Marian Gold wirkt wie herbeigebeamt aus einem Fantasyfilm. Die Erscheinung des Sängers der Band „Alphaville“ mit seinem pechschwarzen, akkurat gestutzten Vollbart strahlt unweigerlich etwas Künstliches aus, selbst wenn er auf dem Balkon des Universal-Gebäudes an der Oberbaumbrücke steht und auf Berlin blickt. Nur eine kurze Verschnaufpause für den 56-Jährigen, dessen neues Album „Catching Rays On Giant“ am 19. November 2010 erscheint. Es sind intensive Wochen für ihn. Drei Monate verbrachte Gold im Studio, um die Songs aufzunehmen, vor drei Wochen ist er Vater geworden, zum sechsten Mal. Von seinem Sohn Ferdinand spricht er mit leuchtenden Augen. „Wer Kinder hat, hat etwas, wofür er sein Leben hingeben würde – ein tolles Gefühl“, sagt der Sänger.

Seine Songs erzählen von Parallelwelten und Träumen, von Illusionen und der Künstlichkeit der Oberfläche. Gold, der bürgerlich Hartwig Schierbaum heißt, liebt das Eintauchen in die Fantasie. Das machte auch das West-Berlin der 70er- und 80er-Jahre für ihn so reizvoll: eine eingemauerte Stadt, künstlich abgeschnitten und eingeschlossen. Ein Szenario wie aus einem Endzeit-Film und doch Realität. „So etwas gab es sonst nirgendwo in der Welt“, sagt Gold, der sich sofort nach Berlin aufmachte, nachdem sein Wehrdienst zu Ende war. Dort hatte er üben müssen, Atomsperrgürtel gegen die Sowjets zu errichten. Für ihn nicht weniger bizarr.

Gold zog in die Adalbertstraße in Kreuzberg, versuchte im „SO36“ sein großes Idol David Bowie zu treffen – und entdeckte die Möglichkeiten der elektronischen Musik. Auf einem sogenannten Sequenzer lernte er das Arrangieren von Basslinien und Tonfolgen und komponierte 1979 den Welthit „Big in Japan“.

„Der Sequenzer ist der Grund, warum der Titel auf einer Quinten-Sequenz beruht“, sagt er. „Heute könnte man so etwas locker auf dem iPhone komponieren.“ Dass es inhaltlich um ein heroinsüchtiges Pärchen am Bahnhof Zoo geht, weiß beileibe nicht jeder, aber den Refrain kennen Fans von Singapur bis Sacramento.

Gold wohnt inzwischen ganz bürgerlich in Nikolassee und will mit dem Sound der 80er und dem neuen Album anknüpfen an die alten Erfolge, vor allem mit der bittersüßen Auskopplung „I die for you today“. Das Album preist Gold als „Blick zurück nach vorn“, als Zwischenfazit von mehr als 25 Jahren Bühnenerfahrung. Für den Song „Miracle Healing“ etwa hat Gold sich von einem Moment hinter der Bühne inspirieren lassen. „Unmittelbar vor einem Konzertauftritt in Südafrika saß ich allein hinter der Bühne in der Garderobe wie in einem Sarg“, sagt Gold. „Ein Moment der Einsamkeit. Als Musiker lebt man in einer Scheinwelt, die um einen herum aufgebaut wird.“ Nicht, dass das für ihn nicht spannend wäre. „Alphaville ist ein Elfenbeinturm“, sagt Gold. „Für Realität sind wir nicht zuständig, sondern für Mythen, Legenden und die Fantasie.“ Die Wirklichkeit taugt da lediglich als Aufhänger. Aber wie gelangt man von dort aus ins Fantastische und Surreale? Früher sah er Horrorfilme zur Inspiration und schreckte sogar vor Drogen nicht zurück. „Damals habe ich alles genommen, da kann ich mich kaum erinnern“, bekennt er offen. Das sei heute vorbei, selbst das Ansehen von Horrorfilmen. „Wenn meine Tochter Lily den Kinderkanal einschaltet, guck ich mit.“