+++ Berliner Sonderregelungen +++
Die Hitze macht's möglich: Berliner Polizisten dürfen bei den tropischen Temperaturen ohne Dienstmütze auf Streife gehen. Auch der oberste Knopf des Hemdes könne geöffnet werden, sagte eine Polizeisprecherin. Die Vorgesetzten könnten in ihren Bereichen selbst entscheiden, wann sie die sogenannten Diensterleichterungen gewährten – ohne festgelegte Temperaturgrenze. Viele Beamte bekämen auch zusätzliche Getränke. Doch verkürzte Dienste gebe es nicht bei der Polizei. „Wir können nicht Pause machen, wenn wir einen Unfall aufnehmen oder Demonstrationen begleiten“, so die Sprecherin. Indes hat auch ein Berliner Finanzamt seinen Mitarbeitern freigestellt, wegen der Hitze nach Hause zu gehen – bevor es zum Kreislaufkollaps kommt. „Es gibt aber kein Hitzefrei für Berliner Finanzbeamte“, sagte der Sprecher der Senatsverwaltung für Finanzen, Daniel Abbou. Der Chef des Finanzamtes für Fahndung und Strafsachen hatte seinen Mitarbeitern geschrieben, sie sollten selbst entscheiden, wie lange sie sich noch dienstfähig fühlten. Diese Behörde habe keine Klimaanlage, so Sprecher Abbou. Der Leiter sei seiner Fürsorgepflicht in einer besonderen Situation nachgekommen. „Wir behandeln unsere Bediensteten besser als die Bahn einen Teil ihrer Fahrgäste.“ Derzeit werde mit der Personalrat über Hitzeerleichterungen wie einen früheren Dienstbeginn als 06.00 Uhr verhandelt.
+++ Die Aussichten für die nächsten Tage +++
Die große Hitze legt wieder eine kurze Pause ein. Nach Schwüle und Gewittern am Samstag versprechen die Meteorologen einen perfekten Sonntag: Sommerlich, trocken und mit Temperaturen um 26 Grad nicht zu heiß. Verantwortlich dafür ist Hoch „Beowulf“, das sich vom Atlantik nach Deutschland vorschiebt. Ab Montag gehe es wieder mit den Temperaturen aufwärts, Gewitter folgten zur Wochenmitte, sagte Meteorologin Dorothea Paetzold vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. „Ab Mittwoch kracht's wieder.“
„Ein Ende der Hitzeperiode ist derzeit nicht absehbar“, sagte Paetzold. Sie werde aber immer wieder von Gewitterfronten unterbrochen, lokal müsse weiterhin mit Unwettern gerechnet werden. Ergiebiger Landregen, der die völlig ausgetrockneten Böden durchfeuchten könnte, ist nicht in Sicht. Gewittergüsse haben nur örtlich nennenswerten Niederschlag gebracht, so dass es fast überall in Deutschland viel zu trocken ist. In den meisten Regionen seien noch nicht einmal zehn Prozent der im Juli üblichen Regenmenge gefallen, sagte Paetzold. Der trockenste Ort ist derzeit Lechfeld (Bayern). Dort gab es seit Monatsanfang nur 1,6 Liter Regen pro Quadratmeter, normal sind im Juli 114 Liter pro Quadratmeter. Am Samstag ziehen im Westen noch einzelne Schauer und Gewitter durch, am Nachmittag scheint dann schon wieder meist die Sonne. Im Osten müsse dagegen noch verbreitet mit heftigen Gewittern gerechnet werden, die von Hagel, Starkregen und schweren Sturmböen begleitet sein können, sagte Paetzold. Während es im Westen bei 25 Grad erträglich ist, schwitzt der Osten bei Werten von bis zu 31 Grad. Wenn die Gewitter am Sonntag abgezogen sind, wird es überall wesentlich angenehmer, bevor die Temperaturen am Montag wieder Kurs auf 30 Grad nehmen.
+++ Bauarbeiter müssen sich vor Hitzschlag schützen +++
Bauarbeiter müssen bei hochsommerlichem Wetter aufpassen, dass sie keinen Hitzschlag erleiden. Dachdecker, Straßenbauer und Maurer sollten erste Warnzeichen beim Arbeiten im Freien unbedingt ernst nehmen, rät die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft in Berlin. Dazu gehören Übelkeit und Schwindel. Reagieren sie nicht rechtzeitig, kann das lebensgefährlich sein. So kommt es leicht zu Unfällen, wenn die Hitze Bauarbeiter benommen macht. Zudem kann ein Hitzschlag das Gehirn und die Nieren schädigen. Um einem Hitzschlag vorzubeugen, müssten Bauarbeiter darauf achten, dass sie genug trinken. An heißen Tagen sei es ratsam, während der Arbeit bis zu vier Liter Flüssigkeit zu sich zu nehmen - am besten leicht gekühltes Mineralwasser. Denn durch das Schwitzen fehlten dem Körper schnell Mineralstoffe. Bauarbeiter sollten außerdem ihre Haut gut vor der Sonne schützen. Untersuchungen zufolge nehmen sie durch ihre Arbeit im Freien deutlich mehr UV-Strahlen auf als andere Arbeitnehmer. Das erhöht ihre Hautkrebsgefahr. Ein Muss für Beschäftigte auf dem Bau sei daher eine Sonnencreme mit einem Lichtschutzfaktor um 30. Außerdem sollten sie nicht mit freiem Oberkörper arbeiten, um ihre Haut zu schonen. Und auch bei Hitze gehört der Helm auf den Kopf.
+++ Erdrutsche und umgestürzte Bäume +++
Jetzt ist die Unwetterfront auch in Österreich angekommen: Schwere Gewitter nach großer Hitze haben in der Nacht zum Freitag große Schäden angerichtet. Vor allem in Kärnten, Niederösterreich und der Steiermark hatten die Einsatzkräfte viel zu tun, berichteten österreichische Medien. Heftiger Regen überschwemmte Straßen und Erdrutsche lösten sich. Sturmböen mit Hagel und Starkregen fegten auch über das Kärntner Lavanttal hinweg, die Polizei musste mehrere Menschen in Sicherheit bringen. In Niederösterreich blockierten umgestürzte Bäume Bahngleise.
Im Steinernen Meer im Pinzgau im Salzburger Land wurden zwei deutsche Touristen bei einer Wanderung vom schlechten Wetter überrascht. Sie verliefen sich wegen schlechter Sicht am Gipfel des Breithorns und mussten per Hubschrauber gerettet werden. Im Burgenland ließen die Unwetter die „Zarewitsch“-Premiere bei den Seefestspielen Mörbisch platzen – die Operetten-Sänger konnten nach der Pause wegen heftiger Gewitter nicht mehr weitersingen. Auch im benachbarten St. Margarethen kam im Römersteinbruch Mozarts „Zauberflöte“ nicht mehr gegen Blitz und Donner an. Österreich hatte in den vergangenen Tagen wie Deutschland mit Werten bis zu 37 Grad unter einer ungewöhnlich starken Hitzewelle geschwitzt. Abkühlung brachten die Unwetter aber nicht: Auch am Freitag und Samstag sollte es wieder extrem heiß werden, die Wetterforscher warnten bereits vor weiteren Unwettern.
+++ In Belgien noch Tausende ohne Strom +++
Nach den heftigen Unwettern sind in Belgien am Donnerstag noch rund 5000 Menschen im südbelgischen Ciney ohne Strom gewesen. In dem Ort deckte der Sturm auch 150 Dächer ab, berichtete die belgische Nachrichtenagentur Belga. Bei den Unwettern am Mittwoch wurden mehrere Menschen verletzt, Tote gab es nicht. In den meisten Teilen des Landes lief der Zugverkehr am Donnerstag wieder wie gewohnt. Im südbelgischen Dinant wurde die Stromversorgung wiederhergestellt – dort waren zeitweise 7500 Menschen ohne Licht und Strom gewesen.
In Erquelinnes an der belgisch-französischen Grenze hatte sich ein Lastwagenfahrer am Mittwoch schwer verletzt, als ein Baum auf sein Fahrzeug fiel. In Jodoigne östlich der Hauptstadt Brüssel stürzte das Dach eines Sportzentrums ein. Dabei wurden 15 Menschen leicht verletzt. Der Regen überflutete auch mehrere Stadtteile von Brüssel. Ein Tornado fegte über den Süden und Osten des Landes, wo ungeknickte Bäume Straßen blockierten. Telefonleitungen waren zeitweise unterbrochen. In vielen Häusern liefen die Keller voll. In Böen erreichte der Sturm eine Geschwindigkeit von bis zu 122 Kilometern pro Stunde.
+++ Juni 2010 brachte Rekordtemperaturen +++
Der vergangene Monat ist nach Berechnungen von US-Klimaforschern weltweit der heißeste Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1880 gewesen. Die durchschnittliche Oberflächentemperatur rund um den Globus habe mit 16,2 Grad Celsius deutlich über dem langjährigen Juni-Mittel im 20. Jahrhundert von 15,5 Grad gelegen, teilte die US-Behörde für Ozean- und Klimaforschung (NOAA) mit. Auch der Drei-Monats-Zeitraum von April bis Juni sei 2010 heißer gewesen als je zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Juni-Hitze war global freilich ungleich verteilt. Ganz besonders heiß war es im Zentrum und im Osten der USA, in Peru sowie in Zentral- und Westasien. In Nordeuropa, Südchina und im Nordwesten der USA sei es hingegen kälter gewesen als sonst.
AFP/dpa/lk




