Hollywood

Winona Ryder – der gefallene Star mit Rehblick

Die Schauspielerin Winona Ryder war ein Idol – und unser Autor ist in sie verliebt. Eine Begegnung.

Foto: picture alliance / abaca / picture alliance / abaca/Lionel Hahn/AbacaUsa.com

Nun also, wie sie konzentriert am Tisch sitzt und einen anschaut, sieht sie doch fantastisch aus. Winona Ryder hat Augen und Lippen stark geschminkt, den Rest vornehm bleich. Damenhaft legt sie die kleinen Hände aufeinander, Hände mit kurzen, unlackierten Fingernägeln. Kritische Fragen schneidet die Schauspielerin höflich, aber bestimmt ab. Das Gespräch lebt erst auf, als es um ihre Altersgruppe geht. "Eine verlorene Generation, die es irgendwie nicht gibt, oder?", sagt sie. Und erzählt von einem Song mit der Textzeile: "Wir sind zu jung, Hippies zu sein, haben die Liebe verpasst". Das Lied heiße "Summer of Drugs". Gleich merkt Ryder, dass das irgendwie verfänglich klingt und betont eilig, dies sei nicht ihre Sache, also Drogen natürlich.

Sie war ein Star, eine anbetungswürdige amerikanische Schauspielerin. Ich war in sie verliebt. Wir beide waren 25. Heute sind wir fast 40 - und Ryder ist nach langer Pause ein bisschen zurück. Mitte der 90er-Jahre gab es keinen jungen Mann, der nicht Winona Ryder anhimmelte. In Jim Jarmuschs "Night On Earth" 1991 spielte Ryder die Taxifahrerin, die von einer Hollywood-Agentin entdeckt wird, aber ablehnt. Sie wolle Mechanikerin werden, basta. Ryder war ein Versprechen. Sie gehörte zu uns. Sie war unser Star - ein Star, der einen zum Weinen bringt. Ein Freund erschien damals nicht zu meiner Geburtstagsparty und erklärte tags darauf: Er sei schon in meiner Straße gewesen, sei dann aber umgekehrt, weil er das Geschenk selbst behalten wollte. Es war eine Videokassette mit Winona Ryder. Wir alle nannten sie nur "Noni", man hatte gehört, das sei ihr Spitzname.

Verehrung und Herablassung

Von Freunden unseres Alters, ihrer kleinen, aber harten Fangruppe also, kommen bis heute nur zwei Reaktionen: Verehrung ("Wasch dir die Hände nicht, wenn du sie getroffen hast") oder giftige Herablassung ("Pass auf, dass sie dein Aufnahmegerät nicht klaut"). Das umschreibt Ryders Fluch. Sie denkt gern daran, wie das einst anders war. "Wunderbar, dass Sie diese Zeit erwähnen", sagt sie jetzt voller Anteilnahme. Viele hätten "Night on Earth" nicht gesehen. "Ich war an einem großartigen Punkt in meinem Leben."

Kein Wunder, dass sie nostalgisch ist. Scheitern wurde bald ihr Lebensthema. Es bekam Ende 2001 ein Symbol: Im Saks-Geschäft in Beverly Hills wurde sie beim Diebstahl erwischt. Das peinliche Überwachungsvideo gibt es überall im Internet . Die kleine Ryder sammelt einen übergroßen Haufen Klamotten zusammen, stolpert unschlüssig umher, verlässt den Laden und wird von zwei Bodyguards wieder hereinbugsiert. Die finden Kleidung im Wert von 5500 Dollar und ein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel, für das Ryder kein Rezept hat.

Die Deutung, mit diesem Fehltritt habe ihr Abstieg begonnen, ist falsch. Er war längst in vollem Gang. Nach ihrem Start war alles falsch gelaufen. In "Dracula" und "Zeit der Unschuld" hatte sie nur mäßig bedeutende Nebenrollen. Sie passte ohnehin nicht in Kostümfilme. Das Aussteiger-Drama "Boys" interessierte niemanden. In "Durchgeknallt" spielte Angelina Jolie sie 1999 an die Wand. Ryder verlor ihr Profil. Johnny Depp hatte sie verlassen und ließ medienwirksam seine "Winona"-Tätowierung vom Oberarm entfernen. Die Nichtstuer der 90er waren perdu, die ersten Internet-Boys hatten das Sagen. Die Welt hatte sich gewandelt, Ryder wurde nicht mehr gebraucht.

Ihre größte Rolle waren nun die Auftritte vor Gericht. Unschuldig weiß gekleidet, setzte sie den Rehblick auch dort ein. Am Ende bekam sie 480 Stunden Sozialarbeit aufgebrummt. Von Beck bis Ryan Adams war praktisch jeder Sensibelrocker mal ihr Freund. Sogar ich, ihr größter Fan, widmete mich anderen Dingen. Ich gründete eine Familie. Jetzt, wo Noni wiederkommt, hatte ich nicht nur sie vergessen - sondern auch, wofür wir sie einst brauchten.

"Das Leben in Hollywood hat mich gestresst. Ich habe zu viel gesucht und gewollt", sagt sie jetzt. "Heute bin ich einfach in der Gegenwart. Es ist, wie John Lennon singt: Leben ist das, was passiert, während man Pläne schmiedet." Das alberne Klischee zitiert sie ohne Scham. San Francisco wurde ihr Rückzugsort, ihre alte Heimat ist ihre neue. Sie spricht viel von ihrer Kindheit. In dem legendären linken Buchladen "City Lights" habe sie gespielt. Das Lesefestival "Litquake" besuche sie bis heute. "Ich fühle mich dieser Welt so verbunden. Mehr als der Schauspielerei eigentlich."

In "Black Swan" spielt Ryder gerade die alternde Balletteuse, die von Natalie Portman kalt abgelöst wird - wie ein böser Kommentar zu ihrer wirklichen Situation. Ab nächste Woche ist sie in der Komödie "Dickste Freunde" zu sehen, als hübsches, unergründliches Mädchen. Einmal regt sie sich so sehr auf, dass auf der Stirn eine Ader hervortritt und sich aller Weltschmerz in ihr Gesicht zaubert. Keine andere kann das so. Nur, es reicht vielleicht nicht mehr.

Winona hätte eine Queen des Underground-Films werden können. Sie hätte sich auch mal auf gemeine Rollen einlassen können wie Christina Ricci oder Kate Winslet. Oder sie hätte Romane schreiben können wie ihr Kollege Ethan Hawke aus "Reality Bites". Nachfragen zu all dem weicht sie aus. Schreiben könne sie nicht, weil sie dann "zu viel ausplaudern" würde von anderen berühmten Freunden.

Ihre Krise ist unausgesprochen immer Thema. "Familie und Freunde halten mich heute am Boden." Und gute alte Musik, die ihr Kraft gebe. "In Klubs bekomme ich Platzangst. Ich gehe auf Konzerte, höre Musik wie Neil Young oder die Replacements. In dieser Ära bin ich irgendwie stecken geblieben." Ryder schien immer ein Star zu sein, der nahbar ist. Als könne man sich einfach zu ihr setzen und plaudern. Und: Man kann. Sie lässt sich sogar Ausgehtipps für Berlin aufschreiben. Aber sie betont ihre alte und neue Coolness etwas über: "Ich sehe mich nicht als Star, sondern einfach als ein Mädchen."

So gleitet jede Frage an ihr ab. Wir reden eine entzückende Viertelstunde lang, doch die Sätze auf dem Tonband sind praktisch wertlos.

Was inspiriert sie?

"Bücher und alte Filme."

Warum hat der Diebstahl vor zehn Jahren ihr so viel Ärger gemacht?

"Das ist so lange her, ich erinnere mich kaum noch."

Was will sie noch erreichen?

"Ich bin einfach nur dankbar, wieder mitzumachen. Ich bin in einer Phase der Dankbarkeit."

Als das Gespräch vorbei ist, sage ich: Die Zeit geht aber schnell vorbei. Da seufzt sie besonders tief. "Oh ja, das tut sie." Das war's. Winona zeigt auf ihre Tasse und jammert: "Der Cappuccino, jetzt muss ich schon wieder." Wieder wird sie von zwei Assistenten geführt. Für mich bleibt sie die Größte. Ich weiß nur nicht mehr so genau, warum.

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