Katharina Almeda dachte, sie würde zum Geburtstag ihrer Tochter ein Gartenfest geben, eine Riesenpizza servieren und Topfschlagen spielen, während ihr Gatte Max, ein erfolgreicher Unternehmer, wegen eines Geschäftstermins in Genf weilt. Doch plötzlich steht Max mit Katharina im Garten, flüstert ihr „Ich liebe dich“ ins Ohr und umarmt schnell die Kinder, weil schon die Polizei vorfährt, um Max zu verhaften. Fest geplatzt, Gäste verstört und Mann im Knast – gewiss keine einfache Situation. Doch Katharina Almeda hat Glück, sie wird von Veronica Ferres gespielt, da ist Licht am Ende des Tunnels.

Immer wenn im deutschen Fernsehen eine Welt zusammenzubrechen droht und eine Frau gebraucht wird, die sich scheinbar unlösbarer Probleme annimmt, ist Ferres nicht weit. Sie handelt, sie packt an, koste es, was es wolle. Ob es nun die Nationalsozialisten („Neger, Neger, Schornsteinfeger“) oder die Sozialisten („Die Frau vom Checkpoint Charlie“) sind, die Frauen, die Ferres spielt, schrecken selbst vor den mächtigsten Gegnern nicht zurück. In „Die Patin“ legt sie sich mit Bundeskriminalamt und Bundesnachrichtendienst an, na, wenn die wüssten, mit wem sie es da eigentlich zu tun haben.

Denn kaum ist Max Almeda in Haft schwant Katharina, dass ihr Gatte offenbar nicht der Saubermann ist, für den sie ihn immer gehalten hat. Dass er keinen florierenden Handel mit Agrargütern betreibt, dass die heile Kleinfamilienwelt der Almedas nur Kulisse und Tarnung für ein dunkles Geheimnis ist: Max Almeda führt ein Doppelleben, mit Drogen und Waffengeschäften verdient er sein Geld. Katharina ist verständlicherweise fassungslos, aber nur kurz, dann übernimmt sie die Geschäfte, von irgendetwas muss die Familie schließlich leben.

Mit Kosten von rund acht Millionen Euro ist der Dreiteiler „Die Patin“ die diesjährige Prestigeproduktion des Senders RTL. Gefilmt wurde in Deutschland, Österreich, Russland und Frankreich, die Besetzung ist dazu passend international, mit Axel Prahl, Mikael Persbrandt, Jeroen Willems und Michael Degen finden sich selbst in den Nebenrollen prominente Namen. Regie führte Miguel Alexandre, der mit Ferres bereits „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ gedreht hat. Doch dieses Mal ist kein zähes Rührstück dabei herausgekommen, sondern überraschenderweise ein ausgesucht spannender Thriller.

Drehbuchautor Christoph Darnstädt und Miguel Alexandre haben sich zur Vorbereitung offenbar gründlich amerikanische Serien wie „24“ und „Kidnapped“ angeschaut, weshalb munter von einem Handlungsort zum anderen gesprungen wird, die Geschichte unentwegt völlig unvorhersehbare Wendungen nimmt und Logikprobleme durch beeindruckende Kamerarbeit und ein hohes Erzähltempo wett gemacht werden. Im Grunde macht nichts in dem Dreiteiler Sinn, aber er lässt keine Zeit, länger darüber nachzudenken, weil man sonst den Anschluss an den hochkomplexen Handlungsverlauf verlieren würde.

Aber „Die Patin“ fordert die Zuschauer nicht nur, sie macht auch Hoffnung. Selbst wenn man sich sein ganzes Leben mit überschaubar abenteuerlichen Dingen beschäftigt hat, scheint es doch möglich zu sein, mir nichts, dir nichts ins organisierte Verbrechen einzusteigen, die Polizei mit Waffengewalt in die Flucht zu schlagen, sich Schusswechsel mit Profigangstern zu liefern sowie im großen Stil Drogenschmuggel zu betreiben. „Ach Papi, was redest du da?“, sagt Katharina Almeda ihrem grüblerischen Vater, „wir brauchen keine Hilfe, wir brauchen eine halbe Tonne Heroin.“

Das ist zwar moralisch höchst bedenklich, dafür aber ungemein pragmatisch, wie überhaupt der gesamte Dreiteiler ein Loblied auf zweckorientiertes Handeln singt. Die Folge sind etliche Todesopfer – Polizisten, Gangster, Leute, die dummerweise im Weg stehen –, doch zu keinem Zeitpunkt wird ihr Ableben beklagt, vielmehr dient ihr Tod dem guten Zweck, Katharina Almedas Kleinfamilie zu retten.

Damit spielt Veronica Ferres zur Abwechslung mal eine Figur, die nicht betulich mit moralinsaurer Miene auf dem Pfad der Tugend wandelt. Sie ist zwar wie üblich Patronin und Oberhaupt der Familie, aber immerhin eine, die mit Sonnenbrille auf der Nase und Knarre in der Hand sich aus der Wertegemeinschaft verabschiedet.

Aber die eigentliche Neuerung, die Sensation dieser Serie ist es, dass es nicht einmal nervt, Veronica Ferres bei diesem Unfug zuzusehen. Zur großen Überraschung ist diese TV-Produktion tatsächlich unterhaltsam.

"Die Patin" läuft am 14., 15. und 17. Dezember jeweils um 20.15 Uhr auf RTL.