Pfusch am U-Bahn-Bau

Köln will instabile Gruben bei Hochwasser fluten

Gestohlene Eisenbügel, gefälschte Berechnungen – einige Gruben der U-Bahn-Baustelle sind instabil. Jetzt droht eine weitere Gefahr: Hochwasser. Im Notfall sollen die Gruben geflutet werden. Der Pfusch am Bau hat so große Ausmaße in Köln angenommen, dass sich nun auch der Bundestag damit beschäftigen soll.

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Theoretisch hätte längst eine der Kölner Großbaustellen einstürzen können, an denen jüngst massiver Pfusch nachgewiesen wurde. Diese Warnung von Experten der Ingenieurkammer Nordrhein-Westfalen ließ die Parteipolitik in Köln, aber auch den betroffenen Baukonzern Bilfinger Berger für einige Tage verstummen. Nun aber melden sich die Akteure zu Wort.

Die Diskussion kreist vor allem um eine Frage: Wer ist schuld daran, dass der gefährliche Baupfusch erst jetzt, fast zwölf Monate nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs, aufgedeckt wurde? Wie dramatisch die Lage ist, zeigte gestern ein Auftritt des Stadtsprechers Gregor Timmer.

Der kündigte an, dass ab einem Pegelstand des Rheins von 6,50 Meter die U-Bahn-Baugrube am Heumarkt geflutet wird, da dann auch der Grundwasserspiegel steige und extrem auf die Wände drücke. In der Baugrube fehlen in großem Stil stabilisierende Eisenteile, die gestohlen und an Schrotthändler verkauft worden sein sollen. Insgesamt sollen zudem für 28 unterirdische Schlitzwände falsche Vermessungsprotokolle angefertigt worden sein.

Die Oppositionsparteien im Landtag haben einen Verantwortlichen inzwischen ausgemacht: Landesbauminister Lutz Lienenkämper (CDU). Ihm werfen SPD und Grüne vor, fast ein Jahr lang untätig geblieben zu sein – obwohl sich nach dem Archiveinsturz rasch der Verdacht aufgedrängt habe, dass die mangelnde Absicherung beim U-Bahn-Bau das Unglück verursachte. Vor allem ein Versäumnis kreidet SPD-Bauexperte Bodo Wißen dem Minister an: „Er hätte umgehend eine effektivere Kontrolle der Kölner Baustellen durchsetzen müssen“ – so, wie das viele Experten nach dem Kölner Unglück gefordert hatten.

Für die Überwachug fehlt das Personal

Tatsächlich übertrug der Düsseldorfer Regierungspräsident die Aufsicht über die Kölner Baustellen nach dem Einsturz der privaten Ingenieurgesellschaft Spiekermann. Das klang gut. Schließlich war Spiekermann am Bau nicht beteiligt. Und privates Expertentum verheißt gemeinhin Effektivität.

Aber genau die ließ Spiekermann nach Ansicht von Oppositionspolitikern nicht erkennen, „sonst wären die kriminellen Machenschaften und Sicherheitsrisiken in Köln nicht erst ein knappes Jahr nach dem Einsturz entdeckt worden“, meint der grüne Verkehrsexperte Horst Becker.

Wenn der Staat hoheitliche Aufgaben an Privatunternehmen übertrage, „muss er sie konsequent überwachen, damit kein kontrollfreier Raum entsteht und kein Baupfusch übersehen werden kann“, so Becker.

Für eine spürbare Kontrolle der Spiekermann-Ingenieure fehlt dem Staat – also der Aufsichtsbehörde beim Düsseldorfer Regierungspräsidenten – aber schlicht das nötige Personal, meint SPD-Bauexperte Wißen. Die „drei bis vier zuständigen Mitarbeiter der Behörde“ seien hoffnungslos überfordert mit den vielen Dutzend Bauprojekten, die sie im Auge behalten müssten.

Pfusch wird Thema im Bundestag

Dass der NRW-Bauminister diese Kontrollstelle noch immer nicht massiv personell verstärkt habe, sei ein „schwerer Fehler“, meint die Opposition. Der angegriffene Minister äußerte sich nicht zu dieser Kritik. Er werde erst Anfang März im Bauausschuss des Landtags detailliert auf alle Vorwürfe eingehen, sagte ein Sprecher.

Doch die Diskussion um politische Konsequenzen wird dadurch nicht aufgehalten. Nun wurde auch im Kölner Stadtrat heftig darüber debattiert, wie Stadt, Land und Bund reagieren müssten. SPD und Grüne forderten, die Düsseldorfer Aufsichtsbehörde wenigstens jetzt personell aufzurüsten.

Und die Linke kündigte an, im Bauausschuss des Bundestags das System der Baukontrollen zu durchleuchten. Dass eine hoheitliche Aufgabe wie die Bauaufsicht faktisch privatisiert werden dürfe, gefährde die öffentliche Sicherheit. Tatsächlich hat der Bundestag die Übertragung der technischen Bauaufsicht an private Ingenieursgesellschaften gestattet – allerdings nur unter strenger Kontrolle.

Unstrittig war dagegen der Aufruf der Rats-CDU, das erschütterte Vertrauen der Kölner Bevölkerung durch kompromisslose Aufdeckung aller Verantwortlichkeiten zurückzugewinnen. Zumindest ein Akteur hat sich diesen Appell offenbar zu Herzen genommen: der federführende Baukonzern Bilfinger Berger. Dessen Vorstand Herbert Bodner gab zu, der bisherige Umgang mit dem Baupfusch sei „völlig inakzeptabel“. Fortan werde Bilfinger „schonungslose Ursachenforschung“ betreiben.