Als Tamara Faßbender aufsteht und ins Mikrofon spricht, wird es still im Saal. Ihre Worte sind eine Anklage gegen die meisten Herren, die wenige Meter entfernt auf dem Podium sitzen. „Hätten Sie das besser kontrollieren können an der Severinstraße, dann wäre ein Teil unserer Familie bestimmt nicht gestorben. Hätten mehr Kontrollen stattgefunden, dann würde das Stadtarchiv vielleicht jetzt auch noch stehen“, sagt die junge Frau. Beifall brandet auf bei den rund 300 Bürgern.

Walter Reinarz, Vorstandsmitglied der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), blickt betroffen und sagt: „Es ist schlimm, dass hier zwei Menschen zu Tode gekommen sind.“ Dann fordert ein Bürger, dass die Anwesenden zu Ehren der Gestorbenen eine Schweigeminute einlegen. „Wir sollten uns dem anschließen“, sagt Reinarz. Alle im Saal erheben sich.

Es ist eine schwere Veranstaltung für die elf Herren, die in den historischen Gürzenich-Saal gekommen sind, um zu erklären und die Angst vor einem neuen Unglück einzudämmen. Eine zentrale Aussage wird immer wieder fallen: dass die Baugruben für die U-Bahn sicher seien. Einer fehlt aber: Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD).

Fast ein Jahr ist es her, dass am 3. März 2009 das Kölner Stadtarchiv am Waidmarkt in eine Baugrube der Nord-Süd-Stadtbahn stürzte, weil zuvor Grundwasser eingedrungen war. Zwei Menschen starben in einem der Nachbarhäuser, die in die Tiefe gerissen wurden. Archivalien aus mehreren Jahrhunderten Stadtgeschichte wurden verschüttet. Seitdem arbeiten Ermittler und Gutachter daran, die Gründe für den Einsturz aufzuklären. Wie mühsam diese Aufarbeitung ist, offenbart der Abend im Gürzenich.

Die Podiumsgäste sind unfreiwillig zu einer Schicksalsgemeinschaft geworden. Sie planen, bauen und überwachen die Nord-Süd-Stadtbahn, eine rund vier Kilometer lange unterirdische Trasse in der Innenstadt. Es sind Vertreter der Stadt Köln als Auftraggeberin, der Kölner Verkehrsbetriebe als Bauherrin und die Arbeitsgemeinschaft „Arge Los Süd“ mit Bilfinger Berger, Züblin und Wayss + Freitag als ausführende Firmen für den südlichen Trassenverlauf.

Die Kosten sind von 600 Millionen auf 1,2 Milliarden Euro explodiert. Die KVB gilt in der Bevölkerung als Schuldige für den Einsturz, obendrein zieht die Arge Los Süd den Unmut auf sich. Seit einigen Tagen kursieren Details über Pfusch, Baumängel und Materialdiebstahl. Vermessungsprotokolle der Schlitzwände wurden offenbar manipuliert, zudem fehlen zahlreiche Eisenbügel bei der Bewehrung.

An diesem Abend hat Jochen Keysberg den schwersten Stand im Gürzenich. Er wird vorgestellt als „Geschäftsführer Technische Federführung“ der Arge Los Süd. Keysberg bemerkt die gereizte Stimmung, als KVB-Vorstand Reinarz (CDU) die Aufarbeitung seit dem Einsturz darstellt. Immer wieder gibt es zornige Zwischenrufe.

Keysberg entschuldigt sich „für die Verwirrung und Ängste, die wir ausgelöst haben“. Er versucht zu beruhigen: „Die Protokolle sind falsch, aber sie haben keine Auswirkungen auf die Standsicherheit.“ Später sagt er noch, gefälschte Protokolle und fehlende Bewehrungselemente seien „absolut inakzeptabel, aber beide scheiden als Ursache für Havarie am Waidmarkt aus“.

Die Frage eines Bürgers nach personellen Konsequenzen bei der KVB und Arge bleibt unbeantwortet. Stadtdirektor Guido Kahlen (SPD) bittet um mehr Zeit: Frühestens im Sommer 2010 werde man die Unglücksstelle Waidmarkt begehen können.

Zum Jahreswechsel 2010/2011 könnte die genaue Unglücksursache feststehen. Erst dann ließe sich sagen, wer Verursacher und Verantwortlicher sei, so Kahlen. KVB-Vorstand Reinarz geht derweil davon aus, dass Stadt und KVB für den Schaden nicht aufkommen müssten – ein indirekter Fingerzeig auf die Arge. Immerhin wird der gesamte Schaden durch den Einsturz auf rund eine Milliarde Euro beziffert.

Die Anwohner haben derweil andere Sorgen. Es ist geplant, die Baugrube am Heumarkt zu fluten, wenn der Pegel des Rheins steigt, vielleicht schon heute. „Die Sicherheit am Heumarkt ist gegeben“, beteuert Keysberg. Auch Stadtdirektor Kahlen beschwichtigt mit einem einprägsamen Satz: „Fluten bedeutet für Sie Sicherheit.“ Eine Frau steht auf und bittet, dass die Anwohner rechtzeitig informiert werden. „Wenn geflutet wird, dann möchte ich nicht im Haus sein.“