Waldbrände

Warum es ein Tschernobyl 2.0 nicht geben wird

Durch die Waldbrände in Russland werden radioaktive Partikel freigesetzt. Doch die Gefahr einer Verseuchung in Deutschland ist gering.

Foto: dpa-infografik / dpa

In Russland brennen Wälder, die 1986 durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl radioaktiv verseucht wurden.

Die oberen Schichten des Waldbodens, aber auch die Bäume selbst, deren Stämme und Rinden, enthalten in erheblichen Umfang das radioaktive Isotop Cäsium-137. Mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren hat sich seine Menge seit dem Reaktorunglück von 1986 nicht einmal halbiert. Befürchtet wird, dass durch das Feuer radioaktive Partikel freigesetzt werden. Die Hitze der Brände katapultiert sie dabei möglicherweise in einige Kilometer Höhe, so dass sie in andere Regionen transportiert werden können.

Bei den jetzigen Windverhältnissen ist es allerdings ausgeschlossen, dass radioaktive Substanzen von Russland nach Deutschland gelangen.

Doch wenn, wie vom Deutschen Wetterdienst prognostiziert, die Windrichtung auf Nordost drehen sollte, ist nicht ausgeschlossen, dass eine gewisse Menge Radioaktivität auch nach Mitteleuropa gelangen könnte. „In keinem Fall wird dadurch eine gesundheitliche Gefahr für die hiesige Bevölkerung ausgehen“, erklärt der Strahlenexperte Peter Jacob vom Helmholtz-Forschungszentrum in München. „Dafür sind die Mengen einfach viel zu gering“, sagt er. Ein Tschernobyl 2.0. wird es also nicht geben.

Auch darum nicht, weil die Belastung für die deutsche Bevölkerung nach dem Unglück von Tschernobyl praktisch ausschließlich von radioaktivem Jod ausging. Da das strahlende Jod-Isotop aber nur eine Halbwertszeit von acht Tagen besitzt, kann man heute mit Sicherheit sagen, dass durch die Brände in den belasteten Wäldern kein Jod freigesetzt werden kann.

Fraglich ist überdies, ob die bei den Bränden freigesetzten Partikel überhaupt in ausreichende Höhe katapultiert werden können, so dass sie große Distanzen überwinden können. Die meisten Rauchwolken über den brennenden russischen Wäldern erreichen Höhen von 100 bis 200 Metern. Die Umverteilung von Radioaktivität wird sehr wahrscheinlich ein lokales Problem bleiben.

„Die Mengen an Radioaktivität, von denen wir hier reden, sind insgesamt so gering, dass es selbst für die Feuerwehrmänner vor Ort kein Problem einer zu hohen Strahlenexposition gibt“, erläutert Jacob. Gefährlich würde es erst, wenn die Helfer radioaktive Partikel einatmen würden. Doch geht Jacob davon aus, dass die Feuerwehrmänner ohnehin Atemschutzmasken tragen – allein schon, um sich vor dem beißenden Rauch zu schützen.

Eine neue Lage könnte erst dann entstehen, wenn die Brände die innere 30-Kilometer-Zone um das havarierte Kraftwerk von Tschernobyl erreichen sollten.

In dieser Zone ist der Boden nicht nur mit Cäsium sondern auch Plutonium belastet. Ein Feuer in dieser Zone könnte weitere Vorsichtsmaßnahmen erforderlich machen.

Eine Konsequenz der aktuellen Brände könnte allerdings sein, dass in benachbarten Regionen, die bislang noch landwirtschaftlich genutzt werden, die radioaktive Belastung zu groß werden könnte.

Dann müsste dort die Bewirtschaftung der betroffenen Äcker eingestellt werden. Selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass geringste Mengen Cäsium den deutschen Luftraum erreichen sollten, werden die insgesamt 2000 Messstationen des Bundesamtes für Strahlenschutz dies sofort registrieren.

Die Genauigkeit der Sensoren ist so groß, dass noch Mengen, die für Menschen vollkommen ungefährlich sind, noch bemerkt werden können. Sollte es hier in den kommenden Tagen zu einem Nachweis kommen, ist damit zunächst noch nichts über die Gefährlichkeit gesagt.

Deutschlands oberste Strahlenschützer werden in so einem Fall direkt eine Einordnung der Situation vornehmen. In den vergangenen Tagen wurde darüber berichtet, dass in der russischen Stadt Osjorsk mit der riesigen Atomanlage Majak der Notstand ausgerufen wurde.

Tatsächlich haben sich die Brände dem Ort auf eine Distanz von 80 Kilometer genähert, wie Jacob nach Telefonaten mit Wissenschaftlern vor Ort zu berichten weiß. Was als Notstandsmaßnahmen kommuniziert wurde, habe lediglich bedeutet, dass es jetzt verboten ist, offene Feuer zu machen. Das Grillen am Waldrand ist also nicht mehr erlaubt, doch die Einwohner von Osjorks ließen sich dadurch die gute Laune nicht verderben. „Mir haben die Kollegen aus Osjorks erzählt, dass sie in einem Waldsee schwimmen waren.“