„Wir sind die Trümmerfrauen des Grand Prix. Jetzt liegt es an uns, für blühende Landschaften in der deutschen Musik zu sorgen“, analysierte Stefan Raab am Mittwoch Abend unseren musikalischen Status quo in Europa. Tatsächlich ist der Erfolg deutscher Interpreten beim (früher: Grand Prix Eurovision de la chanson) in den letzten Jahren mit nur mit euphemistischen Attributen zu ertragen.
2009 waren immerhin fünf andere Länder unbeliebter als der Auftritt des Duos Alex Swings Oscar Sings, dem selbst der Striptease-Auftritt von Dita van Teese nicht half. 2008 war immerhin keine andere gecastete Girlgroup besser, als die No Angels. Aber es war auch überhaupt niemand schlechter, sie wurden auf blamable Weise Letzte.
Um einen weiteren Flop für Deutschland beim Eurovision Song Contest 2010 zu vermeiden, hat der NDR Stefan Raab ins Boot geholt, der, ganz ohne Euphemismen, als die größte, wenn nicht gar einzige, Hoffnung auf weniger Peinlichkeit gelten darf. Schließlich hat Raab bei seinen drei Teilnahmen stets eine Top-Ten-Platzierung erreichen können: 1998 komponierte er Guildo Horn auf Platz sieben, er selbst errang 2000 Platz fünf mit „Wadde hadde dudde da“ und castete 2004 den bis dahin unbekannten Max Mutzke, der mit Raabs Song auf Platz acht landete.
Nun präsentierte Raab das Konzept, mit dem es gelingen könne, einen deutschen Bewerber auf einen der ersten zehn Plätze beim Finale in Oslo zu bekommen. Dafür hatte er in das Zentrum der deutschen Demokratie geladen: In den Reichstag.
Raab ändert den Vorentscheid grundlegend: Er hat sich eine neue Casting-Show ausgedacht, bei der die Zuschauer aus 20 Kandidaten in acht Sendungen über den deutschen Teilnehmer für den Eurovision Song Contest abstimmen lassen. Dafür hat sich die ARD erstmals mit einem Privatsender zusammengetan.
„Das ist eine nationale Aufgabe von historischer Tragweite“ stuft Raab den diesjährigen Vorentscheid ein. Für die Show mit dem Titel „Unser Star für Oslo“ wurden aus 4500 Bewerbungen 20 Kandidaten ausgewählt. „Vom Niveau brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, dass wir die letzten Jahre noch toppen“, versicherte er.
In der Show-Jury, deren Vorsitz Raab innehaben wird, sitzen prominente Musiker aus dem Bekanntenkreis Raabs, „kompetente Fachkräfte des deutschen Entertainments“, wie er sagt – darunter Marius Müller Westernhagen, Xavier Naidoo, Jan Delay, Sasha, Joy Denalane und Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß. „Wir wollen mit dieser Besetzung zeigen, dass wir es wirklich ernst meinen.“
Die Entscheidung fällen werden jedoch die Zuschauer. Sie bestimmen per Telefon und SMS, wer am Ende der acht Shows das Ticket in die norwegische Hauptstadt lösen darf und mit welchem Song der Künstler antreten wird.
Ob Raab selbst einen Song zur Show betragen wird, sei noch nicht klar: „Es ist möglich, dass ich einen Titel schreibe. Es muss erstmal zum Interpreten passen. Ich will ja keinem mein Lied aufdrücken. Das passiert in anderen Shows, aber hier nicht.“
Dass Raab ein Händchen für Musikwettbewerbe und – talente hat und diese ernst nimmt, ist unbestritten. Drei Mal mischte er erfolgreich beim Grand Prix mit, initiierte den Bundesvision Song Contest mit bekannten deutschen Bands und Sängern sowie weitere Musik-Contests und „entdeckte“ Nachwuchssänger wie Max Mutzke und Stefanie Heinzmann. Seine Gewinner waren keine Kandidaten, „die dem üblichen Popsternchen-Klischee entsprechen“, so Raab. Er wolle jemanden aufbauen, der nicht sofort wieder vergessen wird und erwähnt, dass Max Mutzke bereits sein viertes Album aufnehme.
Die acht Live-Shows (Auftakt ist am 2. Februar) werden von einem Duo moderiert: ProSieben-Mann Matthias Opdenhövel („Schlag den Raab“) und 1Live-Moderatorin Sabine Heinrich, die den ARD-Part in der Show übernimmt. „Unser Star für Oslo“ ist eine bisher einmalige Zusammenarbeit zwischen dem Ersten, ProSieben und den Popwellen der ARD-Radios.
ARD-Programmdirektor Volker Herres verteidigte die Kooperation mit dem Privatsender mit einem Wort Kaiser Wilhelms II.: : „Wenn es um eine nationale Aufgabe geht, dann kenne ich keine Konkurrenten mehr, dann kenne ich nur noch Deutschland.“ Raab versichtert: „Es ist keine Zweckgemeinschaft sondern eine Liebesheirat.“
Dass da wirklich so viel Liebe im Spiel ist, lässt sich anzweifeln. Der erste Versuch, diese Kooperation mit ProSieben auf die Beine zu stellen, war an den ARD-Intendanten gescheitert. Doch die Öffentlich-Rechtlichen wussten: Es geht nur mit Raab. Also wurde in aller Stille nachverhandelt.
Ergebnis: Sechs der acht Sendungen werden auf dem Privatsender ausgestrahlt, für das Erste bleiben ein Halbfinale und das Finale übrig. Raab sagte dazu: „Ich finde, wer nicht alle zwei Monate seine Meinung ändert, hat keinen Fortschritt zu verzeichnen.“





