Die Berliner Flughäfen bekommen die ersten Auswirkungen des Winters in Europa zu spüren. An den Airports Tegel und Schönefeld müssten bis Mittwochmittag fünf Flüge gestrichen werden, sagte ein Flughafensprecher. Dabei handelte es sich um Verbindungen nach Helsinki, London, Düsseldorf und München. Zugleich habe es „winterübliche Verspätungen“ gegeben. Flugzeuge mussten enteist werden.
Den Angaben zufolge ist für die Ausfälle das Winterwetter an den Zielflughäfen verantwortlich. „Bei uns läuft alles planmäßig. Sollten Schneemassen kommen, sind wir darauf vorbereitet und gut gerüstet.“ Der Dienstleister GlobeGround habe seine Lager mit ausreichend Enteisungsmittel aufgefüllt. Vier der ausgefallenen Flüge sollten von Tegel aus starten, einer von Schönefeld.
Mit Tiefsttemperaturen von teilweise deutlich unter minus zehn Grad hat Berlin einen neuen Kälterekord seit Beginn der Wetterauzeichnung aufgestellt. Der niedrigste Berliner Wert für den 1. Dezember hatte bislang bei minus 10,8 Grad gelegen. Das war 1931 in Berlin-Dahlem. Der Straßenverkehr am Mittwochmorgen in Berlin und Brandenburg wurde durch die Kälte nicht beeinträchtigt worden. Es gab auf den Straßen nach Angaben der Polizei nicht mehr Unfälle, obwohl die Nebenstraßen teilweise glatt waren.
Im öffentlichen Nahverkehr lief am Mittwochmorgen alles glatt. „Wir haben keine witterungsbedingen Ausfälle. Nur die Nord-Süd-Linie der S-Bahn ist wegen einer Signalstörung beeinträchtigt“, sagte eine Bahnsprecherin am Mittwoch. U-Bahnen, Trams und Busse fuhren regelmäßig. Auch die Fahrgastzahlen sind nach Angaben der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bislang nicht gestiegen. „Die trockene Kälte macht nichts. Erst wenn es Glatteis gibt, steigt die Anzahl der Fahrgäste sofort“, sagte die Sprecherin der BVG, Petra Reetzh.
Bei den Fernzügen gibt es seit Dienstag wegen des Wintereinbruchs vereinzelt Verspätungen oder Zugausfälle. Wer deshalb am Berliner Hauptbahnhof mit mehr als 30 Minuten Verspätung strandet, kriegt dort von der Bahn zumindest ein kostenfreies Heißgetränk.
In der Region Berlin-Brandenburg erwartet der Deutsche Wetterdienst (DWD) am Abend starke Schneefälle. In anderen deutschen Großstädten war es verhältnismäßig warm. In der Münchener City waren es minus 4,8 Grad, in Kölns Innenstadt minus 5,2 Grad und in Hamburg-Veddel minus 7,1 Grad.
Dichte Schneedecke sorgt für längeren Winter
Einen Jahrtausendwinter, wie ihn einige russische Wetterforscher vorhersagen, erwarten hiesige Meteorologen nicht. Bei den Prognosen sei wohl viel Profilierungssucht im Spiel, sagte Klimaforscher Erich Roeckner vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. "Die Langfristprognose steckt noch in den Kinderschuhen“, betont auch Martin Jonas, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. „Grundsätzlich gilt deshalb für alle diese Vorhersagen: Seriös sind sie nicht.“
Wie der Winter in Deutschland wird, hängt zu einem großen Teil von der sogenannten Nordatlantischen Oszillation (NAO) ab, der Schwankung des Luftdrucks zwischen Island und den Azoren. „Sie ist im Grunde genommen ein Maß für die Stärke des Westwinds“, erläutert Roeckner. Ist die Druckdifferenz groß, pfeift der Wind stärker nach Mitteleuropa hinein – und hält die aus dem Osten heranströmende Kälte besser in Schach. „Warme und feuchte Luft wird dann vom Atlantik nach Deutschland transportiert.“
Wie sehr sich der Luftdruck von Azoren und Island im Januar oder Februar unterscheiden wird, kann man nur raten. „Das ist überhaupt nicht vorhersagbar über die normale Wettervorhersage hinaus“, sagt Roeckner. „Ohnehin ist die Oszillation nur entscheidend, wenn nicht gerade andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen“, ergänzt Jonas. Das könne etwa ein Tiefdruckgebiet über dem Atlantik sein. „Aber egal, ob Luftdruck, Golfstrom oder Oberflächentemperatur der Meere: Die Daten liefern immer nur Indizien, schwache Indizien, dass etwas so oder so passieren könnte.“
Im vergangenen Winter etwa sei schließlich die Schneedecke zu einem wichtigen Faktor geworden, die viel Sonnenlicht zurückgestrahlt habe. „Eine Schneedecke sorgt immer dafür, dass es weiter auskühlt, dass sich der Boden nicht erwärmt und die Luft auch nicht“, sagt Jonas. Bei einer weitflächigen Schneedecke könne diese allein schon dafür sorgen, dass der Winter kälter werde. „Es muss erst mal so kalt sein, dass Schnee fällt und sich hält. Dann kann dieses selbstverstärkende System greifen. Die Schneedecke sorgt für ihren eigenen Erhalt.“ In der Folge könne es zu Wintern kommen, die als extrem und lange empfunden werden.
Die noch frische Erinnerung an den letzten Winter ist nach Ansicht eines Psychologen ein Grund dafür, dass die Menschen derzeit mit Schaudern über einen weiteren harten Winter plaudern. Ein sogenannter Jahrtausendwinter sei natürlich interessanter als ein normaler, sagt der Biopsychologe Peter Walschburger von der FU Berlin. Bei Gesprächen dieser Art sei es gar nicht so wichtig, ob das Gesagte auch stimmt – ob es etwa realistisch ist, jetzt schon einen eisigen Winter vorauszusagen. „Man nimmt gerne das Wetter her, um Beziehungsaspekte auszutauschen. Statt „Mir geht's nicht so gut“ sagt man eben „Was für ein blödes Wetter“.“
Tendenz geht zu eher mildem Winter
Forscher wie Roeckner halten sich an die Fakten – und die liefern nur einen winzig kleinen Hinweis, wie der Winter in Deutschland werden könnte. „Das Einzige, worauf sich eine Prognose für den Winter gründen könnte, ist die Wassertemperatur im tropischen Pazifik.“ Es gebe einen sehr schwachen statistischen Zusammenhang zwischen El- Niño-Jahren und einer eher schwachen Nordatlantischen Oszillation - und damit einem harten Winter in Mitteleuropa.
Im vergangenen Jahr habe es ein solches El-Niño-Phänomen vor der Küste Perus gegeben. „Umgekehrt gilt: Ist der tropische Pazifik kalt, wie das in diesem Jahr der Fall ist, dann hat man in der Regel eine stärkere Nordatlantische Oszillation“ erklärt der Klimaforscher. „Das würde eher für einen warmen Winter sprechen, mit einer ganz geringen Wahrscheinlichkeit.“ Eine Prognose sei das aber auf keinen Fall. „Nur wenn ich wetten müsste, wenn ich gezwungen wäre zu wetten, dann würde ich auf einen eher etwas wärmeren Winter wetten.“
Der aktuelle Jahreszeitentrend des Deutschen Wetterdienstes sieht ähnlich aus. „Nach dem aktuellen Modelllauf besteht eine Tendenz für einen im Mittel „normalen“ Winter in Deutschland“, heißt es da. Die Wahrscheinlichkeit liege bei gut 40 Prozent. Gut ein Drittel der Modellläufe gehe von einem zu warmen Winter aus, etwas mehr als 20 Prozent von einem kälteren. Die von den Russen verkündete Tendenz zum „Jahrtausendwinter“ könne für Deutschland nicht bestätigt werden.
DWD-Experte Jonas erklärt: „Wir beziehen uns auf die sogenannte Klimanormalperiode, die Daten von 1961 bis 1990 beinhaltet.“ Da die Winter in den vergangenen Jahren im Schnitt eher zu warm gewesen seien, erscheine uns ein eigentlich normaler Winter schnell als zu kalt. „Auch der letzte Winter ist jetzt nicht wirklich aus dem Rahmen gefallen. Er war unterdurchschnittlich, aber er war kein extremer Winter.“
Ob der Winter nun eisig wird oder mild, das wissen wir erst im März. Für den Fall, dass die Russen recht behalten und Europa unter einem fürchterlich kalten und langen Winter bibbert, hat Psychologe Walschburger einen positiven Aspekt parat: „Die Frühlingsgefühle fallen dann besonders heftig aus.“
dapd/dpa/sh


