Japanischer Regierungschef

Der Premier, der im Blaumann die Katastrophe managt

Naoto Kan stand vor dem Rücktritt, als Japan ins Chaos stürzte. Nun versucht er in blauer Uniform, sich als Krisenmanager zu bewähren.

Noch vor kurzem galt er als Premier auf Abruf, jetzt steht der japanische Regierungschef Naoto Kan vor seiner größten Bewährungsprobe. Fast demütig tritt der 64-Jährige vor die Presse, verneigt sich vor der Flagge Japans und muss seinem Volk immer dramatischere Krisen verkünden.

Der Ministerpräsident muss sein Land aus der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg führen. Ganze Landstriche liegen nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami in Trümmern, gleich in drei Atomreaktoren des Landes wird eine Kernschmelze befürchtet.

Schon längst sind der teure Anzug und die Designer-Krawatte im Schrank geblieben. Der blaue Arbeitsanzug, der auch anderen Mitgliedern der Regierung zur Uniform der Krise wurde, soll Aktionismus und Volksnähe vermitteln. Dabei kann Kan nur im Hintergrund wirken, ansonsten muss er auf das Können der Techniker und Nuklearexperten setzen, die im Reaktor Fukushima mit den entfesselten Kräften der Atomspaltung kämpfen.

Diese Krise zu meistern ist eine Bewährungsprobe, wie es sie wohl nur einmal im Leben eines Politikers gibt. Kan bemüht sich, der Nation immer neue Hiobsbotschaften zu überbringen, ohne Panik zu verursachen. Doch schon jetzt steht er wegen seiner Informationspolitik in der Kritik.

Japanische Medien warfen dem Regierungschef vor, die Bevölkerung nur unzureichend über die Entwicklungen im beschädigten Atomkraftwerk Fukushima zu informieren. Auch die Evakuierung der umliegenden Städte habe Kan zu spät angeordnet, kritisierten die Medien.

Kritik ist Kan jedoch gewohnt. Seit Wochen wird über seinen Rücktritt spekuliert – doch vergessen sind im Moment die politischen Querelen, die ihn vor wenigen Wochen an die Wand gedrängt hatten.

Erst im Juni 2010 hatte Kan den Schleudersitz an der Spitze der japanischen Regierung übernommen – davor hatten sich seit 2006 vier Ministerpräsidenten die Klinke in die Hand gegeben. Einen Namen hatte er sich in den unteren Ebenen der japanischen Politik gemacht und sich trotz Zugehörigkeit zur Demokratischen Partei DPJ als relativ unabhängiger Politiker profiliert.

Seine strikte Sparpolitik sorgte nicht nur bei der Opposition, sondern auch im eigenen Lager für Kritik. Besonders sein Plan zur Anhebung der Mehrwertsteuer stieß auf Widerstand und war mitverantwortlich für die Niederlage seiner Demokratischen Partei (DPJ) bei den Senatswahlen im Juli 2010.

Hinzu kam kürzlich ein Spendenskandal: Noch am Freitag musste sich Kan wegen der Annahme einer Spende von einem Südkoreaner rechtfertigen.

Nach japanischem Recht ist es verboten, von Ausländern Spenden anzunehmen. Kan sagte zu seiner Verteidigung, der Spender habe einen japanisch-klingenden Namen gehabt.

Ursprünglich hatte sich Kan als Gegenmodell zu der Politikerelite seines Landes präsentiert, die bekannt ist für Spenden- und Korruptionsskandale. Als Sohn eines Fabrikdirektors in der Präfektur Yamaguchi im Westen der Hauptinsel Honshu geboren, entstammte Kan im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgänger nicht einer Politikerdynastie.

Als Student für angewandte Physik engagierte er sich in den 1970ern in der Bürgerbewegung. Er setzt sich für Umweltschutz, Frauenrechte und Pazifismus ein und diente zeitweise als Assistent einer feministischen Politaktivistin.

1980 erstmals ins Parlament gewählt, gelangte Kan 1996 als Gesundheitsminister zu nationaler Bekanntheit, als er sich für die Aufklärung eines Skandals um die Verunreinigung von Blutkonserven mit dem HI-Virus einsetzte. Im selben Jahr gründete er gemeinsam mit Hatoyama die linksbürgerliche Demokratische Partei, die in den folgenden Jahren zur größten Rivalin der konservativen Liberal-Demokratischen Partei (LDP) wurde, die Japan seit Jahrzehnten regierte. Unter dem Vorsitz Hatoyamas errang sie im September 2009 einen historischen Sieg und übernahm die Regierung.

Kans eigene Karriere war eng mit dem Aufstieg seiner Partei verbunden. Doch ganz glatt lief sie nicht: So musste er 2004 von allen Ämtern zurücktreten, nachdem bekannt geworden war, dass er seine Rentenbeiträge nicht vollständig gezahlt hatte. Als Zeichen der Buße unternahm der Familienvater eine Pilgerreise – mit kahlrasiertem Kopf und im Mönchsgewand.

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