TV-Kritik

Wenn Veronica Ferres zurückschießt

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Zander

In einem aufwendigen RTL-Dreiteiler wandelt sich Veronica Ferres von der Hausfrau zur "Patin". Herausgekommen ist ein für deutsche TV-Verhältnisse ungewohnt spannender Thriller. Frau Ferres spielt so gut wie lange nicht mehr. Nur an dem völlig unglaubwürdigen Finale krankt die Produktion.

Bis vor kurzem war die Welt noch in Ordnung für Veronica Ferres. Privat führte sie eine Musterehe mit dem Werbemanager Martin Krug. Im Fernsehen war sie der Gutmensch schlechthin, in Filmen wie „Neger, Neger, Schornsteinfeger“, wo sie in der Nazi-Zeit um ihr farbiges Kind kämpfte, oder in „Die Frau vom Checkpoint Charlie“, wo sie zur DDR-Zeit um die Freilassung ihrer Kinder kämpfte. Zudem engagierte sie sich in dem von ihrem Mann gegründeten Verein Power Child für die Prävention von sexueller Gewalt gegen Kinder. Die Heilige Vroni der deutschen Society.

Plötzlich ist alles anders. Erst stellte die „Park Avenue“ das soziale Engagement von Power Child in Frage. Dann gab das Musterpaar seine Trennung bekannt: „Vielleicht waren wir zu viel für andere da und hatten zu wenig Zeit für uns selbst.“ Und nun ist Veronica Ferres als knallharte Königin der Unterwelt zu sehen. Nichts mehr mit der Mater Dolorosa des deutschen Fernsehens! Imageknick und Imagewandel prallen direkt aufeinander. Ein ganz schlechtes Timing.

Der Sender soll, so war zu lesen, nicht glücklich sein, dass er nun den ersten Ferres-Film „danach“ ausstrahlt. Dabei gibt der Trubel um die Privatperson der acht Millionen Euro schweren Prestigeproduktion doch nur zusätzliche Publicity. In der Öffentlichkeit steht die Ferres vor den Trümmern ihrer Ehe. In „Die Patin“ ebenfalls. Da hat sie anfangs noch Sätze zu sagen wie „Wir sind eine Familie. Eine ziemlich gute. Und die zerbricht nicht.“ Aber dann kommt sie hinter die Geheimnisse ihres Mannes. Kommt dahinter, dass er, um im Jargon zu bleiben, zu viel für andere da war und zu wenig Zeit für die Familie hatte. Es ist in diesem Dreiteiler sogar von einem Verein die Rede, „Spessart“ mit Namen, in dem ehrenwerte Menschen nicht ganz so ehrenwerte Geschäfte betreiben.

Eine ganz gewöhnliche Hausfrau

Mit Lust darf man sich also in Spekulationen auf Analogien verlieren. Nur eines ist klarer Etikettenschwindel: Veronica Ferres ist keine Patin. Keine weibliche Version von Marlon Brando. Sie ist eine ganz gewöhnliche Hausfrau. Wenn sie ein Angebot macht, das man nicht ablehnen kann, beschränkt sich das auf eine Pizza zum Kindergeburtstag. In der ersten Szene spielt sie Blinde Kuh, sind ihr die Augen verbunden. Das Bild hat Signalcharakter für die kommenden fünf Stunden. Denn schon bald werden ihr die Augen geöffnet.

Erst taucht überraschend ihr Gatte auf, der stets auf Dienstreisen ist. Dann kommt die Steuerfahndung und verhaftet ihn. Und nach und nach erfährt sie, dass er nicht etwa Schulden gemacht oder Steuern hinterzogen hat. Er hat ganz krumme Dinger gedreht, in großem Stil. Und: Eine andere Frau hat ihn dabei stets begleitet – und sich als Gattin ausgegeben. Das kleine Glück daheim, das zur Hauptsendezeit so gern zelebriert wird, es wird hier in den ersten Minuten zerstört. Und da die Kamera immer hautnah an Veronica Ferres klebt, sind wir immer auf der Seite dieser Katharina Almeda. Die sieht sich bald unvermutet zwischen allen Fronten: Da ist die Russenmafia und eine konkurrierende Bande in Marseille, da ist das BKA und der BND, die beide gegeneinander arbeiten. Und da sind noch der Anwalt des Mannes und die dubiose andere Frau, die einen eigenen Plan verfolgen.

Das Vorbild zur „Patin“ war die Rolle von Catherine Zeta-Jones in Steven Soderberghs „Traffic“. Eine ahnungslose Frau, die nach der Verhaftung ihres Mannes dessen kriminelle Machenschaften weiterführen musste. Das wollte Drehbuchautor Christoph Darnstädt auf deutsche Verhältnisse übertragen. Mit dem Bild im Kopf, dass sie einen Geldkoffer schmuggeln und dabei über Hausaufgaben grübeln sollte.

Herausgekommen ist ein für deutsche TV-Verhältnisse ungewohnt spannender, gutgemachter Thriller, der es auch mit internationalen Produktionen aufnehmen kann. Er ist allerdings so rasant inszeniert, wartet mit so vielen überraschenden Wendungen auf und wechselt so oft die Schauplätze zwischen Wiesbaden, Marseilles, Paris, Moskau, Genf, Wien, Budapest etc., dass Gabi Mustermann zuhause, wenn sie während des Films die Wäsche bügelt, wohl nicht immer folgen kann. Außerdem gibt es eine für hiesige TV-Verhältnisse ungewohnt hohe Sterberate. Wir kamen bei flüchtigem Zählen auf 23 Tote, gut möglich, dass wir dabei einige übersahen.

Das Muttertier wird zum Kampfstier

Ganz lange ist diese Katharina Almeda die Blinde Kuh, die ahnungslos über Leichen stolpert. Eine Heldin wider Willen, wie in den besten Hitchcockfilmen. Als dann auch noch ihr Sohn entführt wird, ist indes kein Halten mehr. Da wird das Muttertier zum Kampfstier. Nimmt die MG in die Hand und schießt. Und Frau Ferres legt kommentierend nach: „Ich bin überzeugt davon, dass jede Mutter im Zweifelsfall für das Wohl ihrer Kinder Gesetze überschreiten würde.“

Wie sie am Ende, zwei Kinder und einen senilen Vater im Schlepptau, mit den Kriminellen umspringt, das hat Klasse. Selbst Frau Ferres, man mag von ihr halten, was man will, ist so gut wie lange nicht. Auch wenn sie manche Szenen verschludert. Sie braucht starke Regisseure, die sie zu leiten vermögen. Ihre letzten Filme waren aber reine Starvehikel, ganz auf sie zugeschnitten; und Miguel Alexandre, der Regisseur der „Patin“, ließ sie schon in „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ machen.

Doch nicht daran krankt der Dreiteiler, sondern an seinem völlig unglaubwürdigen Finale. Die ganze Zeit fragt sich der Zuschauer, wie sich der Mix aus Hausfrauendrama und Genre-Action auflösen soll. Die Filmemacher wussten am Ende wohl auch keine Patentlösung. Immerhin: „Das bisschen Haushalt ist doch kein Problem“, trällerte Johanna von Koczian vor gut 30 Jahren. Das bisschen Mafia auch nicht, wie Frau Ferres uns heute lehrt.

"Die Patin" läuft am 14., 15. und 17. Dezember jeweils um 20.15 Uhr auf RTL.