Es muss schon etwas Erderschütterndes passiert sein, wenn das Revolverblatt „The Sun“ seine tägliche Oben-ohne-Sexbombe der Seite3 diesmal auf die Seite11 verschiebt, wie in der Mittwochsausgabe geschehen: zehn ununterbrochene Seiten Kate und William.
Die „Kate & Wills“-Manie, wie es jemand bündig zusammenfasste, hat begonnen. Ein neues Spektakel im königlichen Hoftheater, auf das sich die britische Monarchie im erhabenen, tragischen und tragikomischen Fach so gut versteht und an dem die Menschen teilnehmen mit nie nachlassender Inbrunst.
Am Tag nach der Bekanntgabe der Verlobung beginnt für Flugleutnant William Windsor und seine Braut Kate Middleton die Planung für den Tag X, den Hochzeitstag im kommenden Jahr. Angesichts einer tief greifenden Sparpolitik, unter der die Insel leidet, ist es nicht ratsam, auf den Pomp einer Feier zuzusteuern, wie sie Charles und die unvergessene Diana am 29.Juli 1981 begingen. Obwohl damals die schwerste Rezession der britischen Nachkriegszeit herrschte, gab es keinen Zweifel, dass der Thronfolger und das Märchenbild Diana nur den allerschönsten Traumweltrahmen verdienten: Eine Heirat in der St.-Paul's-Kathedrale und das Spalier der Hunderttausenden entlang der königlichen Kutschenroute. Der Ort der Handlung wird diesmal bescheidener ausfallen. Vielleicht die Chapel Royal im Londoner St.JamesPalace, in der schon die 18-jährige Victoria 1837 ihren Albert heiratete, oder die St.George's Chapel in Windsor, wo Charles und Camilla 2005 ihren jeweils zweiten Bund fürs Leben einsegnen ließen.
Zu pompös darf es nicht werden
Frugal sei die Devise. Die Queen hat soeben ihre jährliche Weihnachtsfeier für die Bediensteten von „Bucks House“, dem Buckingham-Palast, abgeblasen, der Premierminister ist entschlossen, den Weihnachtsbaum für die Downing Street nicht teuer anliefern zu lassen, sondern ihn mit Frau Samantha auf einem örtlichen Markt einzukaufen.
Sein Kabinett verzichtet auf zehn Prozent der Bezüge, im Land steigt die Arbeitslosenzahl, und aus den Zeitungen dringen düstere Meldungen über den bevorstehenden Bankrott etlicher europäischer Regierungen, allesamt wichtige Handelspartner der britischen Wirtschaft. Da empfiehlt es sich, nicht alle Prunkregister, die der Hof ziehen könnte, auch wirklich zu ziehen. „Volksnah“ heißt heute nahe den Nöten der Nation. Kate Middleton steht an Ausstrahlung einer Lady Di um nichts nach, sie hat obendrein der unglücklichen Diana das Alter einer um fast zehn Jahre Älteren voraus und strahlt jene ruhige Sicherheit aus, nach der Diana vergeblich rang.
Das haben die Briten, hat Kate vor allem ihrem 28-jährigen Prinzen zu danken. Er gab zu: „Ich habe auch gewartet, um Kate die allerbeste Chance zu geben, sich auf das, was kommt, einzustellen und sich darin einzurichten.“ Der Kommentar spricht Bände über das, was das junge Paar aus dem gescheiterten Curriculum von Williams Mutter gelernt hat. „Kein Druck“, so sagte der Prinz. Wie anders doch vor 30 Jahren, als Charles' Vater, Prinz Philip, seinen Sohn drängte, sich nach sechs Wochen Ausgehen mit Diana Spencer der jungen Frau gegenüber zu erklären, da ansonsten ihr Ansehen und ihre Ehre beschädigt sein würden. Charles, schwankend im Urteil, gab nach und heiratete die gänzlich unvorbereitete 20-jährige Diana.
Lange genug geübt
War es Neid, dass der Prince of Wales, als man ihn gestern nach seiner Reaktion auf die Verlobung seines Ältesten ansprach, verkniffenen Mundes meinte: „Natürlich bin ich begeistert. Sie haben ja auch lange genug geübt.“ Lange genug: gute sieben Jahre des Lebens als Mann und Frau vor der Ehe – das wäre anno 1980 nicht akzeptabel gewesen. Die Zeiten haben sich geändert, und nicht nur kann Kate („She's a knock-out“, schwärmt sogar die „Financial Times“) zuversichtlich von sich sagen: „I'll take royalty in my stride“, was man salopp übersetzen könnte mit „Das Königshaus wird mich nicht umwerfen“. Sie und William haben sogar schon, damals, 2007, eine mehrmonatige Trennung hinter sich, eine weitere Probe zur Selbsterprobung, wie beide in dem Interview zugaben.
Eine Ehe zwischen dem (zukünftigen) Herrscher und einem „commoner“, einer „Gemeinen“, Nichtadligen, hat es seit 1687, als JakobII. Anne Hyde ehelichte, nicht mehr gegeben. Heute gehört es zu den Chancen, die dem übernächsten Thronfolger – und damit der Monarchie selber – zur Verfügung stehen, sich im 21.Jahrhundert neu zu verankern. Prinz William verkörpert bereits den Typus eines fast bürgerlichen Royal – ungezwungen, lachend, mit einer Vorliebe für „dirty jokes“, schmutzige Witze (eine Schwäche, die er mit Kate teilt, wie er sagt).
William gibt sich familiennah nicht nur im eigenen Kreise, sondern auch gegenüber seinen zukünftigen Schwiegereltern. William sagt: „Ich fühle mich als Teil von Kates Familie, fühle die Liebe, das sich Gegenseitig-umeinander-Kümmern, die gute Laune.“ Wie bitte? Der königliche Erbe fühlt sich als Teil einer bürgerlichen Familie? Das sind die Signale, auf die man künftig achten muss, will man die Zukunft der britischen Monarchie beurteilen. Das Paar weiß genau, was vom Erfolg seiner Verbindung abhängt und wie die Briten darauf warten, eine königliche Perspektive über den nächsten Thronfolger, über Prinz Charles hinaus, zu erblicken. Und dass er, William, mit Kate auch „befreundet“ ist, hält er für einen „massiven Vorteil“. Besser können die Weichen für eine nachhaltige Verbindung nicht gestellt sein.
Bleibt noch der Verlobungsring, dieser funkelnde Saphir, umgeben von 14 Diamanten, den schon Charles seiner Angetrauten geschenkt hatte. Ein böses Omen? Mitnichten: „Es ist meine Art zu demonstrieren, dass meine Mutter nichts verpasst an diesem Tag“, sagt der Prinz lakonisch.



