Die Situation unter den zum Teil seit Tagen wartenden Reisenden am Frankfurter Flughafen ist am Samstagvormittag eskaliert. Die Polizei musste eingreifen, als es an der Gepäckabfertigung zu tumultartigen Auseinandersetzungen zwischen Passagieren kam, wie ein Sprecher des Flughafens sagte.
Details wollte er mit Verweis auf die Luftfahrtgesellschaften und die Polizei nicht nennen. „Wir haben vollstes Verständnis, wenn die Fluggesellschaften die Polizei zur Hilfe rufen, weil sie mit Passagieren nicht fertig werden“, fügte er hinzu.
In den Terminals ist die Lage dem Sprecher zufolge inzwischen „sehr angespannt“. Als Engel verkleidete Mitarbeiter sollten darum nun beruhigend auf die Fluggäste einwirken, die mitunter schon seit Tagen auf ihren Flug warteten.
Tausende Passagiere warteten am Samstagvormittag am Frankfurter Flughafen auf ihren Abflug. Für den Tag seien bereits 120 Flüge gestrichen worden, sagte der Sprecher des Flughafenbetreibers Fraport. Er rechne damit, dass an Deutschlands größtem Airport noch mehr Starts und Landungen annulliert werden müssen.
Zwar seien die Bahnen geräumt, allerdings bekomme Frankfurt die Schließungen anderer europäischer Flughäfen zu spüren, zum Beispiel in Italien und Kroatien. Am Freitag waren 560 von 1400 Flügen in Frankfurt ausgefallen.
Wegen der massiven witterungsbedingten Flugausfälle am Frankfurter Flughafen hat die Lufthansa Kunden mit Flugzielen innerhalb Deutschlands dazu aufgerufen, auf die Bahn umzusteigen. Die Tickets würden erstattet, sagte ein Sprecher am Samstag.
Wegen einer zu erwartenden neuerlichen Verschlechterung der Wetterbedingungen wird das Unternehmen einen Sonderflugplan in Kraft treten lassen. Dieser beinhalte erhebliche Streichungen von innerdeutschen und europäischen Flügen von und nach Frankfurt, teilte die Fluggesellschaft mit.
Langstreckenflüge der Lufthansa seien davon nicht betroffen. Mit dem Sonderplan wolle das Unternehmen „die gewohnte Stabilität des Flugbetriebs wiederherstellen“.
Die Lufthansa rief ihre Kunden auf, sich vor Antritt ihrer Reise unter www.lufthansa.com über den Status ihres Fluges zu informieren. Aufgrund der Sondersituation könnten Flugscheine der Lufthansa problemlos als Bahnticket genutzt werden.
Außerdem wurde ein telefonische Hotline eingerichtet, und zwar unter der Nummer : 0180 5838426.
Londoner Flughäfen geschlossen
Nach heftigen Schneefällen wurden auch die Londoner Flughäfen Heathrow und Gatwick komplett geschlossen. Der größte britische Airport Heathrow sollte bis mindestens 16.00 Uhr geschlossen bleiben. Gatwick kündigte an, seine Start- und Landebahn bis mindestens 15 Uhr geschlossen zu halten. Dies sei nötig, um die Schneemassen beiseitezuräumen. Dort waren 47 Schneepflüge und Traktoren im Einsatz.
Auch vom kleineren Londoner City Airport sowie von den Airports in Exeter, Birmingham, Cardiff, Bristol und Aberdeen wurden erhebliche Probleme gemeldet. Busse und Bahnen verkehrten mit erheblichen Verspätungen. Viele Weihnachtspendler kamen nicht oder nur mit erheblicher Verspätung zu ihren Familien. In London fielen am Samstag binnen weniger Stunden bis zu 15 Zentimeter Schnee.
Für Montag warnte der Deutsche Wetterdienst vor "Blitzeis" von Südwesten her kündigt sich Regen an. Derweil forderte der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Grüne), eine schärfere Winterreifenpflicht für Lastwagen und Busse. Verkehrsexperten von Union und SPD sprachen sich in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ für erweiterte Fahrverbote und eine Schneekettenpflicht aus.
In Niedersachsen musste die Autobahn 1 zwischen Cloppenburg und Vechta am Samstagmorgen für rund vier Stunden gesperrt werden, nachdem ein Lastwagen gegen 4.40 Uhr in die Mittelleitplanke geprallt war, wie die Autobahnpolizei Ahlhorn berichtete.
In Rheinland-Pfalz wurde die Autobahn 3 im Westerwald nach einem Lkw-Unfall zwischen Diez und Montabaur am frühen Morgen in Richtung Köln gesperrt, wie die Polizei mitteilte. Mehrere Lastwagen standen quer. Im nachfolgenden Stau kam es zu einem weiteren Unfall.
Die Elbfähre zwischen Glückstadt und Wischhafen musste ihren Fährbetrieb wegen starken Eisgangs einstellen, wie die Betreiber bekanntgaben.
Der Deutsche Wetterdienst warnte erneut vor Schneefall und Glätte sowie vor Nebel mit Sichtweiten unter 150 Meter im äußersten Norden und strengem Frost von örtlich unter minus 15 Grad im Süden und Osten. Für die Nacht zum Sonntag kündigte der DWD neue Schneefälle vor allem im Westen, Südwesten und in der Mitte Deutschlands an.
Am Sonntag schneit es nur über der Mitte des Bundesgebiets noch stärker. Im Süden geht der Schnee teilweise bereits in Regen über, so dass mit Glatteisbildung gerechnet werden muss. Am Montag fällt nach der DWD-Prognose wieder häufiger Schnee. Im Süden muss weiterhin mit Regen gerechnet werden. Die Temperaturen erreichen minus vier Grad im Nordosten und bis zu plus fünf Grad am Oberrhein.
Die Kommunen befürchten einen deutlichen Anstieg der Kosten für den Winterdienst. Das Räumen der rund 450.000 Kilometer Gemeindestraßen habe bereits im vergangenen Jahr mehr als 3,5 Milliarden Euro Zusatzkosten verursacht, und bislang hätten längst nicht alle Schäden repariert werden können, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB), Gerd Landsberg, der „Rheinpfalz am Sonntag“.
Landsberg schloss nicht aus, dass auch in Deutschland wie bereits in nordischen Ländern üblich, bei dauerhafter Schneelage künftig teilweise auf ein Räumen der Straßen verzichtet werde. Die Autofahrer müssten sich dann auf das Fahren auf einer festen Schneedecke gewöhnen. Nach Erkenntnissen des Gemeindebundes wurden bereits im vorigen Winter teilweise doppelt bis dreimal so viel Streusalz und Streugut verwendet wie in früheren Jahren.
Der Grünen-Politiker Hermann forderte viel härtere Sanktionen, wenn Lkw ohne Winterreifen unterwegs seien. „Bußgelder von 40 bis 80 Euro sind angesichts des Gefährdungspotenzials ein Witz“, sagte der Ausschussvorsitzende der "Neuen Osnabrücker Zeitung“.
In demselben Blatt forderte der verkehrspolitische Sprecher der Union, Dirk Fischer (CDU), für Spediteure müssten künftig schärfere Vorgaben und Sanktionen gelten als für andere Autofahrer. Dazu gehöre eine Winterreifenpflicht ohne Abstriche und bei Verstößen „Bußgelder im dreistelligen Eurobereich sowie schärfere Strafpunkte-Regeln“. Außerdem müsse es erweiterte Fahrverbote für Lkw auf Autobahnen geben. Bei der gegenwärtigen Witterung seien Lkw im Zweifelsfall stunden- oder tageweise aus dem Verkehr zu ziehen.
Der Fahrgastverband Pro Bahn wirft der Deutschen Bahn vor, noch nicht ausreichend für den Winter gerüstet zu sein. Verbandssprecher Karl-Peter Naumann sagte am Samstag im rbb-Inforadio, es gebe im Zusammenhang mit dem Wetter klassische Fehlplanungen, und das Unternehmen könne durch seine Zentralisierung vielerorts nicht angemessen auf Probleme reagieren.
Die Bahn sei lange auf Verschleiß gefahren und habe zu wenig in die Infrastruktur investiert. Schuld daran sei auch die Politik, die im Zusammenhang mit dem Börsengang kläglich versagt habe.
dpa/dapd/cor

