Sanft hob die brandneue Boeing 777-300ER am Flughafen Seattle ab und begann ihren lang ersehnten Jungfernflug. Sehnsüchtig hatten die Manager der Fluggesellschaft Cathay Pacific und der US-Flugzeugbauer Boeing auf diesen Moment gewartet. Soll das neue Großraumflugzeug den Amerikanern doch einen wertvollen Vorsprung im Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Boeing und seinem ärgsten Konkurrenten, dem europäischen Flugzeughersteller Airbus, verschaffen. An Bord der Maschine befanden sich 69 Passagiere, darunter der Chef von Cathay Pacific, Chris Pratt, und diverse Top-Manager des Unternehmens. Jungfernflüge sind ein großes Ereignis für Flugzeughersteller, die mit viel Champagner, Kanapees und guter Laune gefeiert werden.


Alles schien wie am Schnürchen zu klappen. Der britische Flugkapitän Ian Wilkinson, einer der besten Piloten von Cathay Pacific, hatte die Lage im Griff. Doch plötzlich sackte die Maschine rapide ab. Mit eingefahrenem Fahrwerk raste das 230 Tonnen schwere Flugzeug mit mehr als 500 Kilometern pro Stunde auf die Landebahn zu. Einige Sekunden lang flog die Boeing 777 in nur neun Metern Höhe. Eine Katastrophe schien sich anzubahnen. Doch dann stieg der Flieger plötzlich in den Himmel auf. Im Hauptquartier von Boeing in Seattle wurde laut gejubelt.

Dieser "fly by", wie er im Pilotenjargon genannt wird, war ein kleiner Scherz des Kapitäns, der die Fluggäste amüsieren sollte. Die waren jedoch leider nicht begeistert. Unter den Passagieren soll während des riskanten Flugmanövers eisiges Schweigen geherrscht haben. Doch die Schrecksekunden waren schnell vorüber und anschließend wurde mit Champagner auf den erfolgreichen Flug angestoßen.

Ein Moment des Wahnsinns

Auch nach der Ankunft am Zielflughafen Hongkong wurde munter weiter gefeiert. Doch als bekannt wurde, dass Wilkinson bei der Fluggesellschaft keine Genehmigung für den "Spaß" eingeholt hatte, überschlugen sich die Ereignisse. Ein Video des haarsträubenden Manövers war auf der Internet-Site "You Tube" um die Welt gegangen. Cathay Pacific reagierte prompt: Wilkinson musste seinen Posten als Chefpilot mit 330 000 Dollar Jahresgehalt räumen. Der britische Co-Pilot Ray Middleton, der nicht gewusst haben soll, dass der "fly by" nicht genehmigt war, kam mit einem blauen Auge davon: Er wurde lediglich sechs Monate vom Dienst suspendiert.

"Er war ein Flug-Kapitän in einem sehr gehobenen Posten am Ende einer erfolgreichen Karriere, aber er setzte all das für einen Moment des Wahnsinns aufs Spiel", erklärte ein Mitarbeiter von Cathay Pacific dem britischen Daily Telegraph. "Wilkinson gehörte zur Elite von Cathay Pacific, und er war sicher gut mit den Managern befreundet, die an diesem Tag bei ihm im Flugzeug saßen", sagte ein Kollege des Flugkapitäns.

"Wenn sonst niemand von der Sache erfahren hätte, wäre sie vermutlich im Sande verlaufen. Aber sobald die Geschichte im Internet war, und die Luftfahrtbehörde von Hongkong Wind davon bekommen hatte, war es um ihn geschehen. Früher wurden diese "fly bys" manchmal aus Spaß an der Freud' gemacht. Aber sie sind gefährlich, egal für wie gut sich der Pilot hält", sagte der ehemalige Kollege weiter. "Denn der Pilot ist nicht dafür ausgebildet und die Flugzeuge sind nicht dafür gebaut worden. Wilkinson spielte sich auf und die meisten Piloten dürften der Ansicht sein, dass er bekam was er verdiente."


In einer später veröffentlichten Presseerklärung behauptete Cathay Pacific, dass das Flugmanöver nicht gefährlich gewesen sei. Ian Wilkinson hat bislang zu den Ereignissen keine Stellung genommen. Es heißt, dass er wegen der Kündigung rechtliche Schritte gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber unternehmen will.