Es ist eine beliebte Frage unter Prüflingen, die verzweifelt versuchen, ihren Kopf in der letzten Sekunde aus der Schlinge zu ziehen: „Kann ich meinen Telefonjoker anrufen?“ Vor zehn Jahren hätte diesen Scherz niemand verstanden. Wer heute beim Begriff Telefonjoker passen muss, braucht dagegen bloß zum Duden zu greifen. Er erfährt dort, dass Kandidaten der Show eine Person ihrer Wahl anrufen können, falls sie mal nicht weiter wissen.

Treue RTL-Zuschauer haben das nicht nötig. Der Telefonjoker gehört längst zum popkulturellen Erbe. Wer den Begriff hört, assoziiert damit die hektischen roten Flecken auf den Gesichtern der Kandidaten von Deutschlands beliebtester Quizshow. Er sieht das Pokerface von Moderator Günther Jauch, das sich schlagartig entleert, sobald er wieder zu bluffen versucht. Und vielleicht auch einen Geldregen.

Keine Frage, „Wer wird Millionär?“ (WWM) hat Fernsehgeschichte geschrieben. Als RTL am 3. September 1999 die erste Folge zeigte, da konnte kein Mensch ahnen, dass diese Sendung einmal Fernsehgeschichte schreiben würde. Erstens brach sie mit allen bekannten Regeln: So konnten Kandidaten vorzeitig aussteigen, wenn sie das bis dahin erspielte Geld retten wollten. Zweitens, so jedenfalls schien es, hatte das TV-Quiz als Unterhaltungsformat ausgedient.

Vorbei die Zeiten, da sich die ganze Familie vor dem Fernseher versammelte, wenn Hans-Joachim Kulenkampff in „Einer wird gewinnen“ Baudenkmäler auf der Bühne errichten ließ, um das Architektur-Wissen seiner Kandidaten zu testen. Wer wollte noch beflissenen Bildungsbürgern beim Streben zuschauen, wenn neue Fernsehsender wie RTL mit frechen Formaten und nackten Tatsachen lockte?

Das Privatfernsehen hatte den Niedergang der Quizshow eingeläutet. Es sollte aber auch den Boden für ein Comeback bereiten. Andere Sender versuchten das Konzept von WMM zu kopieren, doch keiner reichte an den Erfolg heran. Dass RTL dieser Coup gelang, verdankt der Sender in erster Linie Günther Jauch. Er lieh einer Sendung sein Gesicht, die 1998 zum ersten Mal im britischen Fernsehen ausgestrahlt wurde als „Who wants to be a millionaire?“

Sie läuft noch heute in 107 Ländern, doch nirgendwo erreicht sie so traumhafte Quoten von zwölf Millionen Zuschauern wie in Deutschland. Woanders kamen und gingen die Moderatoren. Doch der Journalist Jauch blieb. Und erwarb sich so den Ruf, er könnte jede Frage notfalls noch im Tiefschlaf beantworten. Dass er ein altsprachliches Gymnasium nur mit der Abiturnote 3,1 verlassen hatte, vermochte diesen Eindruck nicht zu ändern. Aus Umfragen geht er seitdem oft als Favorit der Deutschen für das Amt des Bundeskanzlers hervor.

Heute sitzen immerhin noch sechs Millionen Zuschauer vor dem Fernseher, wenn abwechselnd Handwerker, Studenten, Hausfrauen oder Universitätsprofessoren ihr Allgemeinwissen einem Test unterziehen. Die Fragen sind nicht immer ganz ernst gemeint. Es kommt vor, dass Günther Jauch wissen will: „Warum ist die ... A: Blondine dumm?, B: Forelle stumm?; C: Banane krumm oder D: Show schon rum?“ Nicht ohne Schadenfreude registriert das Publikum, dass auch Akademiker für solche Scherzfragen ihren Publikumsjoker vergeuden. Bildung schützt eben vor Blamage nicht. Diese Erkenntnis sichert dem Quiz auch in Zeiten des Pisa-Schocks eine überdurchschnittlich gute Quote. Ein bisschen Glück gehört auch dazu. Man kann sagen: WMM hat das Quiz demokratisiert.

Zwar hat der Mann, der die Fragen für das Quiz bis heute austüftelt, in einem Interview unlängst verkündet: „Zur idealen Vorbereitung liest man am besten 50 Jahre lang jeden Tag zwei Tageszeitungen und jede Woche die wichtigsten Wochenzeitschriften.“ Doch im Zweifelsfall hat es wohl auch gereicht, wenn man kaum eine Folge von WMM verpasst hat. Bis heute schafften es 49 von 1700 Kandidaten bis zur Millionenfrage. Das Spektrum reichte von der Hausfrau bis zum Philosophiestudenten, vom Aufzugsmonteur bis zum Unidozenten. Und fragt man in der RTL-Pressestelle nach, wie der Gewinn ihr Leben verändert hat, erfährt man nur Geschichten, die beinahe zu schön klingen, um wahr zu sein.

Eine Ärztin erfüllte sich den Traum von der Landarztpraxis. Ein Handwerker nahm sein Studium wieder auf und trainierte für den Iron-Man-Wettbewerb. Ein Geschichtsprofessor investierte das Geld in eine Doppelhaushälfte und spendete den Rest an wohltätige Organisationen. Sogar die Geschichte der Hausfrau Marlene Grabherr vom Bodensee soll ein gutes Ende genommen haben: Dabei hatte sie schon nach kurzer Zeit die Hälfte der Summe für zwei Sportwagen und ein Fertighaus verbraten. Doch die Befürchtung der Boulevardreporter, es könnte ihr irgendwann so ergehen wie Lotto-Lothar, einem Glücksspielgewinner aus Hannover-Kleefeld, der als Sozialhilfeempfänger endete, sollte sich nicht bewahrheiten. Interviews will sie zwar keine mehr geben. Doch ein RTL-Sprecher versichert, sie lebe noch heute in ihrem Fertighaus.

Und Günther Jauch? Der klagte in einem Interview mit der Zeit jüngst über Ermüdungserscheinungen. Wer wollte, konnte das Porträt als Bewerbung um eine anspruchsvollere Tätigkeit lesen. Gerüchte über Ausstiegspläne werden bei RTL jedoch dementiert. Vor eine neue Herausforderung habe der Sender Jauch schon mit der Show „ Fünf gegen Jauch “ gestellt, sagt ein Sprecher. Dort trat der Moderator zur Abwechslung als Kandidat gegen Bewerber aus dem Publikum an. Es war eine seiner leichtesten Übungen. Dreimal dürfen Sie raten, ob er die Aufgabe, mit … A: Tonsur, B: Fraktur, C: Bravour oder D: Tortur wuppte.

Die Höhepunkte aus zehn Jahren WWM zeigt RTL in drei Doppelfolgen – noch am 18. und 25. September, Beginn: 20.15 Uhr.

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