Ich bin nicht Stiller.“ So lautet einer der berühmtesten Roman-Anfänge der deutschsprachigen Literatur. Max Frischs Buch „Stiller“ erzählt von einem Mann in Haft, der seine Identität verleugnet. Der sein altes Leben loszuwerden versucht. Der ein anderer sein will. Seit gestern steht in Boston, Massachusetts, ein deutscher Mann vor Gericht, der auch sagt: Ich bin nicht der, für den ihr mich alle haltet. Mein Name ist Clark Rockefeller.

Es ist einer der bizarrsten Hochstapler-Prozesse der Geschichte. Vor dem Suffolk County Superior Court in Boston ist Christian Karl Gerhartsreiter angeklagt, geboren 1961 in Oberbayern. Er wird beschuldigt, seine Tochter entführt, dabei einen Mann verletzt und den Behörden einen falschen Namen angegeben zu haben. Den Namen der New Yorker Industriellenfamilie Rockefeller, den er auch vor Gericht weiterhin für sich in Anspruch nimmt. Schlimmstenfalls drohen ihm zehn Jahre Haft.

Neben diesen offiziellen Vorwürfen soll Gerhartsreiter außerdem seit fast drei Jahrzehnten wechselnde Identitäten benutzt haben, vom Pentagon-Mitarbeiter bis zum Filmwissenschaftler. Er soll in New York den reichen Lebemann gespielt haben. Und darüber hinaus berichten amerikanische Medien, dass er ein Ehepaar umgebracht und verscharrt haben soll, das seinen Maskeraden auf die Schliche gekommen sein soll.

Der schmächtige Mann mit schütterem Haar und Buddy-Holly-Brille will zu dem Fall nichts sagen. Er sagt, er könne sich an nichts erinnern. Fürchtete er sich vor einem Durchschnittsleben? Hat er irgendwann selbst den Durchblick verloren, wer er eigentlich ist? Wie heißt sein Ich nachts, in seinen Träumen? Er bleibt still wie Stiller. Die Polizei musste das Leben des Christian Karl Gerhartsreiter mühsam rekonstruieren.

Das oberbayerische Dorf Bergen am Chiemsee soll schon dem 17-jährigen Schuljungen zu eng geworden sein, so erzählt es sein Bruder. Gerhartsreiter ging als Austauschschüler in die USA und kam nicht zurück. Seit 1982 ist ein Mann namens Christopher Chichester in San Marino nachweisbar, einem Vorort von Los Angeles. Heute weiß die Polizei, dass Chichester identisch ist mit Gerhartsreiter. In dieser Zeit beginnt der Hochstapler sein Spiel mit den Identitäten. Einem Kommunalpolitiker erzählt er, er sei verwandt mit einem englischen Lord. Freunden erzählt er, seine Eltern seien entführt worden und er müsse dringend ein horrendes Lösegeld auftreiben. In den folgenden Jahren spielt er den Nasa-Experten, Pentagon-Offizier oder Wall-Street-Broker. Er erzählt alles Mögliche – nur den Namen Gerhartsreiter nimmt er nie wieder in den Mund.

Anfang der Neunziger zieht er nach New York. Dort gibt er sich als Clark Rockefeller aus, ein Spross der Unternehmerdynastie. Er lernt eine junge Frau kennen und erzählt ihr, dass er keinen Führerschein und keine Sozialversicherungskarte hat und sich deshalb nicht ausweisen kann. Die beiden heiraten in einer Quäker-Kirche auf dem Land, wo niemand nach Papieren fragt.

Das Paar gehört in den folgenden Jahren zur besseren Gesellschaft von New York. Der falsche Rockefeller feiert Partys wie ein echter, er spendet für wohltätige Zwecke und sammelt Gemälde. Das Geld für den Luxus stammt von seiner Frau: Die Harvard-Absolventin macht Karriere bei der Unternehmensberatung McKinsey. Auf sein Bitten hin gibt sie bei den Steuerbehörden an, Single zu sein. 2000 bekommen die beiden eine Tochter namens Reigh. Es scheint, als habe Gerhartsreiter endlich eine Rolle gefunden, aus der er nicht nach wenigen Monaten wieder herausfällt. Doch diesmal fällt er auf.

Als die Ehe zerbricht, kann sich der Betrüger vor dem Scheidungsrichter wieder nicht ausweisen. Das Sorgerecht geht an die Mutter, Gerhartsreiter erhält lediglich ein Besuchsrecht. Im Rahmen eines Vergleichs erhält er 800000 Dollar. Trotzdem erträgt er das Urteil nicht. Er, der als Halbwüchsiger seine Familie verließ und wenig später ungerührt den Kontakt abbrach, er klammert sich nun an sein Kind. Gleich beim ersten Besuchstermin, am 27.Juli 2007, packt er die Siebenjährige, zerrt sie in einen Chevrolet-Geländewagen und braust davon; dabei verletzt er den Sozialarbeiter, der auf Reigh aufpassen sollte und sich an einer Tür des Chevy festhält. Sechs Tage später verhaftet das FBI Gerhartsreiter in Baltimore, Maryland, wo er für 432.000 Dollar ein Haus für sich und Reigh kaufen wollte.

Seitdem sitzt Gerhartsreiter in Boston in Haft. Nun begann sein Prozess mit der Zusammenstellung der Geschworenen. Gerhartsreiters Anwälte verfolgen eine Doppelstrategie: Sie wollen ihren Mandanten als psychisch krank einstufen lassen. Und sie sagen, er sei in der Öffentlichkeit vorverurteilt worden durch Berichte über seine angebliche Verwicklung in zwei Morde.

Das wäre das dunkelste Geheimnis des Hochstaplers. 1985, in San Marino, wohnte Gerhartsreiter als Christopher Chichester eine Weile in einem Mietshaus des Ehepaars Sohus. Im selben Jahr verschwand das Paar spurlos, wenig später zog auch Gerhartsreiter weg. Neun Jahre später wollte der neue Hauseigentümer einen Swimmingpool ausheben, dabei entdeckten Arbeiter die Leiche von Jonathan Sohus. Jetzt, da der Angeklagte in Amerika eine Art Berühmtheit ist, haben sich Zeugen aus San Marino gemeldet. Sie behaupten, dass die Sohus' Zweifel an der Identität ihres Mieters gehabt hätten. Einige amerikanische Zeitungen haben daraus geschlossen, dass das Paar sterben musste, damit der Hochstapler nicht aufflog.

Tatsächliche Anhaltspunkte für einen Verdacht gibt es nicht. Es bleibt also bei dem Prozess wegen Entführung, der etwa drei Wochen dauern wird. Dass sich Clark Rockefeller in dieser Zeit wieder in Christian Karl Gerhartsreiter aus Oberbayern zurückverwandelt, ist unwahrscheinlich.

Er hat mehrere Interviews im Gefängnis gegeben, ohne seine Maske abzulegen. Dem Sender NBC erzählte er, er und Ex-Außenminister Henry Kissinger hätten immer gemeinsam ihre Hunde ausgeführt, Yeats und Amelia. Vielleicht hat er ja wirklich vergessen, wer er ist. Sollte er allerdings verurteilt werden, dann wird er sich an seine alte Identität gewöhnen müssen. Genau wie Stiller.