Mirco steht ganz vorne. Er steht dort bekleidet mit einem Polo-Shirt und einer Jogginghose. Er lächelt nicht, schaut ziemlich skeptisch in die Kamera, ein bisschen herausfordernd, beinahe missmutig, was daran liegt, dass er es nicht mochte, fotografiert zu werden. Er sieht älter aus als zehn Jahre, ihm fehlt das Kindliche auf diesem Foto, das inzwischen wohl jeder kennt und das überlebensgroß neben dem Altar in der Grefrather Kirche St. Laurentius steht. Mirco, „unser Schelm“, „ein guter Versteckspieler“, „eine Sportskanone“, wie seine Eltern in einem offenen Brief an die Gemeinde schreiben. Der Präses des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden, Roman Siewert, wird den Brief später vorlesen.
Mirco ist auch auf dem Grefrather Marktplatz zu sehen, wo die Messe auf einer Leinwand übertragen wird. Die Menschen weinen um ihn, denken an ihn, wünschen ihm, dass er in Frieden ruhen möge, indem sie 500 weiße Luftballons mit der Aufschrift „Ruhe in Frieden, Mirco“ aufsteigen lassen. Mircos Schicksal schweißt die Menschen an diesem Tag zusammen.
Etwa Tausend sind gekommen, um – ja, warum eigentlich? Es herrscht eine seltsame Mischung aus Trauer, Solidarität, Anteilnahme, Unverständnis und Wut. Und da ist noch etwas anderes, schwer zu sagen was. Das Bedürfnis nach Trost vielleicht? Wollen all diese Menschen getröstet werden?
"Danke für euer Mitgefühl"
Mircos Klasse ist da, sitzt in der ersten Reihe, rechts vom Altar. Wie klein diese Kinder sind, hilflos sehen sie aus, manche weinen, und manche machen Faxen. Kinder sind so, doch ist wohl der bewegendste Moment dieses Gottesdienstes, als zwei von ihnen nach vorne gehen, um ein Plakat anzunehmen, das Mircos Geschwister, Cousins und Cousinen für sie gemacht haben. „Danke“, steht da, „dass ihr Mirco nicht vergesst!“ Und: „Danke für euer Mitgefühl.“ Zwei Schüler nehmen es mit hochrotem Kopf in Empfang, begleitet von ihrem Lehrer.
Die Familie von Mirco ist nicht da. Es wird in der kommenden Woche ein Begräbnis im engsten Kreis geben, und schon jetzt bittet Manfred Lommertz, der Bürgermeister von Grefrath, die Medien darum, dass sie Mirco dann in Ruhe begraben können. Doch natürlich hat die Familie Einfluss auf den Gottesdienst; eigentlich gibt sie die Stimmung vor.
Kurz zuvor hatten sich der Vater und die Mutter des 10-Jährigen zum überhaupt ersten Mal in der Öffentlichkeit geäußert. Die Mutter sagte dem Magazin „Geistbewegt“, das zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden gehört, als in der vergangenen Woche die Leiche von Mirco gefunden wurde, „machte sich irgendwie auch Erleichterung in mir breit – Erleichterung, dass wir nun nicht mehr zwischen Hoffen und Bangen leben müssen“.
Täter Olaf H. war „vom Teufel geritten".
Trost und Halt fänden sie vor allem in ihrem Glauben. Mircos Eltern sind Mitglieder der freikirchlichen Christengemeinde Krefeld. In einem Online-Kondolenzbuch der Pfingstbewegung finden sich inzwischen hunderte Einträge. „Die Frage nach dem Warum bleibt“, schrieb dort etwa eine Familie aus Sachsen.
Den mutmaßlichen Mörder Olaf H. bezeichnete die Mutter als „belasteten Menschen, der nicht wusste, wohin mit seiner Last“. „Er muss wohl im wahrsten Sinne des Wortes vom Teufel geritten worden sein“.
Sie erzählte auch von den vergangenen fünf Monaten, von der Hoffnung, die sie noch hatten. „Wir wollten in den ersten Tagen am liebsten gar nicht mehr das Haus verlassen, weil wir befürchteten, einen wichtigen Anruf oder Nachricht zu verpassen“, sagte Sandra S. Stets habe ein frischgebackener Kuchen oder Kekse auf dem Tisch zuhause gestanden. „Damit auch Gebackenes da ist, wenn der Mirco wieder nach Hause kommt. Das war uns irgendwie wichtig.“
"Mach heil, was zerbrochen ist"
In ihrem Brief sprechen die Eltern von der letzten Woche. Als klar war, dass Mirco nicht mehr zurückkommt. Den Mittwoch, als die Leiche von Mirco gefunden wurde, bezeichneten seine Eltern als „ganz harten Tag für uns“. Es sei entsetzlich und grausam gewesen, zu wissen, dass Mirco tot ist. Mirco habe sein Leben gegeben für einen Erwachsenen, der beruflichen Stress ablassen musste. „Wir als Familie glauben, dass ein anderer unseren Druck und Stress abgenommen hat: Jesus Christus.“
Und dann betet die Gemeinde die Fürbitten: Für Mircos Familie, für seine Freunde, für Mircos Gemeinde. Für die Grefrather und für alle, die Mitgefühl gespendet haben, für die Mitarbeiter der „Soko Mirco“ und für alle, die die Polizei unterstützt haben. Sie beten auch für die Familie des Täters.
Und Pfarrer Norbert Selent, der Mirco seit seiner Geburt gekannt hat und die Familie während der vergangenen fünf Monate betreut hat, bittet schließlich auch für Olaf H., der seit einer Woche in Untersuchungshaft sitzt. Ein 45-jähriger, dreifacher Vater, der sich heute zwar leichte Verletzungen zugefügt hat, die aber laut Polizei nicht als Suizidversuch zu werten seien, akut selbstmordgefährdet sei er nicht. „Mach heil, mach ganz, was zerbrochen ist“, sagt Selent.


