Frankreich

Die erfundene Affäre zwischen Giscard und Lady Di

Jetzt sind sie doch nur gute Bekannte – aber schön, über eine mögliche Affäre geredet zu haben: Expräsident Valéry Giscard d'Estaing hat sich durch eine fiktive Affäre mit Prinzessin Diana ins Gespräch gebracht. Darüber lacht nun ganz Frankreich. Der Politiker behauptet nun: Es war ja nur Spaß!

Foto: dpa

Es bleibt die Frage, welches Insekt den 83 Jahre alten Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing eigentlich stechen musste, damit er einen Roman schreibt, in dem ein französischer Präsident eine leidenschaftliche Affäre mit einer britischen Prinzessin auslebt – die unschwer als gering verfremdete Version der seligen Prinzessin Diana zu erkennen ist („La Princesse et le Président“).

Mehrere Motive sind denkbar: Möglicherweise hat ihn sein Psychoanalytiker ermuntert, einmal künstlerisch die Sau rauszulassen. Vielleicht befand er sich auch in einem Zustand erotomaner Konkurrenz mit seinem aktuellen Amtsnachfolger. Präsident Nicolas Sarkozy hatte Verführungskraft und Maskulinität ja unter anderem dadurch unter Beweis gestellt, dass er das zuvor für seinen überdurchschnittlich hohen Männerverschleiß berüchtigte Gesangs-Model Carla Bruni eroberte und in den Hafen der Ehe führte.

Das müsste noch zu toppen sein, mag sich Giscard da gedacht haben und ersann einen Romanplot, der die berufsbedingt leicht zu echauffierende Journaille dazu brachte, vor allem eine Frage zu stellen: Hatte Giscard etwas mit Diana?

Fakten, die eine derartige Liaison eher unwahrscheinlich werden ließen, wie etwa die Tatsache, dass Dianas tatsächliche Liebhaber inzwischen durch ihre Biografen recht gründlich dokumentiert sind, oder der Umstand, dass Valéry und Diana schlappe 35 Jahre trennten und die Prinzessin von Wales bei der Auswahl ihrer Begleiter eher schnittige Rittmeister als distinguierte Senioren bevorzugte, wurden dabei zunächst großzügig außer Acht gelassen.

Stattdessen erinnerte man sich in Paris daran, dass Giscard während seiner Amtszeit (1974–1981) den Ruf genoss, ein Präsident zu sein, „von dem man wenigstens wusste, wo er jede Nacht nicht schlief“ – nämlich im Élysée-Palast. Giscard war berüchtigt für seine amourösen nächtlichen Exkursionen, die einen ihrer zahlreichen Höhepunkte erreichten, als er eines sehr frühen Morgens in einem Ferrari Cabriolet, das er sich von dem Regisseur Roger Vadim geborgt hatte, unweit vom Élysée-Palast mit einem Milchlaster zusammenstieß.

Bei französischen Präsidenten ist unkontrolliertes Balzverhalten zudem nicht unüblich. François Mitterrand leistete sich bekanntermaßen noch eine Zweitfamilie, Jacques Chirac pflegte so enge Bindungen zu ihm freundlich gesonnenen Journalistinnen, dass seine Gattin Bernadette sich routinemäßig beim Sicherheitspersonal mit dem Satz „Machen wir es kurz, wo ist mein Mann heute Nacht?“ erkundigte, und der berühmteste Fall präsidialer Schwerenöterei war jener des Präsidenten Félix Faure, der 1899 im Élysee-Palast in den Armen seiner Mätresse verstarb, nachdem sein Herz ein Aphrodisiakum nicht verkraftet hatte. Vor diesem kulturgeschichtlichen Hintergrund lag eine Affäre Giscards mit Prinzessin Diana zumindest eher im Bereich des Denkbaren, als wenn etwa Roman Herzog ein vergleichbares Buch geschrieben hätte.

Giscard hatte die für ihn schmeichelhaften Spekulationen nicht zuletzt dadurch befördert, dass er seinem Werk die mysteriöse Widmung „Promesse tenue...“ – „Versprechen gehalten“ – voranstellte und seine Romanprinzessin am Ende des Buchs dem Romanpräsidenten eben das Versprechen abnimmt, die Geschichte für die Nachwelt aufzuschreiben. Dann nahm sich Giscard einige aufmerksamkeitsfördernde Tage Zeit, bis er das Geraune in einem Interview mit dem Magazin „Le Point“ wieder entkräftete: „Übertreiben wir nicht“, sagte er da, er habe die Prinzessin gekannt, sie habe ihm vertraut und ein recht großes Mitteilungsbedürfnis gehabt – mehr aber auch nicht.

Allerdings habe Diana ihm einst selbst vorgeschlagen, ein solches Buch zu schreiben, nachdem sie sich 1994 gemeinsam über „die Liebesgeschichten zwischen den Führern großer Länder“ unterhalten hätten. Noch kurz vor ihrem Tod im Sommer 1997 sei sie auf das Thema zurückgekommen. Das Buch zu schreiben habe er da als Verpflichtung empfunden, die er nun „erfüllt“ habe.

Das literarische Talent des Expräsidenten, der einen Adelstitel führt, den sein Vater einst käuflich erwarb, ist allerdings im Laufe des Schreibprozesses häufiger an seine Grenzen gestoßen. Und dies, obwohl Giscard eigentlich als edle Feder gilt und Mitglied des sprachpflegerischen Altherrenklubs der Académie française ist.

Ein erzählperspektivischer Trick erlaubt ihm, bereits zu Beginn seines Romans die verführerischen Reize seines Alter Ego Jacques-Henri Lambertye hervorzuheben: Er lässt die Geschichte von einer 28-jährigen Presseberaterin seines Präsidenten erzählen, die zunächst einmal feststellt, dass sie sich nur zu sehr gewünscht hätte, ihr Staatschef möge sich für sie „als Frau“ interessieren, denn sie fände ihn doch „sehr verführerisch“.

In der Folge hat der Autor Giscard vor allem ein Problem: Er kann sich nicht so recht entscheiden, ob er schwüle Liebesprosa oder die aktenstaubtrockenen Memoiren eines Staatschefs verfassen möchte. Knabenhaft Heißblütiges dieser Art – „Meine Begierde, ich sagte es, war unwiderstehlich, und kein Argument, kein Schrei der Vernunft hätte sie aufhalten können“ – wechselt da mit Passagen wie diesen: „Vor zwei Tagen kam ich aus London zurück von einem Treffen der G7, der Gruppe der sieben wichtigsten Industrienationen der Welt, die mein Amtsvorgänger erstmals im Jahr 1975 ins Schloss Rambouillet eingeladen hatte.“

Der Romancier Giscard erlaubt sich hier – wie an manch anderer Stelle – einen lobenden Verweis auf den Präsidenten Giscard und das bleibende Vermächtnis seiner Amtszeit. Helmut Schmidt, der die G-7-Gespräche gemeinsam mit dem Präsidenten Giscard ins Leben gerufen hatte, lässt der Romancier Giscard allerdings ungalanterweise unter den Tisch fallen. Stattdessen fährt er im Stil einer Aktennotiz fort: „Dieses Mal war es an Großbritannien, die Debatten zu leiten. Wir kamen in London zu einer zweitägigen Sitzung zusammen, deren Hauptthema die Begrenzung der Erdöleinfuhren war. (...) Wir waren in zwei Gruppen gespalten, einerseits der amerikanische Präsident Jim Hopkins und ich selbst, Anhänger einer restriktiven Position, auf der anderen Seite unsere japanischen und deutschen Partner, die versuchten, zu strenge Beschränkungen für die Versorgung ihrer Industrien zu vermeiden.“ Auch so kann ein Nouveau Roman klingen.

Möglicherweise hat der Romancier Giscard solche Passagen ja nur eingefügt, um die Spannung zu erhöhen (wir befinden uns auf Seite 18, und noch ist zwischen dem Präsidenten und der Prinzessin nichts gelaufen), aber es bedarf schon einer erheblichen Widerstandskraft, um als Leser an solchen Stellen nicht spontan in einen büroschlafähnlichen Zustand zu versinken.

Das französische Publikum scheint dies geahnt zu haben. Denn obschon der Verlag Éditions de Fallois, der Giscards Schwiegersohn gehört, das Buch mit einer Startauflage von 100000 Exemplaren in den Buchhandel gebracht hat und der Erscheinungstermin nach dem Presseradau vorgezogen wurde, hat sich „La Princesse et le Président“ in der ersten Woche nur 4000-mal verkauft. Franzosen sind in der Regel geschmackssicher.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos

Beschreibung anzeigen