Nach Erdbeben

Tsunami stürzt Japan ins Chaos

Auf das Beben folgte der Tsunami: Eine Flutwelle hat die Ostküste Japans überrollt. Häuser, Schiffe und Autos wurden weggespült. Von mehr als 1000 Toten ist die Rede. Die Bundesregierung hat Hilfe angeboten.

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Nach einem schweren Erdbeben hat im Nordosten Japans ein zehn Meter hoher Tsunami eine Schneise der Verwüstung geschlagen.

Video: Reuters
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Beim schwersten Erdbeben in der Geschichte Japans und einem nachfolgenden Tsunami sind wahrscheinlich mehr als tausend Menschen ums Leben gekommen. Die Polizei sprach von 200 bis 300 Leichen, die allein in der Küstenstadt Sendai gefunden wurden. Der Tod von 110 weiteren Menschen wurde offiziell bestätigt, 350 wurden vermisst, es gab mindestens 544 Verletzte.

In weiten Teilen Nordjapans habe das Erdbeben schwere Schäden angerichtet, sagte Ministerpräsident Naoto Kan in einer Pressekonferenz. Zahlreiche Städte und Dörfer entlang eines 2100 Kilometer langen Küstenabschnitts waren betroffen. Das Erdbeben ereignete sich um 14.46 Uhr Ortszeit in einer Tiefe von zehn Kilometern rund 125 Kilometer vor der Ostküste Japans, wie das Pazifische Tsunami-Warnzentrum mitteilte.

Die dem Beben folgende Flutwelle erreichte eine Höhe von sieben Metern und riss Schiffe, Autos, ganze Gebäude und tonnenweise Schutt und Geröll mit sich. Es folgten mehr als 50 zum Teil heftige Nachbeben. Das Wasser drang mehrere Kilometer ins Landesinnere vor.

Der Geologische Dienst der USA gab die Stärke des Bebens mit 8,9 an. Dem japanischen Sender NHK zufolge war es damit das schwerste Beben seit Beginn der Aufzeichnungen Ende des 19. Jahrhunderts.

Gebäude schwankten minutenlang

Zahlreiche von dem Beben ausgelöste Brände gerieten außer Kontrolle, darunter eines in einer Ölraffinerie in der Stadt Ichihara in der Präfektur Chiba. In der Nähe der Stadt Sendai wurden ganze Gebäude von den Fluten mitgerissen, andere standen in Flammen. Fahrzeuge wurden auf das Gelände des Flughafens der Stadt gespült. In der Stadt Ofunato wurden 300 Gebäude weggespült. Viele Schiffe wurden on den Fluten landeinwärts getragen, krachten gegen Brücken und rissen Oberleitungen mit sich. Schiffe, die vor der Küste ankerten, wurde gegeneinander geschlagen. Nach Angaben der japanischen Küstenwache wurden 80 Hafenarbeiter vermisst, die auf einem Schiff arbeiteten, dass von der Welle aus einer Hafenanlage der Präfektur Miyagi gespült wurde.

Der Verkehr in der Region brach zusammen. Straßen wurden schwer beschädigt. Das Schienennetz, auf dem täglich etwa zehn Millionen Menschen transportiert werden, wurde lahmgelegt. Auch der Flugverkehr wurde beeinträchtigt. Der Narita-Flughafen von Tokio wurde geschlossen.

In der Innenstadt Tokios schwankten große Gebäude, Menschen strömten auf die Straßen, um sich in Sicherheit zu bringen. 30 Minuten nach dem Erdbeben wankten einige Gebäude noch immer, Mobilfunk- und Telefonnetze waren gestört. Züge kamen zum Stillstand, Fahrgäste mussten entlang den Gleisen zum nächstgelegenen Bahnsteig laufen.

Angeblich kein Austritt von Radioaktivität

Hunderte Menschen wurden aus der Station Shinjuku in einen nahegelegenen Park in Sicherheit gebracht. Der Sender NHK berichtete, mehr als vier Millionen Gebäude in der Hauptstadt und ihren Vororten seien ohne Strom. In einer großen Halle sei das Dach eingestürzt; dabei seien Menschen verletzt worden.

Die Regierung ordnete die Evakuierung Tausender Anwohner in der Umgebung eines Atomkraftwerkes an. Das Kühlsystem eines Reaktors in der Atomanlage in Fukushima etwa 270 nordöstlich von Tokio war ausgefallen. Daraufhin wurde der Notstand ausgerufen.

Zu einem Austritt von Radioaktivität sei es nicht gekommen, sagte der japanische Kabinettssekretär Yukio Edano. Die Ausrufung des Notstands sei eine Vorsichtsmaßnahme, sagte Edano. Die Anlage sei nicht in unmittelbarer Gefahr. Die Streitkräfte würden in die Bebenregion entsandt.

In der am schwersten betroffenen Präfektur Miyagi brach in dem Turbinenraum einer weiteren Atomanlage in Onagawa ein Feuer aus. Rauch stieg aus dem Gebäude auf, das abseits des Reaktorblocks liegt. Das Feuer konnte gelöscht werden, wie der Betreiber Tohoku Electric Power mitteilte.

Bestürzung in Deutschland

Die Tsunamikatastrophe rief auch in Deutschland große Bestürzung und Anteilnahme hervor. Die Bundesregierung sicherte am Freitag rasche Hilfe zu. Nach ersten Erkenntnissen waren keine deutschen Staatsbürger unmittelbar von der Katastrophe betroffen. Bundespräsident Christian Wulff schrieb in einer Beileidsadresse an Kaiser Akihito: „Ich möchte Ihnen und dem japanischen Volk, auch im Namen meiner Landsleute, meine tief empfundene Anteilnahme aussprechen.“ Den Angehörigen der Opfer ließ er sein Beileid übermitteln. Deutschland steht in dieser schwierigen Zeit an Ihrer Seite.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte Japan Hilfe zur Bewältigung der Katastrophe zu. In einem Telegramm an Ministerpräsident Naoto Kan schrieb sie: „Seien Sie versichert, dass Deutschland in diesen tragischen Stunden an der Seite Japans steht und zur Hilfe bereit ist.“ Merkel sprach den Angehörigen der Toten „aufrichtiges Beileid“ aus, den Verletzten wünschte sie baldige Genesung.

Von der Katastrophe sind nach Angaben von Außenminister Guido Westerwelle nach ersten Erkenntnissen keine Deutschen unmittelbar betroffen. Im Nordosten Japans leben den Angaben zufolge etwa 100 Bundesbürger. Das Auswärtige Amt richtete, wie in solchen Fällen üblich, einen Krisenstab ein.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich bot den Einsatz des Technischen Hilfswerks (THW) im Katastrophengebiet an. Bisher seien aber bei der Bundesregierung noch keine entsprechenden Hilfsersuchen eingegangen, sagte Friedrich am Freitag.

Bundestagspräsident Norbert Lammert schrieb: „Unsere Gedanken sind beim japanischen Volk, das bei der Bewältigung der Katastrophe mit unserer vollen Unterstützung durch jede mögliche Hilfe rechnen kann.“

CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder, der im vergangenen Jahr Japan besucht hatte und gute Beziehungen in das Land hat, sprach in einem Schreiben an den japanischen Botschafter Takahiro Shinyo dem japanischen Volk seine tief empfundene Anteilnahme aus. „Unsere Gedanken sind auch bei den Hilfskräften und bei denjenigen, die durch die Naturkatastrophen ihr Hab und Gut verloren haben.“

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel erklärte: „Mit Erschütterung verfolge ich die Nachrichten über die schwere Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Japan.“ Das Beben habe offenbar unermessliches Leid über unzählige Menschen gebracht. „Den vielen Helfern wünsche ich Kraft für ihre schwierige Aufgabe. Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen.“ Die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir erklärten angesichts der „furchtbaren Tragödie“: „Deutschland und die EU sind jetzt gefordert, Japan zur Seite zu stehen und schnell mit allen erdenklichen Mitteln zu helfen.“

Tsunamis können sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometer in der Stunde ausbreiten, etwa der Geschwindigkeit eines Verkehrsflugzeugs. Der wohl verheerenste Tsunami ereignete sich am 26 Dezember 2004 im Indischen Ozean und kostete 230.000 Menschen in zwölf Nationen das Leben.