Margita Neitzke steht vor ihrem kleinen Cottbuser Sommerhäuschen und weint. Erst kürzlich hat die 57-Jährige mit ihrem Sohn Mike (33) die gemeinsame Gartendatsche fertig eingerichtet – doch schon bald könnte das Spree-Hochwasser alles kaputt machen. Die Bungalowsiedlung „Luft- und Waldbad Kiekebusch“ gehört zu neun von Überschwemmungen besonders gefährdeten Gebieten in Cottbus.
Zwar hat das Technische Hilfswerk (THW) auch in der Nachbarschaft der Neitzkes schon eine lange, etwa 60 Zentimeter hohe Barriere aus Sandsäcken errichtet, falls die Spree dort über die Ufer tritt. „Die Sandsäcke müsste aber auch hinter dem Haus liegen, die Deiche dort sind sehr porös“, schluchzt Margita Neitzke.
Mike wirkt gefasst, doch auch er teilt die Sorge seiner Mutter: „Es steckt ja nicht nur sehr viel Geld, sondern auch viel Fleiß in unserem Haus.“
Anwohner Karl-Heinz Adler (59) dagegen ist optimistisch: „Ich bin zuversichtlich, dass nichts passieren wird.“ Er blickt auf einen Zollstock, der aus dem schlammigen Spreewasser ragt. „Außerdem ist der Wasserstand seit dem Morgen nicht mehr gestiegen.“ Doch auch auf eine Überschwemmung sei die Stadt „bestens vorbereitet“.
Das betont auch der Cottbuser Oberbürgermeister Frank Szymanski (SPD): „Wir haben alles Menschenmögliche in die Wege geleitet, um vorbereitet zu sein.“ 250 Mitglieder der Feuerwehr und des THW sowie freiwillige Helfer sichern die Gefahrenstellen mit Sandsäcken.
Außerdem sind etwa 130 Deichläufer im Einsatz, die den Zustand der Dämme und Wehre rund um die Uhr überwachen. „Wir können aber nicht ausschließen, dass Deiche brechen“, meint Szymanski, „denn seit dem Spree-Hochwasser 1981 wurden sie nicht mehr auf die Probe gestellt.“
Bereits am Dienstagmittag fließt deutlich mehr Wasser in der Spree durch Cottbus als gewohnt – etwa 30 Kubikmeter Wasser pro Sekunde statt zehn. Nur wenige Stunden zuvor hat nämlich der Staudamm seine Schleusen wieder geöffnet, der das Wasser einige Tage lang zurückgehalten hatte: die Talsperre Spremberg, etwa 24 Kilometer weiter südlich gelegen. Von dem Staudamm aus will Brandenburg die Wassermengen halbwegs kontrolliert auf die Reise schicken – maximal 70 Kubikmeter pro Sekunde.
Bis das Wasser Berlin erreicht, soll ein großer Teil umgeleitet, darunter im Spreewald. Das Hochwasser dürfte in der Hauptstadt am Mittwoch ankommen – aber nur zu einem leichten Anstieg des Wasserstandes um 10 bis 20 Zentimeter führen.
Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) verbreitet bei seinem Morgenbesuch an der Talsperre vorsichtigen Optimismus: „Noch können wir keine Entwarnung für die Spree geben. Das Hochwasser ist eine Herausforderung – aber keine, die uns vor unlösbare Aufgaben stellt. “
Falls in Cottbus die Lage doch noch einmal dramatisch werden sollte, hat der Krisenstab unter Szymanski schon einmal vorgesorgt. Das Katastrophenschutzlager Beeskow hat 200.000 Sandsäcke bereitgestellt. Selbst Evakuierungen von überfluteten Häusern könne man schnell organisieren. Angespannt blieb die Situation auch in Guben. Hier erreichte der Pegelstand 6,27 Meter, stagnierte dann aber. Straßen wurden überspült, eine Bundesstraße gesperrt.
In Sachsen normalisierte sich dagegen die Lage zunehmend.
Im Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau, der zum Unesco-Welterbe gehört, war das Wasser weitgehend abgeflossen. „Wir haben Glück gehabt“, sagte die stellvertretende Geschäftsführerin Cornelia Wenzel.
Die Lage an der Elbe soll – zumindest bis Donnerstag – ebenfalls entspannt bleiben. Die Landesregierung brachte ein Soforthilfsprogramm auf den Weg. „Ob jemand versichert ist oder nicht ist zunächst zweitrangig – die erste Not muss gelindert werden“, sagte Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Das Land stellt verbilligte Darlehen im Volumen von 100 Millionen Euro zur Verfügung.
Zugleich werden immer neue Details der Tragödie in Sachsen bekannt. So ertranken im Zoo von Zittau bis zu 40 Tiere im Hochwasser der Neiße. „Das Schlimmste ist, dass sie alle Namen hatten“, sagt Geschäftsführer Bernd Großer.
Wie Amadeus, der Chef der Lama-Herde. Ohnmächtig mussten die Mitarbeiter mit anschauen, wie das Wasser in den Anlagen binnen kurzer Zeit auf 2,50 Meter stieg. „Wir haben noch Tiere aus den besonders gefährdeten Bereichen retten können. Aber nicht alle“, sagt Großer.
Von elf Lamas blieb nur eins übrig. Auch Pferde, Schweine, Vögel und das Gürteltier wurden ein Opfer der Fluten. Die Lamas und Huzulenpferde dienten in Zittau zu therapeutischen Zwecken für behinderte Menschen.
Noch heute seien die Mitarbeiter mit den Nerven fertig, schildert der Tierparkchef. „Tagsüber funktionieren sie. Aber am Abend setzt bei manchen Apathie ein, andere haben Schüttelfrost und Schweißausbrüche.“
Es gebe die ganze Palette an Gefühlsausbrüchen, auch Freude, dass viele Menschen und Zoos aus ganz Deutschland ihre Hilfe angeboten haben. Und dass Tiere gerettet werden konnten. Etwa die Kronenkraniche, die scheinbar bewegungsunfähig im Wasser standen.
Kamel Mustafa ließ sich nur mit großer Mühe aus dem Wasser ziehen und wollte sich immer wieder hinsetzen. „Viele Tiere waren in Panik.“
Bis zu 40 Tiere des Zittauer Tierparks sind beim Hochwasser ertrunken. Wollschwein „Hans“ hatte Glück. Er und andere Zoobewohner werden jetzt provisorisch untergebracht.




