21 Jahre nach seiner Hinrichtung ist Nicolae Ceausescu wieder Alleinherrscher über die Fernsehgeräte. Die Exhumierung der sterblichen Überreste des Diktatorenpaars ist das Top-Thema in der rumänischen Öffentlichkeit.

Der Militärfriedhof „Ghencea“ wurde von zahlreichen Reporterteams belagert, die den ganzen Tag live sendeten. Ein Hubschrauber kreiste über dem Ort des makabren Spektakels, in der Hoffnung ein paar Bilder der prominenten Gebeine zu schießen. Besonders begehrt: ein Stück vom Sarg, Bekleidungsstücke, Knochen.

In den Abend-Talkshows wurden dann nicht nur die Überreste, sondern auch die rumänische Revolution und die kommunistischen Jahrzehnte ausgegraben. Erneut und heftig wurde über die Hinrichtung der Ceausescus gestritten, ob der Prozess nur eine Inszenierung der neuen Machthaber gewesen sei und das Paar – das die Kirche systematisch bekämpft hat – eine religiöse Beisetzung verdient hätte. Rumänien und Ceausescu – sie kommen nicht zur Ruhe.

Der Politikwissenschaftler Vladimir Tismaneanu sagte der Zeitung „Evenimentul zilei“, der Prozess sei eine Justizfarce und die Hinrichtung Elena Ceausescus eine „unfassbare Barbarei“ gewesen. Es sei eine Ironie der Geschichte, dass die Exhumierung 45 Jahre nach dem IX. Kongress der Rumänischen Kommunistischen Partei stattfinden würde. Der Kongress gilt als „fundamentaler Moment der Ceausescu-Diktatur“.

Die Exhumierung politischer Führer habe eine große symbolische Bedeutung und könne von Parteien und Bewegungen instrumentalisiert werden, glaubt Liviu Chelcea. Der Anthropologe erinnert an Ferdinand Marcos, Juan Perón und Che Guevara. Allerdings gäbe es in Rumänien keine Partei, die Ceausescu als Symbolfigur beanspruchen würde. In der Tat: Mehr als eine handvoll Nostalgiker war in der Nähe des Friedhofs nicht zu sehen.

Für den Medienwissenschaftler Bogdan Ghiu ist die Sensationsgier der rumänischen Presse verständlich. Die Exhumierung sei aber ein Nachrichten- und Reportage-Thema, kein Ereignis, über das live berichtet werden sollte. Geschmacklos sei vor allem die Jagd nach Bildern aus der Luft, mit dem Hubschrauber, die man sich bei den Amerikanern abgeguckt habe. Doch Ghiu hat eine Erklärung für die Mittel, die die Presse in diesem Fall einsetze. „Alle historischen Ereignisse, die nicht vor Justiz geklärt werden, landen im Fernsehen.“

Aber nicht nur die rumänische Presse hat sich auf die ausgegrabenen Ceausescu-Leichen gestürzt. Auch die internationalen Medien sind nach wie vor vom Diktator fasziniert. BBC, „Washington Post“, AFP, Reuters und die dpa nahmen sich der Ceausescus an. Die Frage des Tages stellte allerdings eine rumänische Journalisten. Von einem angeblichen Zeugen der Exhumierung wollte sie wissen: „Und, hat’s gestunken?“.

ws