Britney Spears? Da denkt jeder an bauchfreie Schulmädchen-Uniformen, laszives Hüftwackeln, schmalzigen Teenie-Pop, Kurzzeit-Ehen und Nervenzusammenbrüche. All das kommt einem in den Sinn, nur nicht Ballett. Und doch hat sich der südafrikanische Choreograf Hubert Essakow in den Kopf gesetzt, den Aufstieg und Fall der Britney Spears als Ballett auf die Bühne zu bringen.
Ein ungewöhnliches Projekt: „Ich bin fasziniert von Britney, weil wir alle fasziniert von ihr sind. Man kann keine Zeitung aufschlagen, ohne ein Bild von ihr zu sehen. Wir sind alle besessen davon, jedes Detail ihres Lebens zu kennen. Es ist eine große Tragödie der modernen Zeit“, sagt der Choreograf.
Seit ihrer Scheidung von Kevin Federline letztes Jahr kommt Spears aus den Negativ-Schlagzeilen nicht mehr heraus: Schritt für Schritt vollzieht sich vor den Augen der Welt der tragische Untergang der millionenschweren US-Popsängerin. Täglich unterhalten die Boulevardzeitungen ihre Leserschaft mit immer neuen Katastrophenmeldungen aus dem Hause Spears.
Britneys verzweifelter Kampf um das Sorgerecht für ihre Söhne Sean Preston und Jayden James hält die Welt in Atem. Das Bild von Spears, wie sie im Blitzgewitter auf einer Trage liegend am 3. Januar aus ihrer Villa in Beverly Hills abtransportiert wurde, ging um die Welt. Vollgepumpt mit Drogen oder Alkohol hatte sie sich im Badezimmer eingeschlossen und sich geweigert, Federline die Kinder zu übergeben. Ende Januar kam die Zwangseinlieferung. Die Ärzte diagnostizierten eine bipolare Störung.
Die Medien und mit ihnen die Öffentlichkeit nehmen an jedem noch so tragischen Ereignis in Spears’ Leben teil. Trotzdem verspürt kaum jemand Mitgefühl, allenfalls eine gewisse Schadenfreude. Wer sollte Superstars auch bedauern: Schließlich haben sie alles, wovon der Rest der Bevölkerung nur träumen kann. Hubert Essakow hat diese mangelnde Anteilnahme zur einer der Kernaussagen seines Balletts „Meltdown“ (Einschmelzen) gemacht. Aufgeführt wird das ungewöhnliche Stück von Tänzern der renommierten britischen Rambert-Dance-Company in der Londoner Queen-Elizabeth-Hall.
Im Mittelpunkt des Balletts steht ein Zitat des englischen Dichters William Blake: „Can I see another's woe and not be in sorrow too? Can I see another`s grief, and not seek for kind relief? ("Kann ich den Kummer eines anderen sehen und nicht selbst traurig sein? Kann ich die Trauer eines anderen sehen und nicht nach Hilfe für ihn suchen?)
Der Saal ist proppenvoll, das Publikum gespannt: Ein Ballett über einen Popstar, so etwas bekommt auch das verwöhnte Londoner Publikum nicht alle Tage geboten.
Vor Beginn der Aufführung wärmen sich die Tänzer auf statt hinter der Bühne auf. Das relaxt nicht nur die Muskeln der Künstler, sondern auch das Publikum. Von den fünf neuen Balletts der Rambert-Dance-Company, die an diesem Abend gezeigt werden, hat „Meltdown“ die größte Aufmerksamkeit von den Medien bekommen.
Es herrscht atemlose Stille, als Tänzerin Gemma Nixon im Britney-Look (pinkfarbener Trainingsanzug, strohblonde Perücke und pinkfarbener Herrenhut tief in die Stirn gezogen) die Bühne betritt. Anfangs ist „Britney“ noch dabei, sich in den Olymp der Popmusik zu singen und zu tanzen: Aber die Tragödie wirft bereits ihre Schatten voraus. Nixon ist plötzlich von fünf schwarz gekleideten Tänzern umringt, die sie auf der Bühne herumschubsen: Britney als Spielball der Medien?
In der nächsten Szene wird wieder mit den Hüften gewackelt: In Anspielung auf Britneys berühmten erotischen Hüftschwung lassen Gemma Nixon und zwei Tänzerinnen als Backgroundsängerinnen (Clara Barberá, Pieter Symonds) auf der Bühne die Fetzen fliegen. Die Musik ist laut und schrill. Britneys Sex-Appeal wird dabei von den anderen Tänzerinnen ins Groteske übersteigert, indem sie sie nachäffen und singen: „Look at my arse..“ (Schau auf meinen Hintern)
Plötzlich kehren die schwarz gekleideten Tänzer wieder zurück, diesmal unmaskiert. Dann wieder ekstatisches Tanzen und schriller Gesang mit grotesken Bewegungen: eine vulgäre Zurschaustellung weiblicher Sexualität.
Anschließend folgt die berühmte Kahlrasur, inszeniert als aufwendiges Spektakel. Das muss auch so sein, denn Spears wollte mit diesem Schritt das Image der makellosen Teenie-Queen zerstören. Sowohl in Spears echtem Leben als auch in dieser Aufführung nimmt dieses Ereignis eine Schlüsselstellung ein.
Dann kommt der Absturz: In der nächsten Szene liegt Gemma Nixon mit angezogenen Knien auf dem Rücken und schaukelt monoton singend: „I hurt myself in every way, I hurt myself every day.“
Das Publikum wirkt schockiert: Ein düster-schauriges Schauspiel, das im starken Kontrast zu den wilden, bunten Szenen davor steht. Die übrigen Tänzer betreten wieder die Bühne, in weiße Ärztekittel gekleidet, heben Spears hoch über ihre Köpfe und tragen sie davon. Eine Anspielung auf das fast schon berühmte Bild, das Britney zeigt, wie sie auf einer Trage die Treppe zu ihrer Villa hinuntergetragen wird.
Essakow zeigt dem Publikum, dass sich vor unseren Augen eine Tragödie abspielt, die nur von den wenigsten als solche wahrgenommen wird. Wenn Ödipus sich die Augen aussticht, weil er seine Mutter geheiratet und seinen Vater ermordet hat, so findet man das tragisch. Wenn eine psychisch kranke junge Frau das Sorgerecht für ihre kleinen Kinder verliert und mit einem Nervenzusammenbruch ins Krankenhaus eingeliefert wird, so befriedigt das allenfalls die Sensationsgier.
Britney Spears ist eine Ware, und die will verkauft werden. Wenn nicht als Pop-Queen, dann eben als gescheiterte Existenz. Ballett ist ein gutes Medium, um das tragische Element von Spears’ Leben angemessen in Szene zu setzen. Auch wenn durch die Kürze des Stücks (etwa 20 Minuten) das Thema nur angerissen werden kann, aus Britneys Leben ließe sich sicher auch ein abendfüllendes Ballett machen. Stoff liefert sie ja genug.




