Atomenergiebehörde

IAEA rät Japan zu Ausweitung der Sperrzone

Die Lage in Japan verschärft sich. Jetzt greift auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) ein und empfiehlt, die Sperrzone um Fukushima zu vergrößern.

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA rät Japan zur weiteren Evakuierung eines Ortes in der Nähe des zerstörten Atomkraftwerks Fukushima. In dem 7000-Einwohner-Ort Iitate im Nordwesten des Kraftwerks gelegen hätten Teams der Atombehörde die höchsten Strahlungswerte gemessen, sagte der IAEA-Experte für nukleare Sicherheit, Denis Flory am Mittwoch in Wien.

Flory fügte bei einer Pressekonferenz in Wien hinzu: „Eine erste Beurteilung deutet darauf hin, dass eine der IAEA-Kriterien für die Evakuierung überschritten wurde.“ Man habe Japan geraten, sich die Situation dort genau anzusehen, sagte Flory.

Iitate liegt etwa 40 Kilometer von den Unglücksreaktoren entfernt. Auch die Umweltorganisation Greenpeace hatte bereits nach eigenen Messungen die Evakuierung des Ortes und eine Ausweitung der Evakuierungszone von 20 auf 40 Kilometer gefordert. Die IAEA hat im Bereich der nuklearen Sicherheit kaum Kompetenzen und kann Mitgliedsstaaten nur Ratschläge geben, aber nichts anordnen.

Arbeiter in Angst

Im Laufe des Tages kamen weitere beunruhigende Meldungen aus Japan. Drei Mitarbeiter des AKW Fukushima wurden bei Arbeiten am Reaktor bis auf die Unterwäsche durchnässt – obwohl ihre Schutzanzüge eigentlich wasserdicht sein sollten.

Die Techniker waren gerade dabei, eine Pumpe außerhalb von Reaktor 3 anzuschließen, als sich plötzlich das Wasser über sie ergoss. Von verseuchter Flüssigkeit war die Rede, dann gab ein Sprecher der japanischen Atomenergiebehörde Entwarnung, man habe keine Strahlung messen können.

Reaktoren mit Planen überdecken

Mit immer neuen Mitteln versuchen Helfer am Atomkraftwerk gegen Umweltschäden zu kämpfen. Drei der beschädigten Reaktoren sollen mit Planen abgedeckt werden, um die Strahlung einzudämmen. Außerdem kommt ein ferngesteuertes Fahrzeug zum Einsatz, das Trümmer in der Atomanlage mit Kunstharz besprühen soll. Radioaktive Partikel werden so an den Trümmern „festgeklebt“.

Damit will man verhindern, dass sie vom Wind verteilt werden. Das Jod im Meerwasser rund um das Atomkraftwerk hat zwischenzeitlich die 3355-fache Konzentration des zulässigen Höchstwerts erreicht.

Tepco will nun die vier beschädigten Reaktoren verschrotten. Sie wiederherzustellen würde den Konzern finanziell ruinieren. Regierungssprecher Yukio Edano rät dazu, gleich alle sechs Reaktoren auszurangieren.

Wo ist der Tepco-Chef?

Mehr als zwei Wochen war er wie vom Erdboden verschluckt. Nun ist der Präsident des japanischen Atomkonzerns Tepco, Masataka Shimizu, wegen einer angeblichen Krankheit arbeitsunfähig. In Japan gab es vorher schon Gerüchte, dass Shimizu sich wegen der Atomkatastrophe das Leben genommen habe oder ins Ausland geflohen sei. Der 66 Jahre alte Manager musste nach Angaben eines Firmensprechers vom Mittwoch in ein Krankenhaus gebracht werden. Er leide an Bluthochdruck und Schwindelgefühlen.

Seit dem 13. März wurde er nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Damals nahm er an einer Pressekonferenz zur Lage im Krisenmeiler Fukushima teil. Die „Washington Post“ berichtete, dass Japans wohl meistgehasster Firmenchef seit Wochen nicht in seiner Luxuswohnung in Tokio gesehen wurde.

Der Manager arbeitete in den vergangenen zwei Wochen laut Tepco-Sprechern in der Firmenzentrale an „Lösungen für die Atomkrise“. Anderen Berichten zufolge erkrankte Shimizu am 16.März und nahm „wegen Überarbeitung“ einige Tage frei. Die Krise habe er vom Krankenbett aus verfolgt. „Ich muss das mal nachchecken“, sagte ein Tepco-Sprecher der „Washington Post“ auf die Frage, ob er seinen Chef gesehen habe.

"Unverständlich und unentschuldbar“

Japanische Topmanager tauchen regelmäßig in Krisensituationen ab. Unangenehme Nachrichten müssen dann zumeist Untergebene überbringen. Viele hofften, dass Shimizu, der seit seinem 23. Lebensjahr für den Stromkonzern arbeitet, die Bunkermentalität bei Tepco ändern würde.

Tepco muss von der japanischen Regierung und der Öffentlichkeit herbe Kritik einstecken. Ministerpräsident Naoto Kan sagte, der Konzern sei auf Vorfälle wie das Megaerdbeben vom 11. März und den darauffolgenden Tsunami nur ungenügend vorbereitet gewesen.

Shimizus Verschwinden sei „unverständlich und unentschuldbar“, sagte der Vorsitzende des japanischen Oberhauses, Takeo Nishioka. Das Krisenmanagement soll nun bis zu Shimizus „baldiger“ Rückkehr der Vorstandsvorsitzende Tsunehisa Katsumata übernehmen. Katsumata (71) musste übrigens im Jahr 2008 nach einem Unfall im Kernkraftwerk Kashiwazaki Kariwa zurücktreten. Auch damals hatte ein Erdbeben Schäden und ein Leck verursacht.

Radioaktivität in Russland

Für die Gesundheit besteht keine Gefahr. Diesen Satz konnte man oft in den vergangenen Tagen lesen, wenn es um erhöhte Werte von radioaktiver Strahlung in sämtlichen Teilen der Welt ging. Auch heute gab es wieder ein Wechselspiel zwischen Alarmgedröhne und Entwarnung, von neuen Rekordwerten und darauf folgenden Beschwichtigungen.

So konnte am Mittwoch im russischen Osten erstmalig radioaktives Jod-131 nachgewiesen werden. Gefährlich sei es nicht, die Konzentration sei 100 Mal niedriger als die für Menschen für unverträglich gehaltene tägliche Dosis, sagte Wladimir Kusnezow von der Akademie für Naturwissenschaften in Moskau der Agentur Interfax. Von einer panikartigen Einnahme von Jodtabletten rät er ab: „In der falschen Dosierung können sie schädlich sein“, sagte Kuszenow.

Südkorea in Sorge

Auch in Südkorea wurden erhöhte Werte radioaktiver Substanzen in importierten japanischen Lebensmitteln entdeckt. In 14 von 244 getesteten Produkten seien radioaktives Jod und Cäsium nachgewiesen worden, teilte die koreanische Nahrungs- und Arzneizulassungsbehörde in Seoul mit.

Die Lebensmittel waren im Zeitraum zwischen dem 19. und 29.März importiert worden. Und auch hier heißt es wieder: Für die Gesundheit der Verbraucher bestehe keine Gefahr. Einige der Lebensmittel mit erhöhten Werten waren vor dem Reaktorunglück in Fukushima importiert worden und sind somit auf natürliche Quellen von Radioaktivität zurückzuführen.

Hamburg und Bremen bereiten sich vor

In Thailand wurden ebenso erhöhte Werte von Jod-131 bei einer Lieferung Süßkartoffeln gefunden. Das Gesundheitsministerium hat angekündigt, diese Lieferung zu vernichten. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, da die Strahlenbelastung der Süßkartoffeln deutlich unter dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegten Grenzwert liege.

In Hamburg und Bremen bereitet man sich aber schon vorsorglich auf den Notfall vor. In den Häfen sollen aus Japan kommende Frachter auf Radioaktivität hin überprüft werden. Dennoch leichtes Aufatmen bei der Hafenbehörde. „Wir haben den Vorteil, dass die Schiffe meist zuerst einen anderen europäischen Hafen anlaufen“, sagte ein Sprecher. Meistens treffen sie zuerst am größten europäischen Hafen in Rotterdam ein.