Verbrechen

Ein Mord schockiert die sicherste Stadt der USA

In der Disney-Stadt Celebration in Florida gibt es keine Kriminalität. Doch jetzt wurde ein Einwohner Opfer eines Kapitalverbrechens.

Foto: AP / AP/DAPD

Die Idylle hat einen Namen. Sie heißt Celebration und ist eine Kleinstadt im Osceola County im US-Bundesstaat Florida. Nun ist sie beschädigt, wenn nicht gar zerstört. Denn 14 Jahre nachdem Celebration als Planstadt von Disney-Architekten aus dem Boden des Sonnenstaats gestampft wurde, ist hier das erste Opfer eines Verbrechens zu beklagen.

Das Opfer heißt Metteo Giovanditto und ist vermutlich ermordet worden. Giovanditto war 58 Jahre alt – sehr viel mehr ist über ihn nicht bekannt. Die Eigentumswohnung im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses, mit der er sich in die garantierte Idylle eingekauft hatte, ist mit dem gelben Plastikband abgesperrt worden, mit dem die Polizei Tatorte von der Öffentlichkeit abschirmt: „Crime Scene Do Not Cross“. Und dieses Plastikband versetzt seit Dienstag die ganze Stadt in Aufregung.

Denn Verbrechen kommen in der Welt von Celebration nicht vor. Als die World Disney Company die Stadt 1994 plante und 1996 die ersten Bewohner einzogen, wollte sie mehr schaffen als eine Neubausiedlung für betuchte Amerikaner.

Schon ein Fahrraddiebstahl war eine Sensation

Gewollt war die Errichtung einer heilen Welt, eine Lebenswelt im Stil des „Modern Urbanism“, ein „nostalgisches Gegenstück moderner Urbanität“, wie sie Charles Willard Moore schon 1965 in der Architekturzeitschrift „Perspecta“ beschrieben hatte.

Heil wie zum Beispiel die Welt von Truman Burbank, dem Hauptdarsteller des Films „Die Truman Show“, der, ohne es zu wissen das fortschrittgierige Amerika mit Bildern der heilen Welt versorgte. Im Film von 1998 ist es Truman selbst, der die falschen Kulissen der Kunststadt Seaside entdeckt und schließlich mit brachialem Lebenshunger fliehen will – in die echte, hässliche Welt. Der Vergleich von Seaside und Celebration City drängt sich nicht nur auf – er ist sogar gewollt und wird von den Erbauern gern angestellt.

11.000 Menschen hatten bisher jeden Grund, sich hier sicher zu fühlen. „Wenn in Celebration mal ein Fahrrad gestohlen würde, wäre die ganze Stadt in Aufregung“, hatte noch vergangene Woche ein fröhlicher Nachbar der Lokalzeitung erzählt. Eine Woche später lacht niemand mehr darüber.

Grillpartys im Vorgarten verboten

Aus jedem Winkel dieser Stadt sollte heile Welt sprechen: aus der Architektur der Häuser mit ihren neuenglisch-viktorianschen Fassaden, deren Pastellfarben ebenso vorgeschrieben ist wie die Zahl der Geschosse und die Pflanzen im Vorgarten. Die Straßen und Wege sind schmal und absichtlich kurvenreich. Sie sollen einen Kontrast herstellen zum typisch amerikanischen Straßenbild. In Celebration soll der Fußgänger, der Mensch, im Mittelpunkt stehen, ihm steht viel öffentlicher Raum als „sozialer Treffpunkt“ zur Verfügung.

Auch die strengen Regeln machen Celebration aus. Grillpartys im Vorgarten sind verboten. Vergisst der Eigentümer, seinen Rasen zu mähen, erledigt das die Stadt – auf Kosten des Nachlässigen. Es gibt noch mehr Pflichten, zum Beispiel die Pflicht zu feiern. Bei Blockpartys und Wohltätigkeitsveranstaltungen herrscht Anwesenheitspflicht. Wer diese „Dorfregeln“ verletzt, riskiert sein Wohn- und sein Eigentumsrecht.

Metteo Giovanditto hatte diese Regeln bislang immer eingehalten. Doch dann fiel auf, dass er fehlte. Genau das macht, abgesehen von der Bewachung der Anlage durch Sicherheitsdienste und Stacheldraht, auch das Sicherheitskonzept von Celebration aus – der Schutz den die „perfekte Gemeinschaft“ bieten soll. Man bemerkt es hier schnell, wenn ein Nachbar weg ist. Über Metteo Giovanditto ist nicht viel bekannt. Die perfekte Gemeinschaft der Nachbarn trägt nun Bruchstücke seines Lebens zusammen. Er soll aus Massachusetts nach Florida gezogen sein, berichten Nachbarn, die manchmal seinen Hund ausgeführt haben. Er soll als Lehrer gearbeitet haben, berichtet die Zeitung „Orlando Sentinel“. Ein anderer Nachbar erinnert sich, dass das Mordopfer bereits pensioniert war.

Idylle soll nicht zerstört werden

Sicher ist indes, dass Giovanditto plötzlich mehrere Tage lang nicht gesehen worden war. Auch seine schwarze Corvette stand nicht dort, wo sie immer stand. Und der Chihuahua Lucy, mit dem Giovanditto die Eigentumswohnung teilte, war seit dem 25. November, dem Thanksgiving-Tag, nicht ausgeführt worden. Das reichte den Nachbarn für eine Vermisstenanzeige und den Ermittlern für das Öffnen der Wohnung. Sie fanden den ermordeten Mann.

Was genau sie fanden, wie der Tatort aussah und wie Metteo Giovanditto getötet wurde – darüber wird Stillschweigen gewahrt. Aus ermittlungstechnischen Gründen, aber auch, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Die Nachbarn wollen sich ihre Idylle nicht kaputt machen lassen. Der Wille, den Vorfall zu bagatellisieren ist greifbar. Es gebe keinen Grund zur Sorge, sagte eine Sprecherin. Giovandittos Tod sei ein „einzelner Zwischenfall“.