Experiment

Mit der Fußfessel zum Berliner Kinderspielplatz

Wie reagieren Mütter, wenn man mit einer elektronischen Fußfessel einen Kinderspielplatz besucht? Wir haben es in Berlin getestet.

Foto: Reto Klar

Zuerst klingt es wie eine gute journalistische Idee: ein paar Tage mit einer elektronischen Fußfessel in Berlin herumlaufen. Wie werden die Mitbürger darauf reagieren, dass unter ihnen ein – ein was? – ein entlassener Schwerverbrecher, ein mutmaßlicher Kinderschänder? – sein Wesen treibt?

Beim Anlegen aber kommen erste Zweifel. Was ist, wenn die Fußfessel scheuert? Wenn sie einen beim Schlafen stört? Wenn sie die Ehefrau stört? Abmachen kann man das Ding nur, indem man es zerstört.

Die Sorgen erweisen sich als unberechtigt. Das Ding ist leicht, es sitzt fest, aber nicht zu fest, und nach einer Weile merkt man es gar nicht mehr. Da liegt allerdings auch ein Problem: Die Umwelt merkt ebenfalls nichts. Man muss schon auffällig-unauffällig die Hose ein wenig hochrutschen lassen, damit die Fußfessel überhaupt sichtbar wird. Schaut mich mein Gegenüber in der S-Bahn ein bisschen komisch an? Oder werde ich paranoid? Ich bin einer, der auch dann rot wird, wenn man ihn einer Sache bezichtigt, die er gar nicht begangen hat. Mit der Fußfessel am Bein fühle ich mich auch ein wenig schuldig, nachts träume ich vom ultimativen Verbrechen: mit 80 durch eine verkehrsberuhigte Zone fahren. Sieht man mir die Schuld an?

Offenbar nicht wirklich. „Du siehst einfach zu nett aus“, sagt mir ein Kollege. Also greife ich zu verzweifelten Maßnahmen: Ich will ins Freibad gehen. Mit einer kurzen Hose am Kinderspielplatz herumlungern. Schließlich versuchen, in ein Flugzeug zu steigen.

Im Prinzen-Bad in Kreuzberg ignoriert man mich geflissentlich. Man ist dort einiges gewöhnt; auf den Liegewiesen kommt es schon mal zu Massenschlägereien. Vielleicht hält man das Gerät an meinem Knöchel auch nur für einen neuartigen Blutdruckmesser oder Rundenzähler. Schließlich spricht mich doch jemand an. Aber von dem Ding an meinem Bein spricht er nicht, sondern von seinem Kletterurlaub in der Sächsischen Schweiz. Es könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein, er hat auch noch eine Dose Bier übrig, aber ich habe eine Mission.

Die Mütter vom Kollwitzplatz am Prenzlauer Berg sind berüchtigt wegen ihrer Militanz gegen vermutete Kinderspanner. Wie werden sie erst auf einen Kinderspanner mit alter Cargo-Hose und gut sichtbarer Fußfessel reagieren? An einem sonnigen Nachmittag treibe ich mich am Platz herum, beobachte die hübschen jungen Mütter und die schicken jungen Väter, die im Sand mit ihren Kindern herumtollen, gehe mir ein Eis kaufen, kehre zurück: nichts. Ist das urbane Lässigkeit und Toleranz oder mangelnde Beobachtungsgabe? Egal, es ist langweilig. Also: einen Flug buchen und ab durch die Sicherheitsschleuse. Aber mit Anzug. Zu einfach will ich es den Sicherheitsleuten ja nicht machen.

Kurz vor der Kontrolle auf dem Flughafen Tegel wird mir doch ein wenig mulmig. Wie wird der Sicherheitsmann reagieren, wenn er die Fessel entdeckt? Er reagiert – verblüfft. „Was ist denn das?“ Immerhin hat er nicht einen Alarmknopf gedrückt, mich zu Boden gerungen und mir die Arme auf den Rücken gedreht. Also versuche ich es auf die renitente Tour. „Wie sieht es denn aus?“ „Tja“, sagt er, „da muss ich mit meinem Kollegen sprechen.“ Dem Kollegen von der Polizei nämlich. Der ist groß und hat eine Waffe, nähert sich aber respektvoll und sagt: „Dürfte ich mal sehen, was Sie da haben?“ Ich zeig ihm, was ich habe. „Das ist eine elektronische Fußfessel, nicht?“ sagt er aus dem Mundwinkel, damit es die anderen Passagiere nicht mitbekommen. Die schauen aber nicht hin, oder tun wenigstens so. Ich nicke. Zählt ein Nicken schon als Lüge? Man will die Polizei nicht anlügen, auch dienstlich nicht. „Tut mir leid“, sagt der Polizist, „ich muss Ihren Ausweis sehen.“

Panik. Ich finde meinen Ausweis nicht. Dann finde ich ihn doch und gebe ihn dem Beamten. Der macht einen Anruf. Vermutlich lässt er überprüfen, ob ich in irgendeiner Terroristendatei bin. Dann kehrt er zurück. „In Ordnung, Sie dürfen fliegen.“ Ich bin fast enttäuscht. Dann sagt er, wieder aus dem Mundwinkel: „Darf man fragen, weshalb Sie das tragen müssen?“ „Muss ich ihnen das sagen?“ „Nee, nee, natürlich nicht, ich frage man bloß.“ „Na ja“, sage ich, und versuche, etwas gefährlich auszusehen, „Kachelmann. Sie wissen schon.“ Er nickt weltmännisch. „Alles klar. Guten Flug.“

Kein Sprengstoffhund beschnüffelt das Gerät an meinem Knöchel, mein Wort als Verbrecher genügt, dass ich eine Fußfessel trage und keine Bombe. Die Höflichkeit, mit der ich behandelt werde, ist so erstaunlich wie die Nachlässigkeit, mit der ich an Bord des Fliegers gewunken werde, beunruhigend ist.

Stigmatisierung durch die Fußfessel? Keine Spur. Und das, so scheint mir nach dem Selbstversuch, ist ohnehin die falsche Frage. Bei allem Mitgefühl mit frühzeitig entlassenen Sexualverbrechern oder meinetwegen mit Leuten, die statt Untersuchungshaft eine Fußfessel tragen müssen, wie es gerade diskutiert wird: entscheidend ist die Frage, ob die Fußfessel die Öffentlichkeit schützt – nicht, ob sie den Verbrecher – oder auch nur den Beschuldigten, für den immerhin die Unschuldsvermutung gilt – stigmatisiert.

Ohnehin ist die Fessel erheblich angenehmer als das Gefängnis, wie ich aus Erfahrung – als Dauerdemonstrant in den 70er Jahren kam das halt vor – berichten kann. Sicherheit durch die Fußfessel also? Schwer zu sagen, denn sie war nicht aktiviert. Wäre sie mit einem Ortungsgerät verbunden gewesen: hätte mich die Polizei rechtzeitig hindern können, etwa kleine Kinder im Freibad oder auf einem Spielplatz, auf der Straße anzusprechen?

Diese Frage könnte erst eine andere Versuchsanordnung ergeben, bei der man eine aktivierte Fußfessel trägt und versucht, sich der Kontrolle durch die Polizei zu entziehen. Das klingt nach einer guten journalistischen Idee. Also: Fortsetzung folgt.