Die an Unterernährung gestorbene fünfjährige Lea-Sophie aus Schwerin hat kurz vor ihrem Tod angeblich nur noch sieben Kilogramm gewogen. Das berichtete die „Schweriner Volkszeitung“ am Donnerstag unter Berufung auf Mediziner der Klinik, in die das Kind eingeliefert worden war. Eine Ärztin berichtete demnach von Hungerödemen und offenen Wunden am Körper des Mädchens, die Haare seien büschelweise ausgefallen. Das Mädchen müsse tagelang in Fäkalien gelegen haben. Die Eltern wurden festgenommen. Unterdessen wurde Kritik an den Behörden laut.

Ein fünfjähriges Mädchen sollte nach Angaben von Ärzten zwischen 15 und 20 Kilogramm wiegen. Das Gewicht des Kindes entsprach demnach eher dem eines Säuglings. Bewohner des Hauses, in dem das Mädchen mit seinen Eltern gelebt hatte, reagierten schockiert. Im NDR-Radio sagte ein Anwohner, er sei entsetzt und hätte so etwas nicht für möglich gehalten.


Zahlreiche rote Kerzen brannten am Donnerstag vor dem Eingang des Hauses, in dem die kleine Lea-Sophie lebte. Passanten hatten ein Plüschherz und einen Teddy dazugelegt. Auf ein Holzschild hatte jemand „Warum?“ geschrieben und ein Zeitungsfoto von Lea-Sophie dazugeklebt. Im vierten Stock unter dem Dach hatte die Familie seit Anfang 2006 gewohnt. Kurz zuvor war der ehemalige Plattenbau-Block im Stadtteil Lankow saniert worden.


Die 23-jährige Mutter und der 26 Jahre alte Vater sollten am (heutigen) Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt werden. Beide wurden am Mittwoch wegen des dringenden Tatverdachts der Tötung durch Unterlassung vorläufig festgenommen. Eine Obduktion der Leiche der Fünfjährigen sollte die genaue Todesursache klären.

Kritik an Behörden


Die Stadt Schwerin teilte mit, die Familie sei dem Jugendamt bekannt gewesen. Die Sozialarbeiter hätten in dem Fall nach den gesetzlichen Vorschriften gehandelt. Der NDR berichtete hingegen von einem Hinweis darauf, dass das Jugendamt über einen Vernachlässigungsfall in der Familie informiert war: Der Vermieter sagte demnach, das Jugendamt habe sich vor etwa zwei Wochen an ihn gewandt, um einem entsprechenden anonymen Hinweis aus dem Haus nachzugehen.

„Das Jugendamt hat das Kind vor zwei Wochen besucht. Ich kann mir schwer vorstellen, dass da nichts bemerkt wurde,“ sagte der Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren, Georg Kohaupt, am Donnerstag im ZDF-Morgenmagazin. Bei Verdacht auf Kindesmissbrauch seien nicht nur die Jugendämter gefordert: „Auch Frauenärzte, Geburtskliniken und Hebammen sollten aufmerksam sein und gegebenenfalls aktiv werden.“

Die Eltern von Lea-Sophie haben nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch einen zwei Monate alten Sohn. Nach Informationen des NDR lebten sie außerdem mit zwei Hunden und mehreren Katzen in der Plattenbausiedlung.

Das Kind war nach der Alarmierung des Notarztes in der Wohnung gefunden worden. Der Vater soll ihn gerufen haben. Bei der Aufnahme im Krankenhaus habe das Mädchen erhebliche Unterernährung, starken Flüssigkeitsverlust und Rötungen am Hals aufgewiesen, hatte der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier, mitgeteilt.

Der Fall erinnert an den Tod der kleinen Jessica aus Hamburg: Das Mädchen war am 1. März 2005 gefunden worden. Völlig abgemagert und entkräftet war es an Erbrochenem erstickt. Die Eltern wurden zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt.

AP/cor