Arbeit ist die beste Medizin. Das sagt sich so leicht. Aber auf Felix Murot trifft das wirklich zu. Der Mann hat ständig Kopfschmerzen. Schon seit langem. Er geht schließlich zur Ärztin. Die diagnostiziert Hirntumor. Sie würde ihn am liebsten gleich im Krankenhaus behalten. Murot nickt, setzt sich draußen auf die Wartebank. Aber dann geht er doch ins Büro. Und dann fällt dieser Satz mit der Arbeit und der Medizin. Nicht aus seinem Mund, sondern aus dem seiner Sekretärin.
Felix Murot ist der neue „Tatort“-Kommissar. Auf 102 Ermittler hat es die Reihe in 40 Jahren geschafft. 102 Ermittler, das macht einen Schnitt von 2,55 pro Jahr. Und Ulrich Tukur durfte nun, in der Folge „Wie einst Lilly“, den Neuzugang zum 40-Jährigen spielen. Dabei ersetzt Tukur nicht das Frankfurter „Tatort“-Team Andrea Sawatzki/Jörg Schüttauf, (das werden demnächst Joachim Król und Nina Kunzendorf tun). Tukur ersetzt den hessischen „Polizeiruf“, der nicht mehr produziert wird.
Hirntumor also. Es reicht nicht mehr nur, Kommissar zu sein. Man muss mindestens eine Undercover-Vergangenheit haben, eine Armamputation, oder eine Ex-Frau, mit der man zusammen ermitteln muss. Ein Hirntumor ist da sehr originell. Es verändert, es schärft plötzlich die Wahrnehmung. Kommissar Murot vom LKA Wiesbaden riecht und schmeckt plötzlich besser. Er spürt mehr, wird sensibler für die kleinen Verhaltensauffälligkeiten, auch für Lügen, die man ihm auftischt. Er benutzt auch ein Aufnahmegerät, zur Sicherheit, als Gedächtnisstütze. Er nutzt es aber auch als Schmerztagebuch.
Ein sehr sensibler, auch verletzlicher Neuzugang, den der „Tatort“ uns da bereit stellt. Einer, der so gar nicht den üblichen Klischees entspricht – und lustvoll mit ihnen spielt. Dem Pathologen kommt er trocken: „Diese CSI-Leute – kennen Sie nicht? Fernsehen – die hätten mir jetzt bestimmt noch die Hobbys seiner Großeltern verraten.“ Und einen zynischen Polizisten belehrt er: „Es nimmt kein gutes Ende mit denen, die keinen Respekt vor den Toten haben.“ Das geht auch an die Adresse mancher „Tatort“-Kommissare, die neben einer Leiche Kaffee trinken oder Sprüche klopfen.
Sein erster Fall führte diesen ungewöhnlichen Kommissar auch gleich in seine Jugend. Und in die Zeit, in der er noch beim BKA war. Eine Leiche treibt in einem Boot auf dem Edersee. Die Waffe stammt aus RAF-Beständen. Ein spätes Rachedelikt? Murot reist an, quartiert sich in das Hotel ein, in dem der Tote zuletzt logiert hat. Und er glaubt, in der Wirtin Jana (Martina Gedeck) eine Jugendliebe wieder zu entdecken. Wie einst Lilly. Darauf bezieht sich der Filmtitel, nicht auf „Lili Marleen“, obwohl Murot natürlich auch den mal auf dem Klavier spielt. Tukur liebt ja Schlager aus den 30er- und 40er-Jahren.
Alle glauben, alle wollen, dass es Selbstmord war. Auch Paul Krafft (Vadim Glowna), der ehemalige BKA-Chef Murots, der sich in die Ermittlungen einmischt. Das scheinen aber alle Anzeichen, dass es hier doch um etwas ganz anderes geht. Oder spielt dem Ermittler nur der Fremdkörper im Kopf einen Streich? In seinen besten Momenten erinnert dieser Kommissar an einen anderen, an den Kommissar Bärlach aus Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“, der vor einer großen Krebsoperation auch noch einen alten Fall zu Ende bringen musste.
Die Jubiläums-Folge war gleich ein dreifaches „Tatort“-Debüt. Für Tukur. Für Drehbuchautor Christian Jeltsch. Und für Regisseur Achim von Borries. Das scheint gewagt. Auf Nummer Sicher setzte man bei diesem 40-er jedenfalls nicht. Eher auf die Nummer Ungewöhnlich. Der Tukur-„Tatort“ lebte nicht von Action, nicht von Spannung. Er setzte auf Atmosphäre, auf schöne, elegische Bilder. Auf Bilder im Nebel, die auch dem Nebel im Hirn entsprachen. Ein zweiter „Tatort“ mit Tukur ist schon geplant und soll im März 2011 gedreht werden. Ob er wirklich in Serie gehen wird, lässt der Star indes offen. Auch dafür ist sein Leiden gut: Der Tumor ist ein ideales Argument für einen jederzeitigen Ausstieg.




















