Günther Jauch sitzt zwischen allen Stühlen. Es ist noch gar nicht so lange her, da erklärten Erstwähler in einer Umfrage, sie sähen den RTL-Moderator gerne als Bundeskanzler – noch vor Campino oder Oliver Kahn.
Dagegen sieht ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender in ihm gewissermaßen den neuen Dieter Bohlen, wie er Morgenpost Online sagte. Dass Jauch, wenn nicht zum Kanzler, dann doch wenigstens zum Kanzlermacher taugt, soll eine neue Sendung beweisen, die das Zweite im Super-Wahljahr bei Jauchs Firma I&U Entertainment („stern tv“) bestellt hat. Ihr Titel lässt erahnen, dass sich der Moderator auf eine schier unlösbare Aufgabe eingelassen hat: „Ich kann Kanzler.“
Das klingt nach einer Antwort des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf „Deutschland sucht den Superstar“. In Gedanken kann man sie schon vor sich sehen, eloquente Nachwuchspolitiker, die sich von Promi-Friseur Udo Walz eine wind- und wetterfeste Frisur verpassen lassen, bevor sie im Wettlauf gegen die Zeit Flugblätter verteilen oder zu Eisbär Knut ins Gehege steigen, um gegen den Klimawandel zu demonstrieren. Seit bekannt ist, wer in der Jury sitzen wird, schießen die Spekulationen über den Inhalt dieser neuen Show ins Kraut.
Günther Bohlen, pardon Jauch, soll den politischen Nachwuchs am 21. Juni schließlich nicht alleine casten. Ein ehemaliger Bundesaußenminister, Hans-Dietrich Genscher (FDP) und die Queen of Comedy, Anke Engelke, sollen ihm dabei helfen. Moderiert wird diese heterogene Runde von ZDF-Journalist Steffen Seibert.
Wie das in der Praxis funktionieren soll, kann sich außer Nikolaus Brender bislang kaum einer vorstellen. Gerüchten, denen zufolge das ZDF die Mechanismen einer Castingshow 1:1 auf sein neues Format übertragen will, erteilt der Chefredakteur aber schon mal eine Absage: „Es wird keine Castingshow wie ,Bauer sucht Frau`“, sagt Brender Morgenpost Online. Dementsprechend niedrig schraubt Brender auch die Erwartungen an die Quote: „Germany’s Next Top Model werden wir nicht erreichen.“
Glaubt man Brender, dann hat sich das ZDF im Superwahljahr an seinen Bildungsauftrag erinnert – allerdings nicht ganz uneigennützig, wie er mit Hinweis auf die Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen einräumt. In der politischen Berichterstattung schlägt der Sender die Konkurrenz qualitativ zwar regelmäßig um Längen, wie er zuletzt im Finale des US-Präsidentschaftswahlkampfes demonstrierte.
Doch der Anteil der Zuschauer unter 49 Jahren in der Sparte Politik ist erschreckend gering. Brender beziffert ihn auf acht bis zehn Prozent. Wenn das ZDF jetzt die Castingshow als Köder auswirft, um junge Erwachsene an demokratischen Prozessen zu interessieren, dann darf man diesen Beitrag getrost als Versuch bewerten, sich ein jüngeres Publikum heranzuziehen.
„Das Interesse an Politik ist ja da“, glaubt der Vater einer 18-jährigen Tochter zu wissen. Jugendliche fühlten sich lediglich durch die Sprache und undurchsichtige Abläufe abgeschreckt.
Ob ausgerechnet eine als Castingshow getarnte Lektion im Fach Demokratie dazu beitragen kann, jenes eine Drittel der unter 30-Jährigen zu erreichen, die bei der letzten Bundestagswahl 2005 lieber zu Hause blieben, ist jedoch zweifelhaft. „Ich kann Kanzler“ orientiert sich an der Show „Canada’s Next Prime Minister“, die seit 2005 regelmäßig im kanadischen Fernsehen läuft.
Dort besteht die Jury ausnahmslos aus ehemaligen Premierministern. Kandidaten müssen selbstbewusst genug sein, um ihre Vision für Kanada vorzutragen und sich anschließend den Fragen der Profis zu stellen. Die „Challenges“ – Castingdeutsch für Mutproben – entpuppen sich in dieser Show als reine Fragerunden. Überhaupt erinnert die ganze Sendung eher an einen politischen Debattierclub als an ein Ringelpietz mit Bohlen. Schon nach vier Ausgaben scheint der Strom der Video-Bewerbungen erlahmt zu sein. In seiner Not hat der TV-Sender CBC jetzt schon die Parteien um Hilfe bei der Kandidatensuche gebeten.
Nikolaus Brender sagt, das Konzept der Sendung werde an deutsche Verhältnisse angepasst. Unter allen Bewerbern werden 40 Kandidaten zu einem zweitägigen Auswahlgespräch eingeladen, vier schaffen es in die Sendung. Getestet werden zeitgeschichtliche Kenntnisse und rhetorische Fähigkeiten. Denkbar sei auch ein Praxistest mit gestandenen Politikern. Als Interviewer will sich Brender auch selber zur Verfügung stellen – für eine Light-Variante der ZDF-Fragestunde: „Was nun?“.
Dem Gewinner verspricht das ZDF ein „Kanzlergehalt“ von etwa 16.000 Euro. Anders als Kanada, wo es die Siegerprämie von 50.000 Dollar bar auf die Hand gibt, will das Zweite das Geld nur zweckgebunden auszahlen, etwa für politische Bildungsreisen. Anders als in Kanada stamme das Geld auch nicht von einem der größten nationalen Industriekonzerne, sondern aus dem Gebührensäckel, versichert Brender.
Experten reagieren zurückhaltend bis ablehnend auf das Projekt. Generell finde er zwar jeden Versuch gut, der dramatisch niedrigen Wahlbeteiligung entgegenzuwirken, sagt etwa der Kommunikations- und Medienberater Michael Spreng, der 2002 den Kanzlerwahlkampf für Edmund Stoiber (CSU) organisiert hat. „Die Zusammensetzung der Jury deutet aber eher auf eine Unterhaltungssendung hin.“
Auch den Titel findet Spreng irreführend. „Sich bei einer solchen Sendung zu bewerben, ist geradezu anmaßend. Und für den Gewinner wird es ein böses Erwachen geben.“ Das Leben eines Politikers bestehe schließlich nicht nur aus TV-Auftritten. „Es geht darum, den Parteiapparat zu beherrschen.“
Auch der politische Nachwuchs steht der neuen ZDF-Sendung kritisch gegenüber. Politisch interessierte Jugendliche erreiche man heute eher übers Internet als übers Fernsehen, sagt etwa der Pressesprecher der Jungliberalen (Julis), Nils Droste. Die Julis würden jedenfalls keinem ihrer 9700 Mitglieder empfehlen, sich bei der Show zu bewerben.
Wohin ein Wahlkampf führe, der auf televisionäre Außenwirkung setze, habe man ja 2002 gesehen, sagt Droste in Anspielung auf den Besuch des FDP-Kanzlerkandidaten Guido Westerwelle im Big-Brother-Container. Statt der erhofften 18 Prozent erreichte die FDP damals nur 7,4 Prozent. Und ein solches Ergebnis brauche man nicht noch einmal.
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