen wären“. So sei völlig ignoriert worden, dass das vermeintliche Opfer, die als Nebenklägerin auftrat, bewusst getäuscht habe.

Etwa, indem sie ein angebliches Schreiben einer anderen Kachelmann-Geliebten gefälscht und danach ihre Spuren verwischt habe: „Sie hat dem Angeklagten eindeutig eine Falle gestellt“. Auch das sei in der Urteilsbegründung nicht gewürdigt worden.

Anwalt Schwenn setzt zur Medienschelte an

Von der Kritik am Gericht ging Kachelmanns Anwalt im Plädoyerstil fließend zur Medienschelte über. Ebenso wie seinem Mandanten waren ihm wohl besonders die Burda-Medien „Focus“ und „Bunte“, deren Verlag er heftig angriff, ein Dorn im Auge. Dem Konzern warf er „schmutzige Methoden“ sowie gemeinsame Sache mit der Staatsanwaltschaft vor: „Dass der ‚Focus‘ im Wortlaut aus den Akten zitiert hat, ist eine Straftat, und die Staatsanwaltschaft hat nichts unternommen“.

Durch Anrufe habe die Konzernspitze versucht, auch andere Chefredaktionen zu beeinflussen, negativ über Kachelmann zu berichten: „Sie haben versucht, das Verfahren steuernd zu beschädigen“.

Dazu gehöre auch, dass die „Bunte“ ehemalige Kachelmann-Geliebte teilweise üppig bezahlt habe, damit diese noch vor ihrer Aussage vor Gericht in dem Magazin auspackten. Auch dadurch sei die Glaubwürdigkeit der Anklage massiv beschädigt worden.

Richter Seidling weist Vorwürfe zurück

Das Landgericht Mannheim wies die Vorwürfe von Seiten Schwenns abermals zurück. Nach der Urteilsverkündung veröffentlichte das Landgericht Mannheim eine Pressemitteilung im Internet , in welcher der Vorsitzende Richter Michael Seidling die Kritik an den Richtern kommentiert: „Der Kammer zu unterstellen, sie sei nicht bestrebt, die Wahrheit herauszufinden und sie stattdessen mit dem Vorwurf zu überziehen, sie verhandele, bis etwas Belastendes herauskomme, ist schlicht abwegig." Weiter heißt es: "Im Ergebnis wird damit meinen Kollegen und mir jegliche Professionalität und jegliches Berufsethos abgesprochen." Es bleibe der ungerechtfertigte, dem Ansehen der Justiz schadende Vorwurf im Raum stehen, Richter seien bei Prominenten bereit, zu deren Lasten Objektivität, richterliche Sorgfalt und Gesetze außer Acht zu lassen.

Dennoch äußerte sich auch Seidling kritisch gegenüber der Medienberichterstattung während des Prozesses. Auch angeblich Sachkundige hätten nicht der Versuchung widerstehen können, ohne Aktenkenntnis und ohne an der Hauptverhandlung teilgenommen zu haben, per Ferndiagnose ihre persönliche Meinung zum Besten zu geben, die in der Regel nichts mit sachlicher Kritik zu tun hatte, sondern häufig nur Klischees bediente.

Nach dem Freispruch des Landgerichts erhält Kachelmann Entschädigung für die mehr als viermonatige Untersuchungshaft. Der Vorsitzende der Vereinigung Berliner Strafverteidiger, Peter Zuriel, sagte, laut dem Strafrechtsentschädigungsgesetz erhalte Kachelmann für jeden der 132 Tage in Untersuchungshaft 25 Euro, insgesamt also 3.300 Euro. Kachelmann war am 20. März 2010 festgenommen und am 29. Juli freigelassen worden.

Außerdem muss die Staatskasse die Kosten des Verfahrens tragen. Der Indizienprozess vor der 5. Großen Strafkammer, in dem Aussage gegen Aussage stand, hatte rund neun Monate gedauert.