Alpinisten

Zahl der tragischen Bergunfälle steigt an

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Heike Vowinkel

Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb / dpa

Regelmäßig werden derzeit Unfälle aus den Alpen gemeldet. Bei Bergtouren sind innerhalb von zwei Tagen sechs Menschen ums Leben gekommen. Stefan Winter leitet das Breitensport-Ressort beim Deutschen Alpenverein. Morgenpost Online sprach mit ihm über die Bereitschaft zum Risiko und die Selbstüberschätzung.

Morgenpost Online: Wird Bergwandern allmählich zum Risikosport?

Stefan Winter: Nein. Das auf keinen Fall. Wir müssen da unterscheiden. Zum einen berichten die Medien mehr als früher über diese Unfälle, weil es oft dramatische, schicksalhafte Geschichten sind.

Die Zahlen – zumindest beim Deutschen Alpenverein – zeigen dagegen, dass die tödlichen Unfälle in den Bergen seit den 60er-Jahren stark abnehmen. Zum anderen ist aber richtig, dass sich seit den 90er-Jahren mehr Unfälle ereignen.

Morgenpost Online: Was heißt das konkret?

Winter: Von unseren rund 800.000 Mitglieder verunglückten im vergangenen Jahr 860, tödlich davon allerdings nur 36. Berücksichtigt werden muss dabei aber auch, dass immer mehr Menschen in den Bergen unterwegs sind.

Morgenpost Online: Und diese sind schlecht vorbereitet und überschätzen sich?

Winter: Beides trifft zu. An Platz eins der Ursachen steht nämlich Stolpern oder Ausrutschen und entsprechende Stürze infolge dessen – das macht 50 Prozent der Fälle aus. An zweiter und dritter Stelle stehen körperliche Schwächen mit 20 Prozent, das sind vor allem Herzkreislaufprobleme, Erschöpfungszustände, Unterzuckerung und Dehydrierung, und ebenso häufig sind sogenannte „Blockierungen“.

Darunter verstehen wir diejenigen, die nicht mehr vor noch zurück wissen, etwa weil sie die Orientierung verloren haben oder überfordert sind. Ursächlich für all das sind meist eine falsche Selbsteinschätzung, zu schlechte Kondition und Wandertechnik und unsorgfältige Tourenplanung.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt das Wetter?

Winter: Auch darauf sind viele Wanderer zu schlecht vorbereitet. Im Frühjahr werden oft Regen, Nässe oder plötzlicher Schneefall unterschätzt. Im Sommer dann Altschnee auf Nordseiten, mit denen viele nicht gerechnet haben. Jetzt im Spätsommer und Herbst wird es wieder früher dunkel. Vor allem nach der Zeitumstellung fehlt dann oft die Taschenlampe, obwohl es ab fünf Uhr dunkel wird.

Morgenpost Online: Und wie häufig gibt es noch die sogenannten „Turnschuhläufer“?

Winter: Ach, gar nicht mehr so häufig. Man trifft zwar ab und an noch auf Leute, die mangelhaft ausgerüstet sind oder falsche Kleidung tragen. Aber die meisten Wanderer sind ganz passabel ausgestattet.

Morgenpost Online: Wer ist vor allem betroffen: Junge, risikobereite Wanderer oder ältere?

Winter: Ganz klar sind die über-60-Jährigen betroffen und da insbesondere die Männer, die sich und ihre Wander- und Leistungsfähigkeit überschätzen und sich auf ihre Touren nicht gut vorbereiten.

Wir hatten da zum Beispiel einen Fall von zwei Wanderern in der Schweiz, die im Bereich eines Übungsschießplatzes des Schweizers Bundesheeres liefen, dies aber nicht wussten. Als sie dann den lauten Geschützlärm hörten, fühlten sie sich bedroht, flohen und einer stürzte auf dem nassen Weg. Hätten sie sich vorher die Karte genau angeschaut, wäre ihnen das nicht passiert.?

Morgenpost Online: Was raten Sie jemandem, der zum ersten Mal in den Alpen wandert?

Winter: Das A und O ist eine gewissenhafte Tourenplanung und Beratung durch erfahrene Personen. Anfänger sollten mit einfachen Wanderwegen in den Talregionen beginnen, danach können sie übergehen zu Panoramawegen, die auf der selben Höhe entlang führen oberhalb der Baumgrenze – da hat man die bessere Sicht.

Und wer schon mehr Erfahrung hat, kann auch mal in Regionen mit 2500 und 3000 Metern vorstoßen. Wichtig ist in jedem Fall die Ausrüstung und man sollte auch bedenken, nicht zu schweres Gepäck mit zunehmen. Als Richtgröße für Wasser gilt ein bis 1,5 Liter sofern man keinen Stützpunkt also eine Berghütte anpeilt .

Morgenpost Online: Reinhold Messner klagt seit langem, dass die Alpen zum Abenteuerspielplatz verkommen seien und fordert, weite Teile für Ungeübte zu schließen. Wie stehen Sie dazu?

Winter: Grundsätzlich gibt es das freie Betretungsrecht des Geländes, es sei denn es befindet sich im Privatbesitz. Dieses Recht muss für die Gesellschaft erhalten bleiben. Spektakuläre Unfälle sollten uns zudem nicht den Wert, den das Wandern für die Menschen hat, vergessen lassen. Das sollte kein Privatprivileg für Einzelne sein.

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