MTV-Show "Game One"

Die beiden wollen mehr als nur spielen

Die Sommerpause ist vorbei und die wohl kreativste Show zum Thema Computer- und Konsolenspiele ist wieder da. Daniel Budiman und Simon Krätschmer schaffen es mit "Game One", die Raffinessen der digitalen Welt in unsere zu übertragen. Dabei beweisen sie mindestens so viel Kreativität wie ihr Vorbild Stefan Raab.

Foto: MTV

Fernsehen ist feige. In kaum einer Branche werden Neuentwicklungen so unverhohlen abgekupfert wie in der Unterhaltungsindustrie. Entwicklungen aus Deutschland sind selten – nur wenige Licht- und Augenblicke, bis sie aufgrund des Quotendrucks wieder versenkt werden. Man muss schon auf eine unverschämt glückliche Karriere wie Stefan Raab zurückblicken, damit Showideen bei den Programmmachern als sehenswert empfunden werden. So weit, so traurig. Doch es gibt Ausnahmen.

Daniel Budiman und Simon Krätschmer geben Anlass zur Hoffnung. Noch werden diese Namen allenfalls Freunden von Computerspielen auf Anhieb etwas sagen. Ihre Sendung heißt „Game One“ und wird von MTV ausgestrahlt. Jeden Mittwoch, ab 20.30 Uhr, sind die neuen Folgen zu sehen.

Vordergründig geht es bei der Show um das Vorstellen neuer Spiele für Konsolen oder Computer. Das Konzept ist so einfach wie genial: Budiman und Krätschmer spielen Spiele und spielen in kurzen Einspielern vor, was gespielt wurde. Doch es ist eben mehr zu sehen als nur das.

Sie brechen die abgehobene Welt der Computerspiele herunter. Ist das Besondere an dem Spiel der Slow-Motion-Effekt, wird einer der beiden durch einen Kameratrick effektvoll in Zeitlupe versetzt. Strategiespiele werden in der Rubrik „Beef“ gegeneinander gespielt, bis einer der beiden die Maus in die Tastatur wirft oder sie verkleiden sich im virtuellen Studio als Skorpion und Tarantel, die einen handfesten Nachbarschaftsstreit wegen zu lauter Musik in der Wüste austragen. Ihre Begeisterung wirkt ansteckend und sie beherrschen den Moment der Überraschung mindestens so gekonnt wie Jackie Chan das Kung Fu.

Wir treffen die beiden während der Sommerpause ihrer Show in Berlin. Ein Restaurant direkt an einem Nebenarm der Spree mit Blick auf das deutsche MTV Hauptquartier, welches die beiden mit keinem Blick würdigen.

Budiman schraubt an einem abgewetzten Rubiks Zauberwürfel herum. Krätschmer hat kein Spielzeug mitgebracht. Er redet lieber. Über das deutsche Fernsehen. Wie schwer es 2006 gewesen sei, als die Sendung begann. „Weil man uns anfangs heftig in das Sendekonzept reinreden wollte“, sagt er. „Wir sollten nicht zu nerdig rüberkommen“, ergänzt Budiman. „Es war ein Kampf“, sagen sie.

Die beiden haben eine einschlägige Spiele-Karriere hinter sich. Krätschmer arbeitete in den 90er Jahren nach seinem Abitur als freier Autor, schrieb Lösungsbücher und erlebte einen schnellen Aufstieg bei dem Spiele-Magazin „Fun Generation“. 2003 wechselte er zu der Fernsehsendung „Giga Games“, die von NBC Europe ausgestrahlt wurde und sich durch Dauerzocken im Fernsehen auszeichnete. Dort traf er auf Jung-Moderatoren wie Miriam Philhau, Charlotte Engelhart und auf den Praktikanten Daniel Budiman. „Eine gute Schule“, sagt Krätschmer über seine fünf Jahre bei „Giga“ und Budiman: „Ich bin da so reingerutscht“.

Als das Ende der Show kam, begann für die beiden der Aufstieg im deutschen Fernsehen. Sie boten MTV ein Konzept für eine Gameshow an und der Sender stimmte zu. Acht Folgen wollte man drehen, die beiden hatten einen neuen Job.

„Seitdem ich zwölft Jahre alt war, wollte ich Spieltester werden.“ Für Krätschmer erfüllt sich ein Lebenstraum.“ Budiman hoffte, seine Philosophie vom Spielen „einer großen Menge Leuten zu vermitteln.“ Spielen ist für ihn keine „Realitätsflucht, er findet hier Raum und die Zeit, sich mit anderen zu messen.

Heute geben sie unumwunden zu, völlig falsche Vorstellungen gehabt zu haben. „Wir mussten um unsere kreative Freiheit kämpfen. Das Fernsehen traut sich wenig.“ Das gelte eben auch für MTV. Doch Beharrlichkeit ist eine Eigenschaft, die Computer- und Konsolenspieler ausmacht. Zumindest diejenigen, die Zwischengegner bis zum Endgegner besiegen wollen.

Eine wichtige Schlacht gegen die Blockadehaltung im Sender gewannen sie über das Internet. Als Krätschmer den Spieleklassiker „Half Life“ in 60 Sekunden mit einer von ihm animierten Show erklären wollte, lehnte man das Vorhaben ab. „Wir bekamen wieder einmal zu hören, dass so etwas niemand witzig finden würde.“ Frustriert von der tage- und nächtelangen fast verschenkten Arbeit veröffentlichten sie ihre Animation auf Youtube . Innerhalb eines Tages wurde der Clip 10.000-mal abgerufen. Er verbucht heute eine Klickzahl von über vier Millionen. Diese Zahlen stärkten das Argumentationsgewicht der beiden erheblich und auch die Quoten ihrer Sendung übertrafen die Erwartungen.

Heute genießen sie ihre „Narrenfreiheit“ und sind MTV dankbar, dass der Sender es so lange mit ihnen ausgehalten hat. Oder sie mit ihm. Ihr Redaktionsteam besteht aus fünf Leuten, produziert wird in Hamburg, „auch um einen gewissen Abstand zum Sender zu wahren“, sagen sie. So bleibt ihnen genügend Raum, um über ihre weitere Karriere nachzudenken.

Einen Film würden sie gerne drehen, vielleicht eine neue Show? Schließlich wurde auch dem ehemaligen Viva-Flegel Stefan Raab eines Tages das Musikfernsehen zu klein. „die Arbeit von Stefan Raab wird oft unterschätzt“, sagt Budiman. Als Ideengeber im deutschen Fernsehen zollen die beiden ihm Respekt. Wie er, wollen sie sich behaupten. Dem Druck nicht nachgeben, keinen Einheitsbrei abliefern. Das lässt hoffen. Schließlich entstehen in der Natur Diamanten auch nur unter immensen Druck. Dann braucht es nur noch ganz wenig Schliff, damit sie im Scheinwerferlicht richtig funkeln.