Während in den Chiemgauer Bergen die Weltpresse nach Spuren eines falschen Rockefeller sucht, der in den USA des Doppelmordes und der Kindsentführung verdächtigt wird, ging nur 200 Kilometer weiter nördlich für einen echten Rockefeller eine mehrjährige Dienstreise über die Kontinente zu Ende. Nach Stationen in Shanghai und New York kehrte Frederic Rockefeller (48), Ur-Großneffe des legendären US-Ölmagnanten John D. Rockefeller, heim nach Nürnberg. Hier holten ihn die Schlagzeilen um seinen vermeintlichen Verwandten ein.


„Ich habe gleich mit meiner Großmutter telefoniert“, sagte Rockefeller, der vor drei Jahrzehnten mit der US-Army in die Oberpfalz kam, gestern dieser Zeitung. „Das ist typisch für die New Yorker Schicki-Micki-Gesellschaft; die fällt leicht auf so was rein.“


Christian Karl Gerhartsreiter aus Bergen hatte sich offenbar als J. Clark Rockefeller ausgegeben, großzügig Schecks für wohltätige Zwecke ausgestellt und mit seiner Zeit an der Elite-Uni Yale geprahlt. Eine Teilhaberin der Consulting-Firma McKinsey erlag seinem Charme, bekam eine Tochter von dem eigentlich aus Bayern stammenden Sohn eines Anstreichers. Nach dem Ende der Ehe entbrannte ein Streit ums Sorgerecht. Gerhartsreiter kidnappte die gemeinsame Tochter, wurde nach fünftägiger Flucht aber gefasst. Wie ein Puzzle rekonstruierte das FBI danach die wahre Identität des Festgenommenen – und stieß auf einen Doppelmord, der seit 1985 als ungeklärt galt.

„Erst haben wir über diesen Hochstapler geschmunzelt“, sagt Frederic Rockefeller, dessen Ur-Großvater der Bruder von John D. Rockefeller war, „nach dem Mordverdacht nicht mehr.“ Es sei aber nicht das erste Mal, dass sich Betrüger den guten Klang seines Familiennamens zunutze machten. So wurden 1986 Banken und Leasing-Firmen von einem Broker aus Chicago geschröpft, der einen angeblichen Rockefeller als Präsidenten eingesetzt hatte. Der legendäre Ruf setzte offenbar alle Kontroll-Mechanismen außer Kraft.

„Aber auch wir Rockefeller sind keine Heiligen“, sagt Frederic Rockefeller. So habe es unter den 820 Nachfahren Bank- und Zugräuber gegeben – „und viele Verwandte, die noch immer vom Vermögen meines Ur-Großonkels leben.“ Er selbst habe aus seiner Herkunft nie Vorteile gezogen.


Er baute in den letzten zwei Jahren für einen Nürnberger Lebkuchen-Hersteller ein Standbein in den USA auf, und führt in Deutschland eine Büroversand-Gruppe mit fünf Firmen und 220 Mitarbeitern.

Nur den Pioniergeist des John D. Rockefeller hat sich Frederic Rockefeller bewahrt: Um die Leidenschaft der Amerikaner für Lebkuchen zu erwecken, taufte er das traditionelle Nürnberger Weihnachtsgebäck zunächst einmal von „Ginger Bread“ in „Lebcake“ um. Statt auf Filialen setzte er auf fliegende Stände, zum Beispiel am Central Park. Bald gehörten auch die Broker der Wall Street zu seinen Stammkunden.

Weil seine Frau nun ein Kind erwartet, kehrte Rockefeller nach Franken heim. „Ich will, dass meine Tochter in einem sicheren Land aufwächst.“ Sein Zorn auf die rot-grüne Steuer-Politik, die ihn 2004 aus Deutschland vertrieb, ist verflogen: „Die Rahmenbedingungen für Unternehmer haben sich positiv gewandelt“, sagt er.

Als Christian Karl Gerhartsreiter Deutschland verließ, war er gerade 17. „Er fühlte sich zu Höherem berufen“, sagen Schulkameraden, die sich an einen aufmüpfigen Buben erinnern. In Connecticut wollte er Kommunikationswissenschaft und Philosophie studieren. Mitte der 80er-Jahre verlor seine Familie den Kontakt zu ihm. Das letzte Lebenszeichen kam 1985: „Da fragte Christian telefonisch an, ob er seinen Namen in 'Chichester' ändern dürfe, unserer sei auf Englisch so schwer auszusprechen“, sagte sein Bruder Alexander der Münchner „tz“.


Ebenjener Chichester wurde seit 1985 wegen des Mordes an dem kalifornischen Ehepaar John und Linda Sohus gesucht, dessen Untermieter er war. Als J. Clark Rockefeller vergangene Woche in Baltimore geschnappt wurde, stellte das FBI fest, dass seine Fingerabdrücke mit denen Chichesters identisch sind. Bis seine wahre Identität feststand, vergingen aber noch Tage.


Dabei, so sagt Frederic Rockefeller, hätte schon ein Blick auf seine Haare genügt, um ihn als Rockefeller-Nachkomme auszuschließen: „Wir haben noch nie einen Rockefeller mit roten Haaren gehabt“, erinnerte sich seine Oma, als der Enkel aus Nürnberg-Feucht anrief.