Neumünster vs. Berlin

Eisbär-Prozess – Wer bekommt Knuts Millionen?

Das knuddelige Eisbär-Baby Knut löste eine regelrechte Hysterie aus. Sechs Millionen Euro soll der Berliner Zoo mit Knut verdient haben. Der Tierpark Neumünster, aus dem sein Vater stammt, fordert Anteile aus diesem Gewinn. Berlins Zoodirektor bot als Entschädigung Pinguine an, doch die wurden dankend abgelehnt.

Foto: dpa / DPA

Berlins Zoodirektor ist, das kann man nicht anders sagen, ein kreativer Mann. Da steht also ein Prozess an, in dem es möglicherweise um Millionen geht, wohlgemerkt, Millionen, die der Berliner Zoo verlieren würde. Und der Berliner Zoo-Chef bietet statt Geld im Vorfeld großzügig „ein paar Pinguine“ als Entschädigung an. Der Leiter des Tierparks Neumünster lehnte ab. Pinguine habe man selbst.

Gestern wurde im Saal 151 des Landgerichts Berlin, der Fall Knut verhandelt – Kläger in diesem Prozess ist der Tierpark Neumünster in Schleswig-Holstein. Er fordert vom Berliner Zoo Informationen über die Einnahmen aus den Erlösen von Knuts Vermarktung. Hintergrund ist ein Vertrag, der festlegt, dass Knuts Vater Lars nach Berlin nur ausgeliehen worden ist. Zudem wurde vertraglich vereinbart, dass der erste, dritte, fünfte, siebte von Lars gezeugte Eisbärennachwuchs automatisch in das Eigentum des Tierparks Neumünster übergeht. Und Knut war der erste.

Nach Schätzungen sollen mit dem Eisbären rund sechs Millionen Euro verdient worden sein. Denn Knut, der von seiner Mutter verstoßen worden war und von Tierpfleger Thomas Dörflein mit der Flasche aufgezogen wurde, war ein Medienstar. Heute gibt es sein Abbild auf Shirts, Taschen, Kaffeetassen, und er avancierte sogar zum Kinostar.

Kein Wunder, dass die Berliner das Recht auf ihrer Seite sehen. Zwar gehöre Knut eindeutig den Neumünsteranern, trug Zoo-Anwalt Joachim Gabler vor, das habe jedoch nichts mit den Einnahmen zu tun. Folgerichtig müssten diese Einnahmen auch nicht offengelegt werden. Gabler erneuerte gleichzeitig ein altes Angebot: Der Zoo zahlt einmal 350.000 Euro, im Gegenzug verzichten die Neumünsteraner auf das Eigentum an Knut und dessen Vater Lars, der möglichst für immer mit seinen drei Eisbären-Damen in Berlin bleiben und weiterhin für Nachwuchs sorgen soll.

Ein Vorschlag, den Richter Philip Hegermann „als durchaus akzeptabel“ einschätzte. Er könne sich jedoch vorstellen, sagte Hegermann, dass der Berliner Zoo die Kaufsumme auf 700.000 erhöhe. Es sei ja bekannt, welchen Wert Knut für den Zoo und auch Berlin habe. Das interessiere auch die Öffentlichkeit. „Wenn Sie sich hier einig werden“, versprach der Richter, „stehen alle Parteien wirklich gut da.“

Hauptstadt-Zoochef Bernhard Blaszkiewitz, der wie sein Kollege aus Neumünster, Peter Drüwa, neben den Anwälten vor der Richterbank stand, war die Ablehnung deutlich anzusehen. Anwalt Gabler wurde deutlicher: 350.000 Euro seien eigentlich schon viel zu viel. Da gebe es „keinerlei Verhandlungsspielraum“.

Keine Chance also, so schien es, für eine gütliche Einigung.

Richter Hegermann versuchte es dennoch ein weiteres Mal. „Vielleicht hilft es Ihnen ja, wenn ich Ihnen kurz meine bisherige Sicht erläutere“, sagte er – und blickte zu den Neumünsteranern. Es sei für ihn zweifelhaft, „ob sich aus Eigentumsrechten auch Verwertungsrechte ableiten lassen“. Er sei also „skeptisch, was den erfolgreichen Ausgang dieser Klage“ betreffe.

Das war ein mehr als deutlicher Hinweis. Anwalt Graßmay und die Vorstände des Tierparks Neumünster zogen sich zurück. Nach 20 Minuten kamen sie wieder. Jetzt mit einem Gegenangebot: 500000 Euro für Knut, Eisbärvater Lars dürfe außerdem quasi als Dauerleihgabe in Berlin verbleiben. Kritische Gesichter in der Abordnung des Berliner Zoos. „Hier gibt es, pardon, keine Zockerei“, sagte Gabler. Man folge nach einem Gespräch mit dem Finanzsenator einer klaren Direktive: „350000 Euro und kein Cent mehr.“

„Das sollten Sie vielleicht noch einmal überdenken“, erwiderte sein Kollege Graßmay. „Wenn wir uns hier nicht vergleichen, bieten sich uns auch andere Optionen.“ Damit stand die Drohung im Raum: Wenn ihr nicht einlenkt, können wir euch euren Publikumsmagneten Knut auch wieder wegnehmen.

Weitere Verhandlungen schienen in diesem Stadium wenig erfolgreich. Bis zum 13.Juli müssen sich die Parteien nun auf eine Summe geeinigt haben. Ansonsten folgt am 1.September ein Urteil.