Trotz Katastrophe

Wie die Menschen Tokio vor dem Kollaps bewahren

In Japans Nervenzentrum herrscht mehr Normalität als gedacht. Arbeit, Verzicht und Geduld helfen. Dennoch empfielt die deutsche Botschaft, das Land zu verlassen.

Eineinhalb Stunden war sie mit dem Fahrrad unterwegs. Dann kam Hyon Suk Chung in Tokio an. Sie radelte zum Bahnhof, um den Zug in die Innenstadt zu kriegen. Sie wollte zur Arbeit, wie Tausende andere auch. „Ungeheure Menschenmassen“, sagt Hyon Suk Chung.

Geduldig stellte die Frau sich an, ans Ende einer langen Schlange. Nach drei Stunden hatte sie genug. Sie nahm ihr Rad und fuhr die letzten zehn Kilometer in ihr Büro in Tokios Innenstadt.

Es ist der erste Arbeitstag nach dem Beben in Tokio. Und selbst in der Hauptstadt, die vom Tsunami nicht betroffen ist, zeigen sich schwere Probleme. Zuglinien wurden teilweise oder ganz eingestellt, um Strom zu sparen. Denn nachdem mit dem Atomkraftwerk Fukushima ein wichtiger Stromlieferant der Hauptstadt ausgefallen ist, will der Stromversorger in einer beispiellosen Aktion Tokios Nachbarpräfekturen und Außenbezirke gezielt für drei bis sechs Stunden pro Tag den Strom abstellen. Damit soll die Versorgung der Hauptstadt, Japans Nervenzentrum, gesichert werden.

Es ist vor allem das Pflichtbewusstsein der Einwohner, das die riesige Stadt in der Balance hält. Hyon Suk Chung war fünf Stunden unterwegs, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen. Der 65-jährige Akira Nakamura hat schon beim Frühstück seine Reise geplant – im Fernsehen wurde genau erklärt, auf welchen Linien die Leute ihr Ziel noch erreichen konnten. Drei Stunden schlug er sich auf alternativen Routen von Yokohama nach Tokio durch. „Die Züge waren proppenvoll und langsam“, sagt er. Aber am Ende hat es geklappt.

Berndt Otto wusste, dass es diesmal schlimmer sein musste als sonst. Der gebürtige Düsseldorfer, der als Schauspieler in Japan arbeitet, ging gerade spazieren, als am Tag der Katastrophe die Erde wackelte – eigentlich nichts Ungewöhnliches in Tokio. Trotzdem rief er seine Frau Naoko an, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Und dann brach das Telefonnetz zusammen, so etwas kommt in Japan nur bei wirklichen Katastrophen vor.

Berndt Otto eilte nach Hause. Seine Frau war gerade dabei, das Wasser aus ihrem Aquarium abzulassen. Die beiden Bewohner, zwei Schildkröten, steckte sie links und rechts in die Taschen ihrer Strickjacke. Die Hälfte des Wassers war bereits über den Rand geschwappt, die andere Hälfte ließ Naoko mit einem Schlauch ab.

„Meine Frau war ganz ruhig“, sagt Berndt Otto. „Ihre Sorge galt unseren Tieren“, erinnert er sich. Das Geschirr der Familie, die im vierten Stock wohnt, fiel derweil aus den Schränken und ging kaputt. Die Schildkröten leben, bis sich die Erde wieder beruhigt hat, in der Badewanne.

Irgendwie muss es ja weitergehen. Berndt Ottos Heimatstadt Düsseldorf bildet mit seinen mehr als 6000 japanischen Einwohnern die einzige Japantown Deutschlands. Takao Aoyama, Hauptpriester der buddhistischen Gemeinde und Leiter des Eko-Hauses der japanischen Kultur e. V. Düsseldorf, hat lange in Sendai gelebt – einer jener Städte, die der Tsunami verwüstet hat. Die Wohnung des 72-jährigen Professors, die er dort noch immer hat, ist wie durch ein Wunder unbeschädigt geblieben. In Anbetracht der Trauer, der Zerstörung und der Angst, die der Tsunami in Sendai hinterlassen hat, ist das nur eine Winzigkeit.

Jeder Hoffnungsschimmer zählt

Aber es gibt Zeiten, in denen jeder noch so kleine Hoffnungsschimmer zählt. Dazu gehören auch die Nachrichten, die Takao Aoyama von Freunden aus Japan erhält. Sie teilen ihm mit, dass die Menschen von Sendai versuchen, den Alltag wieder irgendwie einkehren zu lassen, zur Arbeit zu gehen, die Kinder in die Schule zu schicken. „Japanische Mädchen und Jungen werden von klein auf dazu erzogen, gelassen zu sein und solidarisch. Vielleicht“, sagt er, „spielt das jetzt in der Katastrophe eine große Rolle.“ Denn irgendwie muss es ja weitergehen.

Ihren Beitrag leisten die Einwohner: Yukinobu Morimoto (73) lässt in Tokio das Licht aus, sagt: „Ich bin glücklich, Strom für Leute in Not zu sparen, auch wenn es nicht bequem ist, keinen Strom zu benutzen.“ In Hochhäusern werden Fahrstühle stillgelegt, wenn mehrere vorhanden sind. Auch die Hotels helfen mit: „In meinem Hotel wird nicht mehr sauber gemacht und die Bettwäsche nicht mehr gewechselt“, sagt Shamsher Singh, ein Journalist aus Indien. Die Firmen schicken ihre Belegschaft früh nach Hause, um Strom für Heizung und Licht zu sparen.

Der gemeinsame Verzicht hat geholfen. Tokios Stromversorger Tepco konnte den Start der Stromausfälle von 6.20 Uhr morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit um 17 Uhr hinauszögern. Doch dann wurde die Lücke zu groß. Zehn Millionen Kilowatt fehlen täglich, weil Tepcos zehn Atommeiler in Fukushima nicht mehr funktionieren.

Die Hauptstädter horten Lebensmittel

Der Einzelhandel funktioniert derweil wieder. Besonders Japans Heerscharen von Hightech-Tante-Emma-Läden, die 24 Stunden geöffneten Convenience-Stores, werden wieder fast wie vor der Krise beliefert. Die Regale sind dennoch leer. Denn die Hauptstädter horten Lebensmittel, Wasser, Batterien, um auch bei einem Zusammenbruch der Versorgung ein paar Tage ohne Einkaufen überleben zu können. „Brot und Reisbällchen sind derzeit schon nach einer Stunde ausverkauft“, sagt ein Mitarbeiter. An den Supermärkten bilden sich lange Schlangen. Aber die Menschen stehen ruhig an.

Auch in den neun Großmärkten des Metro-Konzerns im Raum Tokio – und so spielt Düsseldorf tatsächlich eine weitere Rolle in dem erschütterten Land. Den ersten ihrer Japan-Märkte hatte der Düsseldorfer Konzern Ende 2002 am Stadtrand von Tokio eröffnet. Im vergangenen Oktober folgte die neunte Filiale. Inzwischen ist Metro auch mit einem etwas kleineren Geschäft von 3000 Quadratmetern auf zwei Etagen in der Downtown von Tokio vertreten. Derzeit arbeitet Metro an einem Hilfsprogramm für Japan. Neben Grundnahrungsmitteln bereitet sich der Konzern auf Soforthilfemaßnahmen vor.

Neben Reis und Wasser könnten möglicherweise Decken, Schlafsäcke oder Schlafboxen gespendet werden – je nachdem, welche Produkte das japanische Agrarministerium auf die Liste der am dringendsten benötigten Dinge setzt. Bereits seit Samstag, dem Tag nach Beben und Tsunami, sind die Märkte für Restaurantbetreiber, Hoteliers und Inhaber kleiner Läden wieder geöffnet. „Das Warenangebot ist noch ganz gut. Allerdings sehen wir bei Wasser und Reis, dass es zu Vorratskäufen kommt. Da könnte das Angebot möglicherweise knapp werden“, sagt Peter Wübben, Sprecher der internationalen Metro-Großmärkte in Düsseldorf.

Auch andere Produkte wie Konserven, Trockensuppen und Fertiggerichte sind stark gefragt. „Wir sind aber optimistisch, dass wir die Belieferung unserer Märkte aus dem Land heraus aufrechterhalten können. Zum Glück ist die Infrastruktur im Großraum Tokio nicht so stark zerstört wie in anderen Regionen des Landes“, sagt Wübben. In der Region Tokio leben 40 Millionen Menschen. „Dafür scheint die Warenversorgung in Tokio noch erstaunlich gut zu funktionieren“, sagt Wübben.

Deutsche Botschaft empfielt Ausreise

Schon die entfernte Möglichkeit eines Super-GAU bewegte die deutsche und die französische Botschaft dazu, ihre Bürger mehr oder weniger direkt zum Verlassen der Region Tokio aufzufordern. Auf der Homepage der deutschen Botschaft ist zu lesen: „Die Botschaft empfiehlt, die japanischen Medien aufmerksam zu verfolgen. Sie empfiehlt ferner allen Deutschen im Krisengebiet und im Großraum Tokio/Yokohama zu prüfen, ob ihre Anwesenheit in Japan derzeit erforderlich ist und, wenn dies nicht der Fall sein sollte, ihre Ausreise aus dem Land in Erwägung zu ziehen. Dies gilt insbesondere für Familien mit kleinen Kindern.“ Frankreich tut das Gleiche, mit Hinweis auf ein mögliches Großbeben im Raum Tokio.

35 deutsche Studenten des Japanologischen Instituts der Universität Heidelberg machen gerade ein Auslandssemester in Japan. Sie alle wurden angehalten, ihren Aufenthalt in Japan umgehend zu beenden. Vier von ihnen sind bereits in Deutschland angekommen. Die anderen versuchen derzeit, einen Flug zu bekommen, der sie – mit Umwegen über Korea, China oder Amerika – zurück nach Deutschland bringt. „Niemand hat im Moment etwas in Japan zu suchen, der nicht helfen kann“, sagt Institutsmitarbeiterin Imke Veit-Schirmer. Man sei in großer Sorge. Keiner der Studenten werde vermisst. „Wir wissen aber auch, dass ausländische Studenten in Japan im Moment eher ein Klotz am Bein sind.“

Roland Wels und Nik Kamke betreiben in Tokio die gemeinsame Firma Welkam, die Messestände in Japan und Europa baut. Wels hat sich entschieden abzureisen, vor allem deshalb, weil er ein Kind hat. Der Schweizer Nik Kamke ist geblieben. „Meine Familie in der Schweiz hat zwar große Angst, aber ich sehe es pragmatisch. Ich sitze das aus.“ Er will das Überleben seiner Firma sichern, und er ist Single. „Außerdem will ich meine japanischen Kollegen nicht im Stich lassen, die können ja auch nicht weg.“

Daimlers Lkw-Tochter Fuso hat nur die Familien von Auswanderern nach Hause gelassen. Die Mitarbeiter seien Führungskräfte, und die hätten eine Funktion zu erfüllen, sagt Florian Martens in der Stuttgarter Konzernzentrale. Er koordiniert die Pressearbeit für Fuso, weil der Fuso-Pressesprecher gerade aus den USA nach Japan zu den Aufräumarbeiten zurückgeeilt ist.

Die Japanologin Evelyn Schulz von der Universität München war gerade im Zentrum Tokios, als die Erde bebte. „Die Hochhäuser schwankten wie Tannenbäume – minutenlang“, sagt sie. Dass die Japaner so ruhig bleiben, beeindruckt Schulz: „Es ist dieser Overkill an Nachrichten und Bildern – wie am 11. September 2001“, sagt sie. Die Japaner befänden sich in Schockstarre, in Trance, wie nach einer schlimmen Diagnose.

„Nun versuchen sie in den Alltag zurückzufinden. Das gibt ihnen Halt.“ Schulz selbst hat sich für eine Rückkehr nach Deutschland entschieden. „Ich wollte eigentlich noch bis Ende April über die ‚Slow-City-Bewegung‘ in Tokio forschen.“ Aber nun fliegt sie zurück. Japan sei derzeit um jeden Ausländer froh, der das Land verlasse. Denn um die müsse es sich nicht mehr kümmern.