Grand Prix

Dita von Teese – Das ist Sex. Und noch viel mehr

Das waren noch Zeiten, als Nicole in Rüschenbluse "Ein bisschen Frieden" trällerte und für Deutschland den Sieg beim Eurovision Song Contest holte. Heute muss es ein bisschen mehr sein – aber plumpe Erotik ist nicht gefragt. Deutschland hat mit Dita von Teese bemerkenswert guten Geschmack bewiesen.

Das war ein kluger Schachzug von Musikproduzent Alex Christensen und Sänger Oscar Loya, die als Duo „Alex swings Oscar Sings“ Deutschland beim Eurovision Song Contest in Moskau vertreten werden. Christensen hatte wohl rechtzeitig erkannt, dass die Swing-Nummer „Miss Kiss Kiss Bang“, mit der er und Loya das europäische TV-Publikum beeindrucken wollen, dringend einer choreographischen Aufhübschung durch einen internationalen Star bedurfte.

Und so überzeugte er niemanden geringeren als Dita von Teese, dem eher lahmen und uninspirierten Song durch die exquisite Aura ihrer Bühnen-Performance wenigstens optisch etwas auf die Sprünge zu helfen. Mit ihr streift nun ein Hauch von Weltniveau die triste deutsche Schlagerwelt.

Dita hatte vor ihrer Zusage freilich erst einmal eingehend prüfen müssen, was dieser Eurovision Song Contest eigentlich sei, und wie vielen Zuschauern sie ihren erlesenen Körper bei diesem Anlass überhaupt präsentieren könne. Die Amerikanerin, die als Heather Renée Sweet am 29.September 1972 in Rochester Michigan zur Welt gekommen ist, hatte von dem europäischen Fernseh-Traditionswettbewerb vorher nämlich noch nie gehört.

Sie selbst ist umgekehrt aber nicht mehr nur in den USA, sondern auch in Europa längst eine Berühmtheit und beglückte unter anderem bereits den Wiener Opernball mit ihrem Auftritt. Und das, obwohl Society-Reporter und Kolumnisten sich hierzulande noch immer schwer damit tun, eine Bezeichnung für das zu finden, was genau die aparte Brünette eigentlich beruflich treibt.

So liest man oft, Dita sei eine „Edel-Stripperin“, weil sie sich durchaus effektvoll auszuziehen versteht und sich gerne auch einmal ganz oder fast nackt zeigt. Nun gehört Striptease der gediegenen Art durchaus zum Repertoire der von Teese. Doch was Dita, die unter ihrem bürgerlichen Namen Heather Sweet auch schon in über einem Dutzend Filmen als Schauspielerin mitwirkte, zu bieten hat, geht weit darüber hinaus.

Die Künstlerin selbst schlägt in ihrem Bildband „Die Kunst der Burlesque“ als mögliche Tätigkeitsbeschreibung Bezeichnungen wie „Showgirl“, „exotische Tänzerin“, „erotische Tänzerin“ „Effeuilleuse“ oder „Burlesque Queen“ vor. Am genauesten ist sie wohl als eine Virtuosin der „New Burlesque“ beschrieben.

Diese Stilrichtung versteht sich als eine Wiederbelebung jener Theaterform der „Burlesque“ oder Burleske, die sich in den USA der 1930er Jahre großer Beliebtheit erfreut. Die Burleske, die sich vom französischen Wort „burle“ für Scherz oder Spaß herleitet, hat eine lange, ehrwürdige Tradition, die bis zu den Lustspielen des Aristophanes zurückreicht. Sie setzt auf possenhafte Überzeichnung und karikaturhafte Übertreibung der Wirklichkeit.

Dita von Teeses Darstellungen zitieren die grellen Effekte der Groteske freilich nur, um sie augenzwinkernd in ebenso hoch erotische wie hoch artifizielle poetische Bilder zu überführen. So etwa, wenn sie sich – ihre wohl berühmteste Nummer – lustvoll in einem gigantischen Champagnerglas räkelt. Doch nicht nur in Bühnenshows, in denen man sie als eine Nachfahrin des erotischen Ausdruckstanzes interpretieren könnte, zeigt Dita ihre schier unbegrenzten Verkleidungs- und Verwandlungskünste. Sie posiert auch auf inzwischen über 10.000 selbst produzierten und selbst inszenierten Fotos als eine Art postmoderne Reinkarnation des klassischen Pin-up-Girls.

Nicht von ungefähr erzielte Dita ihren Durchbruch zu breiter Popularität 1991 durch eine Serie von nachgestellten Fotos von Betty Page, der dunkelhaarigen, rassig-herben Pin-up-Königin der 1950er Jahre. Im prüden Nachkriegs-Amerika gab Betty Page strafbedürftigen Männern (und abenteuerlustigen Frauen) Futter für ihre heimlichen Fantasien, indem sie den auf Aufstieg und Familienwerten geeichten Mittelstandseelen mit Fetisch-Symbolen wie Lackstiefeln, schwarzen Nylons und Reitpeitsche einheizte. Die Leidenschaft für Fetisch-Outfits teilt Dita von Teese mit ihrem Vorbild, posiert gerne in Leder und Latex und mimt auch hier und da eine nach allen Regeln der Kunst des Bondage gefesselte, angstvolle Jungfrau.

Dabei ist sie jedoch auf charmante Weise bemüht, vermeintliche sexuelle Perversionen aus der Schmuddelecke zu befreien und den ungewöhnlichen Spielarten von Erotik und Sexualität die Würde poetischer Zärtlichkeit zukommen zu lassen.

So erzählt sie in ihrem Bildband die Geschichte des Besuchers einer privaten Nachtclub-Vorstellung, der sie bat, nicht zu tanzen, sondern ihm statt dessen zu erlauben, ihren hübschen Fuß in die Hand nehmen und eingehend betrachten und bewundern zu dürfen. Dita ließ ihn gerührt gewähren. „Ich hob meinen linken Fuß genau auf seine Hände. Er hatte sie so aufgehalten, als wären sie ein Kissen, auf das ein Edelstein gelegt werden sollte.“ Später habe er ihr gesagt, „dass seine Frau, wenn sie wüsste, was er gerade gemacht hatte, wütender wäre, als wenn er mit mir geschlafen hätte.“ Da sei es ihr gedämmert, „welche Macht ein Fetisch besitzt.“

Ob als drohend dreinblickende, rutenschwingende Domina oder als fröhlich-naives Cowgirl mit Cowboyhut im knappstem Lederkostüm, das auf einem Heubündel reitet, ob als von riesigen Federboas umwehte Diva oder als lasziv lockend vom Leopardenfell aufblickende Femme Fatale – Dita lässt bei ihren Selbstinszenierungen kein Projektionsbild der Frau als Objekt der Begierde und der Anbetung aus. Äußerst sexy ist sie dabei stets, doch ihre erotischen Darstellungen sind auch stets in das Licht milder, schelmischer Ironie und Satire getaucht. Schon alleine deshalb haben sie nichts Billiges oder Pornographisches an sich. Die Sexualität präsentiert sich bei ihr als ausgelassenes Spiel der Fantasie und der fröhlichen Lust an der Verwandlung.

Obwohl Dita ihre Kunst als reines Entertainment betreibt und keine subversiv-antibürgerlichen Absichten damit verfolgt, tat sie sich für einige Jahre mit Marilyn Manson zusammen, jenem Schock-Rocksänger, der konservativen Eiferern in den USA für einige Jahre als der verkörperte Antichrist gegolten hat. Marilyn Manson hat in seinem Künstlernamen amerikanische Obsessionen und Abgründe zusammengeführt, indem er die Namen Marilyn Monroe und Charles Manson kombinierte, jenes Anführers einer satanistischen Hippie-Kommune, die 1969 einen grausamen Ritualmord an der Schauspielerin Sharon Tate und ihrem ungeborenen Kind beging.

Weil Marilyn Manson – in seiner düsteren Art auch ein Vertreter der „New Burlesque“ – in seinen Performances mit den finstersten Gewaltpotenzialen der Gesellschaft spielt, wurde er von religiösen Sittenwächtern als Schuldiger an dem Schulmassaker von Littleton 1999 ausgesucht, und es begann eine groteske landesweite Kampagne für das Verbot seiner Platten und Konzerte. Es hat aber sicher nichts mit dieser inzwischen wohl längst im Sande verlaufenen Hetzjagd zu tun, dass Dita, die Marilyn Manson, Ende 2005 geheiratet hatte, nach nur gut einjähriger Ehe schon wieder die Scheidung einreichte. Von wilden Drogenpartys- und nächten ihres Gatten, die sie nicht mehr ausgehalten habe, war in informierten Kreisen die Rede, auch von bohrender Eifersucht des ansonsten strikt unkonventionellen Provokateurs.

„Sex sells“, lautet die Parole, die seit einigen Jahren mit voller Wucht auch den einstmals bieder braven Eurovision Song Contest ergriffen hat. Lichtjahre entfernt scheinen die Zeiten zu sein, da die sechzehnjährige Nicole mit züchtig geschlossener Rüschenbluse und mit der Klampfe in der Hand ihr kindliches Liedlein „Ein bisschen Frieden“ trällern und damit den Sieg davontragen konnte. Das war 1984, und es war der bisher letzte deutsche Triumph bei Eurovisions-Grand Prix.

Nachdem in den vergangenen Jahren weder der ölige Charme von Möchtegern-Swinginterpret Roger Cicero noch die vermeintliche Sinnlichkeit des Damen-Quartetts „No Angels“ bei der europäischen Teleöffentlichkeit verfangen hat und die deutschen Beiträge jeweils auf den letzten Plätzen landeten, muss nun auch Deutschland schärfere visuelle Geschütze auffahren. Doch mit der Wahl Dita von Teeses als Blickfang haben die Deutschen bemerkenswert guten Geschmack bewiesen.

Während man beim Eurovision Song Contest längst eher erotische Animation der grelleren und plumperen Art gewohnt ist, wird mit Dita eine hochkultivierte Meisterin der erotischen Darstellungskunst in den Ring steigen. Obwohl sie Sex der höchsten Erregungsstufe ausstrahlen kann, ist sie selbst doch alles andere als das, was man früher eine Sexbombe genannt hätte.

Auch wenn ihr Körper durchaus wohl proportioniert ist, gleicht sie im „Rohzustand“ eher dem attraktiven Mädchen von nebenan als dem typischen vollbusigen Playboy-Centerfold-Girl. Und um an das Ideal eines Top-Models heranzureichen, ist Dita um Etliches zu kurz. Was sie als umwerfende Dita von Teese ausstrahlt, ist das, was mit in ihren Verkleidungen und Rollenspielen aus sich macht. In Perfektion führt sie damit vor, wie weit der raffinierte schöne Schein auch auf dem Feld der Erotik unvermittelter Direktheit überlegen ist.

Der Pflege dieses schönen Scheins ist Dita von Teese ganz und gar verpflichtet, bis ins Privatleben hinein „Sie würden mich nie in Jeans und T-Shirt, ungeschminkt und mit Pferdeschwanz irgendwo treffen“, beteuerte sie einmal in einem Interview. „Im Jogginganzug die Haustür öffnen? Unmöglich! Ich würde mich wie verkleidet fühlen. Das bin nicht ich. Ich liebe es, mich aufwendig zu schminken und schöne Mode anzuziehen – auch privat. Das erfordert viel Disziplin, aber ich tue es freiwillig.“

Morgenpost Online berichtet live am Samstag abend über das Finale des Eurovision Song Contests.

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