Erpresser verurteilt

Sgarbis letzter Liebesdienst für Susanne Klatten

Das Urteil im Klatten-Prozess gab es nach nur einem Verhandlungstag: Sechs Jahre Haft für Helg Sgarbi. Sein Geständnis erspart seinen Opfern die Aussage vor Gericht. Ein letzter Dienst als Gentleman. Doch im Prozess wirkte der einstige Frauenflüsterer eher wie ein schüchterner Schalterbeamter.

Am Ende wirkt er doch getroffen. Helg Sgarbi atmet tief durch. Er legt seine schwarze Hornbrille ab. Die linke Hand, die mit dem Ehering, verbirgt die Augen. Das Gesicht ist leicht errötet – wie immer an diesem Tag, wenn die Vorwürfe konkret ausgesprochen werden. Sgarbi senkt langsam den Kopf. Gerade hat Gilbert Wolf, der Vorsitzende Richter der 8. Strafkammer am Landgericht München I, das Urteil verlesen: sechs Jahre Haft wegen gewerbsmäßigen Betrugs und versuchter gewerbsmäßiger Erpressung.

Kurz zuvor hatte er noch kokett in die Kameras gelächelt. Aber als der Richter erklärt, dass Sgarbi sich auch keine Hoffnung auf Haftverschonung um ein Drittel der Zeit machen kann, wirkt der Angeklagte, dem der Ruf des weltgewandten und eloquenten Herzensbrechers vorauseilte, noch unscheinbarer.

Dabei war Sgarbi in seinem Prozess um Haltung bemüht. Vier Stunden sitzt er fast regungslos im Landgericht München I auf der Anklagebank. Sehr hager ist er. Das Gesicht ist scharf geschnitten. Die Haare sauber gescheitelt. Das weiße Hemd mit steifen Doppelmanschetten wirkt am Kragen etwas zu groß, aber der exakte Knoten seiner schwarz-grünen Krawatte hält ihn zusammen. Die Gesichtszüge sind kantig. Eilfertig schiebt Sgarbi seinen Anwälten das Mikrofon hin. Nur die zusammengepressten Lippen, die den Mund noch schmaler machen, und die ständig mahlenden Backenknochen verraten den Stress des Angeklagten.

Der 46-Jährige, der als formvollendeter Gentleman mit geradezu magischem Einfluss auf Frauen beschrieben wurde, wirkt im achteckigen Schwurgerichtssaal 101 des Münchner Landgerichts eher wie der schüchterne Schalterbeamte der Sparkasse nebenan. Auffällig ist an ihm nur seine Unauffälligkeit.

Dabei ist der Schweizer die Hauptperson in einem aufsehenerregenden Prozess um Sex, Geld, Lügen und Erpresservideos. Vier Frauen wurden von Sgarbi erpresst, nachdem er sich ihr Vertrauen und ihre Zuneigung erschlichen hatte. Spektakulär wird das Verfahren durch ein besonders prominentes Opfer, die reichste Frau Deutschlands. Sgarbi hat unter anderem auch versucht, Susanne Klatten zu erpressen. Die Quandt-Erbin und Großaktionärin von BMW und des Chemiekonzerns Altana sollte zunächst 49 Millionen, dann 14 Millionen Euro bezahlen. Andernfalls würde er kompromittierende Sex-Videos an die Familie und Firmen Klattens verteilen. Klatten zeigte ihn daraufhin bei der Polizei an.

Gleich zu Beginn der Verhandlung, die auf vier Tage angesetzt war und ein ganz kurzer Prozess wurde, verliest Sgarbis Rechtsanwalt Egon Geis eine Erklärung. „Im Kern“ würden die Vorwürfe zutreffen, die Behauptungen, die in der 16-seitigen Anklageschrift zusammengetragen sind, träfen zu. Sgarbi habe mittels Videoaufnahmen versucht, die Frauen zu erpressen. Es ist sozusagen ein letzter Liebesdienst, den der Angeklagte seinen Opfern bringt. Weil er die Vorwürfe einräumt, müssen die Frauen nicht vor Gericht aussagen. Peinliche Details über ihr Verhältnis zu Sgarbi müssen nicht ausgebreitet werden, nicht das Kennenlernen im mondänen Gesundheitszentrum Lanserhof in Tirol und nicht die Treffen in Münchner Hotels.

Und als wolle er sein Image als Kavalier unterstreichen, meldet sich Sgarbi auch ein einziges Mal zu Wort. Er ist aufgeregt, rüttelt am Mikrofon: „Ich bedauere das Vorgefallene zutiefst und entschuldige mich in dieser Hauptverhandlung und in aller Öffentlichkeit gegenüber den geschädigten Damen.“ Der Satz wurde offenbar gut geübt, er spricht langsam, ohne zu stocken, und setzt sich wieder.

Dass den Frauen der Zeugenauftritt erspart blieb, würdigt das Gericht bei der Strafzumessung ausdrücklich. Darüber hinaus bleibt der Angeklagte aber schweigsam und unkooperativ wie bisher. Fast ein Jahr saß er nach seiner Verhaftung am 14. Januar 2008 an einer Autobahnraststätte in Vomp in Tirol in Untersuchungshaft.

Seitdem schwieg er. Selbst seinen Lebenslauf mussten die Münchner Staatsanwälte mühsam recherchieren. Erst jetzt zur Verhandlung liefert er schriftlich ein paar Fakten nach, Mosaiksteine einer wenig aufregenden Biografie. Jurastudium, Unternehmensberater, Arbeitgeber-Zeugnisse loben seine zuvorkommende, freundliche Art. Er war auch „Oberleutnant der Übermittlungstruppen“, arbeitete angeblich auch als Übersetzer. Als seine Hobbys gibt Sgarbi Hochseesegeln, Tennis, Architektur und Kunst an.

Aber wirklich erhellend ist Sgarbis Schuldanerkenntnis nicht. „Das ist nur ein halbes Geständnis“, sagt Oberstaatsanwalt Anton Winkler. Denn Sgarbi ist nicht bereit, etwas zu seinen Motiven oder zum mutmaßlichen Drahtzieher seiner Erpressungen, Ernani Baretta, zu sagen. Der Italiener wurde zusammen mit Sgarbi verhaftet, aber in sein Heimatland ausgeliefert.

Er bezeichnet sich als Freund Sgarbis, er gilt aber als eine Art Guru, der Sgarbi leitete. Von den Opfern wurde er allerdings nie wahrgenommen. Auf Barettas Grundstück wurden allerdings über 1,6 Millionen Euro in bar sichergestellt. Barretta steht unter Hausarrest, am 24. März soll ihm in Pescara der Prozess gemacht werden.

So bleibt auch nach dem Münchner Urteil vieles im Dunklen. „Wir haben kein Geld, keine Videos und keine Aussage zu Barretta“, kritisierte Staatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch. Auch deswegen forderte er eine höhere Gesamtstrafe von neun Jahren. Verteidiger Egon Geis dagegen hielt eine Strafe „um fünf Jahre herum“ für angemessen. Schließlich habe Sgarbi nie direkt Geld gefordert, und auch Frau Klatten habe eigentlich keinen Schaden erlitten – eine Einschätzung, die Sgarbi ganz uncharmant ohne äußere Rührung hinnahm, das Gericht allerdings nicht überzeugte.

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