Einen ersten Plakatentwurf gibt es bereits. Da steht, am Ende eines langen Tunnels, ein Minenarbeiter, der sich mit langsamen Schritten nach vorne tastet. „Los 33“ steht darüber: „Die 33 – nach einer wahren Begebenheit.“ Die Bergung der 33 verschütteten Minenarbeiter in Chile war noch nicht zu Ende, da wurde schon ein erstes Filmprojekt bekannt. Der chilenische Regisseur Rodrigo Ortuzar arbeitet bereits daran. „Es ist eine großartige Geschichte“, schwärmt er. Er will nicht nur von der Tragödie der Verschüttung erzählen, sondern auch über das neue Leben nach der Bergung. Und um auch jeden Verdacht im Keim zu ersticken, dass hier eine Tragödie nur kommerziell ausgeschlachtet werden soll, gab Ortuzar sogleich bekannt, dass er die Einnahmen aus dem Film einer Stiftung zur Verfügung stellen wolle, die die Zukunft der Söhne der Minenarbeiter sichern soll.
Verfilmungen realer Tragödien sind keine Seltenheit. Man denke nur an die deutsche Fernsehproduktion „Das Wunder von Lengede“ (2003), die ebenfalls von verschütteten Minenarbeitern erzählte und die Dramaturgie des neuen Films vorgeben könnte. Allerdings bezog sich dieser Zweiteiler auf ein historisches Unglück, das 40 Jahre zuvor geschehen war. Man denke auch an „Überleben“ (1993), eine Hollywoodproduktion mit Ethan Hawke über ein Rugby-Team, das nach einem Flugzeugunglück in den Anden verschollen ist. Auch das bezog sich auf einen realen Fall, der 21 Jahre alt war. Nur fünf Jahre nach dem 11. September 2001 hatte Oliver Stone den Feuerwehrleuten, die damals ums Leben gekommen waren, mit seinem Film „World Trade Center“ ein Denkmal gesetzt. Immer schon also wurden reale Katastrophen verfilmt. Nur die Zeit zwischen dem realen Geschehen und seiner filmischen Rekonstruktion scheint immer kürzer zu werden. Und wird im Fall von Chile auf die Spitze getrieben, wenn das Ende des Dramas gar nicht erst abgewartet wird.
Filmrechte bis zu 500.000 Dollar
Dies spiegelt wohl nur die Medienhysterie wieder, die sich derzeit in der Wüste von Atacama abspielt. Mehr als 1600 Journalisten haben sich hier angesiedelt, auf jeden der 33 Verschütteten kommen also 50 Journalisten. Anfangs haben die Angehörigen der Grubenarbeiter noch gerne mit ihnen zusammengearbeitet; sie nutzten das öffentliche Interesse, um Druck bei der Suche und der Bergung zu machen zu können. Daraus ist indes ein Selbstläufer geworden, der alle Beteiligten überrollt.
Jede Wendung der Geschichte wird von allgegenwärtigen Kameras übertragen. Und auch die Bergarbeiter übermitteln aus der Tiefe Videoaufnahmen an ihre Familien. Noch unter Tage wurden die 33 bereits via Telefon stundenlang darauf vorbereitet, wie sie oben, in Freiheit, mit den Medien umgehen sollen. „Wir machen Scheininterviews“, erklärt Alejandro Pino, der örtliche Sicherheitsvorsteher, „wir sprechen über Gesichtsausdrücke und wie man mit den Händen kommuniziert.“ Auch hier also werden die späteren Bilder schon vor-inszeniert.
Die Geschichte folge in gewisser Weise den Regeln einer Reality-Show“, sagt Mauricio Tolosa, ein Kommunikationswissenschaftler aus Santiago: „Eine eingeschlossene Gruppe, eine Kamera, die ihnen folgt und eine Auswahl an Bildern, bei der niemand weiß, nach welchen Kriterien sie getroffen wird.“ Nur gebe es hier, anders als bei einer Reality-Show, keine ausdrückliche Zustimmung der Beteiligten zur Verbreitung der Bilder.
Die Jagd darauf hat dennoch schon eingesetzt. Den Angehörigen, die oben auf ihre Männer und Väter warten, werden bereits Buch- und Filmangebote gemacht. Sie haben, wie Arnoldo Plaza Vega, der Cousin eines Verschütteten, verriet, sogar schon Anwälte eingeschaltet, die die Rechteverhandlung betreuen sollen. Auch die Verschütteten haben bereits eine mündliche Erklärung abgegeben, was sie publik machen wollen und was nicht – und wollen das von einem Notar amtlich beglaubigen lassen. Plaza will sogar „schon von Angeboten bis zu 20.000 Dollar für das erste Exklusivinterview“ gehört haben. Und das ist erst der Anfang. Die Fernsehrechte für die Story könnten 50.000 bis 100.000 Dollar wert sein, prognostiziert Scott Manville, Gründer von TVFilmRights.com, einer Internet-Plattform, die sich auf den Kauf von Real-Life-Geschichten spezialisiert hat. Die Filmrechte schätzt Manville gar auf einen Wert bis zu einer halben Million.
Dieser Film kann nur von einem Chilenen gedreht werden
„Dieser Stoff schreit geradezu nach einer Verfilmung“, sagt auch einer, der es wissen muss: Nico Hofmann. Seine Produktionsfirma Teamworx hat schon viele historische Begebenheiten („Der Tunnel“, „Die Luftbrücke“) erfolgreich verfilmt. Er findet es keinesfalls zynisch, dass man schon jetzt über eine Adaption nachdenkt: „Es hat ja diese weltweite Aufmerksamkeit.“ Zynisch wäre es allerdings, „wenn es jetzt nur darum geht, wer am schnellsten die Rechte bekommt und das dickste Scheckbuch zückt.“ Hofmann hofft denn auch, dass am Ende kein großes Hollywoodstudio daraus einen Blockbuster generieren wird. „Es wäre stark, wenn ein Film darüber aus Chile käme. Es geht ja um weit mehr als um dieses Grubenunglück. Es geht um die Verbundenheit mit dem Land, um das Selbstbewusstsein und den Nationalstolz eines Staates.“ Damit bricht Hofmann eigentlich eine Lanze für Ortuzars „Los 33“-Projekt.
Zugleich betont der Erfolgsproduzent aber, dass er selber so etwas noch nie gemacht hat. Hofmann hat sich immer erst mit gebührendem zeitlichem Abstand mit derlei Stoffen befasst. Er wäre „emotional auch gar nicht fähig“, schon gleich auf die Angehörigen zuzugehen. Und er befürchtet, dass es im aktuellen Preisgeschacher nur um den rein merkantilen Vorgang geht – und nicht darum, wie man eine solche Geschichte am besten erzählt.



